Gesundheitsminister über Impfung für 12- bis 17-Jährige »Diese Entscheidung ist nicht gegen die Stiko gerichtet«

Wochenlang haben Politiker die Stiko zu einer Änderung ihrer Empfehlung gedrängt. Nun haben sie eine Impfkampagne beschlossen. Einen Dissens mit den Wissenschaftlern sehen die Gesundheitsminister aber nicht.
Impfung Symbolbild

Impfung Symbolbild

Foto: Fabian Sommer / dpa

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Am 10. Juni sprach die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Empfehlung aus: Kinder zwischen 12 und 17 Jahren sollen nur dann geimpft werden, wenn sie an einer Vorerkrankung leiden. Allen anderen stehe eine Impfung nach Rücksprache mit ihrem Arzt frei. Die Kommission begründete ihre Risiko-Nutzen-Bewertung mit noch fehlenden Daten zu Langzeitfolgen des Impfstoffs. Ein anderer Faktor waren die fehlenden Impfstoffe.

Kurz darauf kritisierten Politiker aller Parteien diese Entscheidung. Je mehr die Impfkampagne in Deutschland ins Stocken geriet, desto eindringlicher wurden die Aufforderungen an die Stiko, ihre Entscheidung zu ändern. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sagte kürzlich in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, dass es mit einer generellen Corona-Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren schneller gehen müsse. Von der Stiko sprach er als einer ehrenamtlichen Organisation, wohingegen die Europäische Arzneimittelbehörde EMA die »Profis« seien. Die hatte schließlich bereits im Mai den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen.

Die Gesundheitsminister der Länder hatten daraufhin ebenfalls im Mai eine gesonderte Impfkampagne für Kinder beschlossen, nur fehlte dafür leider noch der Impfstoff. Weil der nun da ist, kamen alle in der gemeinsamen Schalte am Montag überein: In den Impfzentren der Länder sollen Kindern über 12 nun gezielte Angebote gemacht werden. Vielerorts ist das nun ohnehin schon geschehen.

Auch Auffrischungsimpfungen für Ältere und Menschen, die mit AstraZeneca geimpft wurden, wurden beschlossen. Großen Streit gab es nach Teilnehmerangaben nicht bei den Themen, die Beschlüsse fielen einstimmig.

Bevor die Entscheidung fiel, hatte die Stiko ihre Ansicht zum Thema indes noch einmal bekräftigt. Man werde vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt anders entscheiden, sagte Stiko-Chef Thomas Mertens dem SPIEGEL . Dann, wenn es mehr Daten gebe. Dabei lasse sich seine Organisation jedoch nicht von der Politik treiben. Weil die Menschen nicht zum Impfen gingen, werde nun eine Stellvertreterdiskussion über die Impfung von Kindern geführt, setzte Mertens nach: »Als sei das der einzige Weg, die Impfquote zu erhöhen«.

Gehen Politik und Wissenschaft nun also getrennte Wege?

Unter den Landesgesundheitsministern will man den Trubel jedenfalls nicht recht verstehen. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) räumt ein, natürlich gebe es unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema. »Die Stiko prüft für sich die Frage der individuellen Bewertung des Nutzens einer solchen Impfung nach unabhängigen wissenschaftlichen Kriterien. Wir haben in der Politik das ganze pandemische Geschehen auf dem Schirm und müssen zwischen mehreren Parametern abwägen, etwa Schulschließungen und Long Covid«, erklärt der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz. Daraus ergebe sich ein unterschiedliches Meinungsbild, das sich aber nicht konterkarieren müsse.

Schulschließungen und Wechselunterricht, so hatten mehrere Politiker aller Parteien zuletzt immer wieder betont, sollten im Herbst unbedingt vermieden werden. Trotz steigender Infektionszahlen.

»Diese Entscheidung ist nicht gegen die Stiko gerichtet«

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek

Holetschek sieht in der Entscheidung der Gesundheitsminister auch keine Demontage der Stiko. »Diese Entscheidung ist nicht gegen die Stiko gerichtet«, sagt Holetschek. Sie greife den Spielraum auf, den die Wissenschaftler in ihrer Empfehlung geben. »Wir hebeln da nichts aus«, sagte er. Aber es sei wichtig, dass die Impfungen nun zügig vorangingen. Erst 20,5 Prozent der 12- bis 17-Jährigen sind einmal geimpft, 9,9 Prozent von ihnen vollständig.

»Eigentlich machen wir nichts anderes als das, was wir im Mai schon einmal beschlossen hatten: Auch damals wollten wir Gesundheitsminister die Kinder ab 12 impfen, da war allerdings noch zu wenig Impfstoff da«, sagt Holetschek.

Im benachbarten Baden-Württemberg sieht Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) ebenfalls kein Problem zwischen Politik und Stiko. »Die Datenlage aus anderen Ländern ist inzwischen so, dass einer Impfung von Kindern mit den zugelassenen Impfstoffen auch in Deutschland nichts mehr im Wege stehen sollte.« Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat die Impfungen etwa bereits für Kinder und Jugendliche über 12 empfohlen.

Auch FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner begrüßt die nun auch in Deutschland beschlossenen Impfangebote. »Ein niedrigschwelliges Angebot für Kinder und Jugendliche ist richtig, denn es handelt sich um zugelassene Impfstoffe«, sagte Lindner dem SPIEGEL. »Die Familien müssen aber ohne jeden Druck frei entscheiden, ob sie das Angebot annehmen. Der Selbstbestimmung kommt eine besondere Bedeutung zu, weil es keine Empfehlung der Stiko gibt«, erklärte er.

Das Problem: Mancherorts kann diese Selbstbestimmung offenbar überfordern – und zwar nicht nur Eltern. So berichtet eine Frau aus Baden-Württemberg gegenüber dem SPIEGEL, sie habe kürzlich in Esslingen ihre 14-jährige Tochter impfen lassen wollen. Als sie aber im Impfzentrum ankamen, fragte der Arzt im Aufklärungsgespräch immer wieder, ob sie sich des Risikos überhaupt bewusst sei. 14-Jährige bräuchten keine Impfung, man solle das Risiko der Gesichtslähmung nicht unterschätzen. Die Stiko sei schließlich auch dagegen. Die 14-Jährige sei so erschüttert gewesen, dass sie weinte und keine Impfung mehr wollte, berichtet ihre Mutter in einem Schreiben an den SPIEGEL.

Ist das ein Einzelfall? Ist das die Regel?

Gesundheitsminister Holetschek glaubt eigentlich nicht, dass die Empfehlung der Stiko Eltern verunsichert habe. Wer unsicher sei, solle das Gespräch mit seinem Arzt suchen.

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