Getötete Afghanistan-Soldaten "Das ist, als würde jemand aus der Familie gerissen"

Trauer in Zweibrücken: Innerhalb weniger Monate sind fünf Soldaten aus der Kaserne in Rheinland-Pfalz getötet worden. Ihre Kameraden und Bekannten sind erfüllt von Schmerz - und Wut. Afghanistan ist zwar weit weg. Doch die Angst um die Freunde ist ganz nah.

Aus Zweibrücken berichtet


Zweibrücken - An diesem lauen Herbsttag muss Oberstleutnant Holger Bonnen wieder von toten Kameraden in Afghanistan sprechen. Fünf Soldaten der Zweibrücker Kaserne wurden innerhalb von fünf Monaten getötet. Die Flagge weht auf Halbmast. Gefasst spricht Bonnen über die Zeit der Trauer, die nun anbreche. Doch er redet auch über Wut. Über die Wut der Soldaten auf Taliban-Attentäter, die als Zivilisten verkleidet Soldaten und Kinder töten.

Ein Selbstmordattentäter hat in der Nähe der nordafghanischen Stadt Kundus zwei Angehörige des Fallschirmjägerbataillons 263 mit in den Tod gerissen, einen 25-jährigen Stabsunteroffizier und einen 22 Jahre alten Stabsgefreiten. Viel mehr ist über die beiden nicht bekannt. Offenbar stammen sie aus der Region um Zweibrücken und aus Brandenburg. Im Juni wurden sie nach Afghanistan versetzt, vier Monate sollten sie bleiben. Am Mittwoch werden ihre Leichen nach Deutschland überführt.

Die Fallschirmjäger gehören zu dem Bataillon, dessen Aufgabe darin besteht, das Camp in Kundus zu sichern. Sie suchen nach Verdächtigen, sie sichern Konvois, sie sind auch nachts im Einsatz. Erst letzten Monat haben die Zweibrücker Fallschirmjäger einen Kameraden beerdigt, der bei einer Patrouille in eine Sprengfalle geraten war.

"Das ist schon stramm, wenn schon wieder welche aus Zweibrücken getötet werden", sagt ein Fallschirmjäger. Er scheint wenig geschlafen zu haben. "Wir sind Kameraden. Das ist, als würde jemand aus der Mitte deiner Familie gerissen."

Nicht einmal hundert Meter entfernt, links neben dem Eingang zur Kaserne, stehen die Baracken der Luftlandeaufklärungskompanie 260. Vor der Tür lagen im Juni Trauerkränze für zwei Kameraden, die bei dem Absturz eines Hubschraubers in Bosnien starben.

Aber der Auftrag geht weiter. Die Gefahr gehört zum Berufsrisiko, und sie wird größer. Vergangenen Donnerstag hat der Bundestag das Mandat für den Afghanistan-Einsatz verlängert und die Truppen um 1000 Mann aufgestockt. Vor ihren Auslandseinsätzen müssen die Soldaten ihr Testament machen.

80 Soldaten aus Zweibrücken sind in Afghanistan

"Darüber möchte ich gar nicht nachdenken", sagt Michaela Piechota und presst die Lippen aufeinander. Die 35-Jährige arbeitet in der Kneipe "Coyote Café" im Zentrum von Zweibrücken, einem Café mit geschwungener Holztheke und bunten Postern, in der viele Soldaten sich abends treffen. Am Montagabend, nach dem tödlichen Anschlag, kamen nur zehn Soldaten anstatt der üblichen dreißig, Alkohol bestellten einige gar nicht erst. Sie sind um acht nach Hause gegangen.

Viele von Piechotas Bekannten sind in Afghanistan im Einsatz. Einige haben sich darauf gefreut, auch das Geld lockte sie und das Abenteuer, andere sind nur widerwillig gegangen. Etwa 80 Soldaten aus Zweibrücken sind zurzeit in Kundus. Auch Michaelas Freund ist Fallschirmjäger, aber er hatte einen schweren Autounfall und liegt seit Juni im Krankenhaus. "Mein allererster Gedanke nach dem Anschlag war, zum Glück ist er nicht dabei", sagt Piechota und korrigiert sich sofort, dass sie das eigentlich gar nicht sagen dürfte. Ein Bekannter ist nach Afghanistan geschickt worden, er hat ihr im September eine SMS geschickt: "Sind gut angekommen in Afghanistan". Piechota hat seit Montag keine Nachricht, wie es ihm geht.

Zweibrücken hat 33.000 Einwohner, in der Kaserne sind 2500 Soldaten stationiert. Stadt und Militär gehören zusammen, und dann doch wieder nicht. Blumen und Kerzen sucht man nach den Anschlägen vom Montag vergeblich. Ein "Meer der Trauer" wird nicht durch Zweibrücken schwappen, glaubt der evangelische Pastor Victor Meyer, "man ist ja an einiges gewöhnt."

"Die wissen schon, worauf die sich einlassen, sie sind mit einem Fuß im Grab", sagt eine ältere Frau in der Fußgängerzone über die Soldaten. Ihr Vater war selbst in Mannheim stationiert. "Aber ich denke immer, das könnte mein Sohn sein." Sie wendet sich ab, presst ihre Hand auf die Brust und bricht in Tränen aus.

"Viele fragen sich, wie das weitergehen wird"

Auch den Oberbürgermeister Helmut Reichling lässt der Krieg im fernen Afghanistan, der für seine Stadt so nah ist, nicht los. Reichling hat eine tiefe Stimme, ein großer, ernster Mann, der hinter einem massiven Schreibtisch sitzt, in den das Wappen von Zweibrücken geschnitzt ist. Ein Löwe und eine Brücke. Auf der Fahne, die die Soldaten mit nach Afghanistan nehmen, prangt dieses Wappen. "Wenn ihr die Fahne zurückbringt und alle sind dabei, mache ich ein großes Fest mit Schwenkbraten, Bier und Würstchen", hat er vor dem Abschied versprochen. Nun muss er der Bevölkerung von Zweibrücken erklären, dass der Einsatz am Hindukusch kein "Quatsch" ist, den die Politiker beschließen. Dass die Soldaten auch für die Bevölkerung in Deutschland kämpfen.

Doch in der Stadt sind nur wenige seiner Meinung. "Viele fragen sich, wie das weitergehen wird", sagt der katholische Pfarrer Wolfgang Emanuel: "Das sind doch nicht die letzten, die in Afghanistan sterben." In den Geschäften, auf den Straßen fragen viele Zweibrücker: "Warum werden die nicht abgezogen?" Einige stehen vor dem Schaufenster der örtlichen Zeitung und lesen den Artikel über die getöteten Soldaten. "Ich war selbst bei den Fallschirmjägern", sagt ein Mann im Vorruhestand. "Ich bin quasi selbst betroffen." Dann sagt er: "Die schicken uns in einen Krieg, der uns nichts angeht."

Die Trauerfeier für die getöteten Soldaten findet am Freitag statt - in der Alexanderskirche der evangelischen Gemeinde. Wie schon im Juni werden zwei Särge vor dem Altar mit dem großen Messingkreuz und drei bunten Kirchenfenstern aufgebahrt. Wieder wird Oberbürgermeister Reichling sprechen, wieder wird ein Militärpfarrer eine Predigt halten.

Wahrscheinlich wird es nicht das letzte Mal sein.



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