Getöteter Islamist Breininger Der Instant-Dschihadist

Eric Breininger gelte sich die Haare und spielte Fußball bei Borussia Neunkirchen - bevor er innerhalb weniger Monate zum Gotteskrieger wurde. Jetzt soll der 22-Jährige in Pakistan getötet worden sein. Die Geschichte einer Radikalisierung: Wie ein junger Deutscher in den Bann der Dschihadisten kam.

Von Yassin Musharbash, und


Berlin - Nur Stunden, nachdem die militante Gruppierung Taifatul Mansura seinen Tod verkündet hatte, nahmen Eric Breiningers Gesinnungsgenossen in Deutschland die Nachricht zur Kenntnis. In den Trauerbekundungen in einem einschlägigen deutschsprachigen Dschihadisten-Forum im Internet wurde der Saarländer umgehend zum "Löwen" und "Helden" erklärt, und zum "tapferen, furchtlosen Kämpfer", der nun mit Gewissheit ins Paradies einziehen werde.

Gut möglich, dass dies Eric Breiningers Wunsch war. Seit Herbst 2007 wurde er im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet vermutet, wo er nun, dem Terroristen-Kommuniqué zufolge, den Tod fand. Offenbar im Kampf gegen pakistanische Soldaten.

Mehrfach hatte er sich in den vergangenen drei Jahren in diesem Sinne zu Wort gemeldet, meist in Propagandavideos der Islamischen Dschihad-Union (IJU), an die ihn Daniel Schneider, verurteiltes Mitglied der Sauerland-Gruppe, herangeführt hatte.

Doch es gibt wohl auch eine andere Wahrheit. Ein Löwe? Ein Held?

Eric Breininger wirkte selbst in seinen Propagandavideos eingeschüchtert. Er nuschelte, die Grammatik spielte ihm Streiche, er verschleppte und verschluckte Silben. Nach Ansicht eines dieser Videos mutmaßten Analysten sogar, dass er unter Drogen stehe.

Einer, der sich nie entscheiden kann und leicht beeinflussbar ist

Breininger wirkte wie jemand, der zwar Entschlossenheit demonstrieren wollte, aber zugleich nicht weiß, wie er da gelandet ist, wo er jetzt steckt. Das passt schon eher zu dem Menschen, an den sich all diejenigen erinnern, die ihn von früher kennen.

Schon sein Abschied aus Deutschland verlief so unentschlossen und wankelmütig wie sein gesamtes bisheriges Leben. Es ist der 1. September 2007: Breininger sitzt am Schreibtisch des Reisebüros im Saarparkcenter von Neunkirchen, er hat extra zwei Freunde dazu gebeten, er muss sich jetzt entscheiden, wohin er will. Er weiß nur, dass er aus Deutschland verschwinden soll, sofort.

Aber selbst entscheiden, das ist nicht die Stärke des Eric Breininger. Entscheidungen hat er in seinem Leben meist andere treffen lassen. Er könnte nach Damaskus fliegen. Aber es gibt einen billigeren Flug nach Hurghada, die ägyptische Bettenburg für Pauschaltouristen. 180 Euro, sagt der Mann im Reisebüro, kostet das Ticket. Breininger bucht schließlich Hurghada für den nächsten Morgen, den 2. September 2007. Und dann ist er weg - ein endgültiger Abschied, wenn sich seine Todesmeldung bestätigt.

Breininger ist zum Zeitpunkt seiner Abreise eine Art Ziehsohn von Daniel Schneider, einem der Mitverschwörer der Sauerland-Gruppe. Breininger, der einst in der Fußballjugendmannschaft von Borussia Neunkirchen kickte, das Haar gegelt trug und sich auf der Sonnenbank bräunte, durchläuft an Schneiders Seite und in der gemeinsamen Umgebung eine Radikalisierung im Schnellverfahren.

Dschihad? - "Ich werde das auch machen"

Die Geschwindigkeit ist atemberaubend. Anfang 2007 trifft er bei einem Logistikunternehmen in Neunkirchen einen pakistanischstämmigen Kollegen namens Anis P., der einen langen Bart trägt und vom Islam schwärmt. Breininger begeistert sich sofort, seine Kette mit dem Kreuz, die er um den Hals trägt, wirft er in einen Fluss. Das sei der Beginn seiner Veränderung gewesen, erzählt seine ältere Schwester Anke. Als er im Mai 2007 die Handelsschule abbricht, auf der er die mittlere Reife nachholen will, stellt sie ihn zur Rede. "Aber da kam man schon nicht mehr an ihn heran."

Breininger sei "ein sehr beeinflussbarer Mensch", glaubt ein Ermittler, "er hätte auch bei den Neonazis landen können, oder bei Scientology, wenn er unter deren Einfluss geraten wäre."

Eric Breininger sagt nun, er sei jetzt kein Deutscher mehr, er sei Muslim, die Deutschen seien alles Ungläubige, auch die eigene Familie. Daniel Schneider und er leben in einer Wohngemeinschaft in Saarbrücken-Herrensohr. Es ist eine Konvertiten-WG in einem zweistöckigen Wohnhaus der Petrusstraße 32, in der irdische Werte schon lange ihre Bedeutung verloren haben. In den klammen Zimmern im ersten Stock stehen Möbelstücke, die aussehen, als hätte man sie vom Sperrmüll zusammengetragen. Nachbarn erzählen, die jungen Männer hätten "oft und sehr laut zu Allah gebetet".

Sein Märtyrervideo ist schon angekündigt

In den schmucklosen Räumen der "Omar-Moschee" tritt Eric Breininger im März 2007 mit seiner deutschen Freundin vor einen Imam, um sie nach islamischem Ritus zu ehelichen, für 100 Euro Brautgeld. Seiner Freundin berichtet er stolz vom Dschihad: "Ich werde das später auch machen."

Es dauert gerade einmal ein halbes Jahr, bis aus Eric Breininger, dem labilen und zuweilen kiffenden Konsumkind, der Gotteskrieger Abdul Gaffar geworden ist. Er ist ein Instant-Dschihadist, wie ihn Sicherheitsbehörden rund um den Globus in den letzten Jahren häufiger registrieren. Die Konversion zum Islam entpuppt sich in Breiningers Fall de facto als Konversion zum militanten Islamismus, zum Dschihadismus.

Breininger verlässt Deutschland allerdings nicht ganz freiwillig, Daniel Schneider hat ihn dazu aufgefordert: Die Sauerland-Gruppe bereitet einen Bombenanschlag vor, und Eric soll nicht in das Raster der Ermittler geraten. "Aus diesem Grund habe ich meinem Bruder gesagt, er soll unbedingt gehen", wird Schneider später sagen.

Anders als anderen Rekruten der Sauerland-Gruppe gelingt Breininger die Reise nach Waziristan, er wird nicht unterwegs aufgegriffen oder festgenommen. Bei der IJU angelangt, entwickelt er sich bald zum Propagandisten. Die ersten Videos werden ins Netz gestellt: Breininger mit schweren Waffen posierend. Breininger im Interview mit dem Pressesprecher der IJU, Ahmet M., der nun an seiner Seite gestorben sein soll. Breininger mit vermummten Kämpfern der IJU.

Per Steckbrief gesucht

Das Bundeskriminalamt sucht ihn per Steckbrief und mit internationalem Haftbefehl. Über seine Absichten rätseln die Behörden. Will er kämpfen, um zu sterben? Kämpfen und zurückkehren? Plant er ein Selbstmordattentat?

Zwischenzeitlich befürchten die Behörden, Breininger könne nach Deutschland reisen wollen, womöglich um hier einen Anschlag zu verüben. Doch er meldet sich erneut: Entsprechende Berichte seien Unfug.

Zuletzt spricht Breininger nicht mehr ausdrücklich im Namen der IJU. Die Gruppierung scheint nach dem Tod des Anführers Nadschmeddin Schalolow durch eine Drohne im Herbst 2009 zerrüttet. Breiningers Kampfgefährte Ahmet M. macht seine eigene Medienabteilung auf, Elifmedya. Er produziert fortan Propagandavideos in Eigenregie, als Dienstleister - manchmal noch für die IJU, aber auch für die Deutschen Taliban Mudschahidin oder die Taifatul Mansura, die am Ende seinen und Breiningers Tod bekanntgibt, Breininger läuft regelmäßig durchs Bild, schießt oder scherzt, je nachdem. Im Herbst 2009 melden er und Breininger sich in einem deutschen Dschihadisten-Forum: Gruß aus Afghanistan. Das Bild zeigt Breininger an einem Laptop, vermutlich in einem Internetcafé.

Noch immer ist die Todesmeldung der Taifatul Mansura vom Montag nicht bestätigt. Deutsche Behörden prüfen sie, aber das ist schwer in den unzugänglichen Teilen Pakistans. Die Taifatul Mansura hat derweil ein Video angekündigt. Es ist wahrscheinlich, dass Breininger darin demnächst als Märtyrer verherrlicht werden wird.

Als der entschlossene junge Mann, der er vermutlich nie war.



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Seite 1
Haio Forler 03.05.2010
1. .
Zitat von sysopEric Breininger gelte sich die Haare und spielte Fußball bei Borussia Neunkirchen - bevor er innerhalb weniger Monate zum Gotteskrieger wurde. Jetzt soll der 22-Jährige in Pakistan getötet worden sein. Die Geschichte einer Radikalisierung: Wie ein junger Deutscher in den Bann der Dschihadisten kam. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,692717,00.html
Ist schon beachtlich, wie schnell manche auf so ein paar bekloppte Bartträger hereinfallen. Hier in Bonn laufen auch solche Gesichtsteppiche herum. Ich hatte einmal das Vergnügen, solche "Anwerbungen" (oder besser gesagt Teaser) mitzubekommen. Wer darauf hereinfällt, ist nicht nur labil, sondern unsagbar vollpfostendämlich wie ein Stück Hefe. Und da gebe ich dem Autoren recht: der Kerl wäre auch zu den Nazis gegangen. Das Muster ist immer dasselbe, dermaßen durchsichtig und dumm eingefädelt.
sprechweise, 03.05.2010
2. Märtyrer
Zitat von sysopEric Breininger gelte sich die Haare und spielte Fußball bei Borussia Neunkirchen - bevor er innerhalb weniger Monate zum Gotteskrieger wurde. Jetzt soll der 22-Jährige in Pakistan getötet worden sein. Die Geschichte einer Radikalisierung: Wie ein junger Deutscher in den Bann der Dschihadisten kam. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,692717,00.html
Märtyrer sind Menschen, die nicht die Kraft zum Leben haben.
beobachter1960 03.05.2010
3. Es gibt halt solche Menschen
Ob es uns Selbstdenkern nun passt oder nicht, es gibt halt Menschen die mit den vielen Freiheiten und Möglichkeiten nicht richtig umgehen können. Wäre toll wenn eine freiheitliche Gesellschaft auch solchen Menschen einen Halt geben könnte.
Oliver Resch, 03.05.2010
4. Er ist beim Islam gelandet
"Breininger sei "ein sehr beeinflussbarer Mensch", glaubt ein Ermittler, "er hätte auch bei den Neonazis landen können, oder bei Scientology, wenn er unter deren Einfluss geraten wäre." Wenn er Neo-Nazi oder Scientologe geworden wäre, ob er dann auch ausgezogen wäre um andere Menschen im Namen seines Glaubens zu töten? Ich glaube eher nicht.
Druschba, 03.05.2010
5. War Borussia schuld?
Zitat von sysopEric Breininger gelte sich die Haare und spielte Fußball bei Borussia Neunkirchen - bevor er innerhalb weniger Monate zum Gotteskrieger wurde. Jetzt soll der 22-Jährige in Pakistan getötet worden sein. Die Geschichte einer Radikalisierung: Wie ein junger Deutscher in den Bann der Dschihadisten kam. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,692717,00.html
War es jetzt das Gel in den Haaren oder Borussia Neunkirchen? Irgendwer muss ja schuld sein, aber wer immer es war und so tragisch der gewaltsame Tode jedes Menschen ist, wer sich auf diesen Weg begibt, ist wohl wissentlich und willentlich auf einer Einbahnstraße in die Hölle.
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