Gewalt an Schulen Wowereit im Wunderland

Wenn er Kinder hätte, kämen sie nicht auf eine Kreuzberger Schule, hatte Berlins Regierender Bürgermeister kürzlich gesagt. Er erntete einen Proteststurm. Heute tingelte Wowereit durch drei Vorzeigeschulen des Bezirks - vorbei an den wirklichen Problemen.

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Berlin - Einen Freund wenigstens hat er - Retriever-Hündin Lotti wedelt freudig mit dem Schwanz, als Berlins Regierender Bürgermeister um kurz nach elf Uhr am Vormittag durch die Eingangstür der Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg tritt.

Regierender Bürgermeister in Vorzeigeschule: Mit Schulhund Lotti gegen Randale.
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Regierender Bürgermeister in Vorzeigeschule: Mit Schulhund Lotti gegen Randale.

Es ist schon die dritte Kreuzberger Schule, durch die Wowereit heute tingelt - und es ist der medienwirksame Versuch der Wiedergutmachung: Am Nikolaustag vor anderthalb Monaten hatte Klaus Wowereit in einem Fernsehinterview gesagt, er würde seine Kinder - wenn er denn welche hätte - nicht auf eine Schule in Kreuzberg schicken. Eine ziemlich theoretische Anmerkung des bekennenden Schwulen, die einen Sturm der Entrüstung auslöste.

Die einen empfanden Wowereits Äußerung als zynisch, die anderen schlicht als Eingeständnis schlechter Politik. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Friedbert Pflüger nannte Wowereits Antwort "eine Bankrotterklärung der SPD-Schul- und Integrationspolitik." Schließlich trügen die Sozialdemokraten seit 1995 für das Bildungsressort Verantwortung. Er stigmatisiere einen ganzen Bezirk, warf Pflüger Wowereit vor. Und Franz Schulz, Kreuzbergs Bezirksbürgermeister von den Grünen forderte einen Entschuldigung. Wowereit erklärte schließlich, er bedaure, wenn die Äußerungen missverstanden worden seien.

Missverstanden werden wollte er heute nicht mehr: Erst fütterte er Schulhund Lotti mit Waffeln, die er den Schülern abkaufte, dann verschwand er für eine Stunde ohne Journalisten hinter geschlossenen Klassenraumtüren, um danach mit Lotti an der Leine wieder vor die Journalisten zu treten. Alles gut, ein "deutliches Ja" - hier auf die Charlotte-Salomon-Schule würde er seine Kinder hinschicken.

Nicht alles in Ordnung, nicht alles in Unordnung

Den Vorfall vom letzten Freitag bei einem Schulfest in Berlin-Lichtenrade, wo schulfremde Jugendliche einen Polizisten in Zivil krankenhausreif schlugen, kommentierte Wowereit schlicht: Dass könne überall vorkommen. Während die Berliner Zeitungen voll sind mit Meldungen über den Anstieg der Schulgewalt und randalierende Jugendgangs, die Mitschüler schikanieren, sucht sich Wowereit seine ganz eigene Realität.

Bei der Auswahl der drei Schulen, darunter keine Hauptschule und keine mit einem Migrantenanteil von achtzig Prozent oder mehr - wie es in Neukölln und Kreuzberg an der Tagesordnung ist - habe er vollkommen auf die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft vertraut. Die GEW hat Wowereit zur Schultour eingeladen. "Schließlich war das Ziel, zu zeigen, was Schulen auch unter schwierigen Bedingungen leisten können", sagte ein GEW-Sprecher. Man wolle die Politik auffordern, diese Stärken weiter zu unterstützen. Die Charlotte-Salomon- Schule, in der behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen lernen, sei ein Leuchtturm unter den Kreuzberger Grundschulen.

Grundsätzlich habe er die Leistungsfähigkeit, aber auch die Nöte der Kreuzberger Schulen erkannt - Wowereit bemühte sich nach dem Unterrichtsrundgang auf der Pressekonferenz um politisch korrekte Ausgewogenheit. Weder sei "alles in Ordnung, noch alles in Unordnung". Die Visite sei nett verlaufen, Sorgen seien ihm nicht im Jammerton vorgetragen worden, im Leibniz-Gymnasium habe er "eine große Sensibilität" beobachtet, mit der die Jugendlichen die Familiensituationen ihrer Mitschüler beobachten würden - "wenn es zum Beispiel für Jugendliche aus islamischen Familien nicht selbstverständlich ist, dass sie an Klassenreisen oder ähnlichem teilnehmen dürfen."

Dafür, dass es bislang kaum aufgefallen sei, dass er sich auch an den Problemschulen engagiere, hatte Wowereit eine eigene Erklärung parat: Oft besuche er Brennpunktschulen im Bezirk - "und es ist schon fast peinlich, dass das nicht wahrgenommen werde". Er halte eben nichts davon, immer nur dann bei den Schulen aufzulaufen, wenn Ähnliches wie in der Rütli-Schule passiere. "Heerscharen von Journalisten" interessierten sich nur dann für die Schulen und "stören" den Unterrichtsbetrieb, so Wowereit.

"Das hat nichts mit der Herkunft zu tun"

Außerdem: Die Schwierigkeiten in Bezirken wie Kreuzberg oder Neukölln dürften nicht darauf zurückgeführt werden, dass es dort einen hohen Anteil von "Schülern mit Migrationshintergrund" gebe. "Das ist nicht das eigentliche Problem, sondern damit korrespondiert die soziale Situation, in der diese Schüler aufwachsen", so Wowereit. Die entscheidende Frage sei, wie man die soziale Situation verbessern könne. "Das hat nichts mit der Herkunft zu tun".

Heute müssten eben Schulen das leisten, was früher die Elternhäuser vollbracht hätten und deshalb "stehen wir vor großen Herausforderungen", sagte der Regierende Bürgermeister. Ob die Anzahl der Sozialarbeiter an den Schulen ausreiche, könne er nicht sagen. Es geht aber auch nicht immer nur um Geld und um Personal, sondern darum, "wie sich jede einzelne Schule organisiere", sagte Wowereit.

Von "herkömmlichen Organisationsformen" müsste man auch mal abweichen. Als Journalisten wissen wollten, was er denn damit genau meinte, fühlte sich Wowereit offenbar wie im falschen Film. "Also jetzt muss ich mal ein Break machen. Ich bin nicht der Bildungssenator oder ein Oberschulrat oder sonst was hier."

Nur eines: Der Hund Lotti sei da doch schon eine tolle Idee, um "sich vom Schulalltag abzuheben".

Gute Idee - ein Hund gegen personelle Unterbesetzung, gewalttätige Schüler und hilflose Lehrer.



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