Gewalt gegen Kinder Merkel fordert wachsame Bürger

Die Kindstötungen in Sachsen und Schleswig-Holstein alarmieren die Politik: Kanzlerin Merkel hat vor einem "Klima des Wegsehens" gewarnt. Die gesamte Gesellschaft sei gefordert.


Berlin - Mehr Schutz für Kinder in Notlagen - das ist die Forderung von Politikern und Verbänden nach den Tötungsfällen in Sachsen und Schleswig-Holstein. Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte aber auch an alle Bürger, sich verantwortlich zu fühlen. Die CDU-Politikerin forderte "eine Kultur des Hinsehens" in Deutschland. Es dürfe "kein Klima des Wegsehens geben". "Diese unfassbaren Fälle gehen unter die Haut", sagte die Kanzlerin der "B.Z.". Natürlich seien zunächst die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen gefordert. Aber das genüge nicht. Alle müssten gemeinsam dafür sorgen, "dass Kinder eine gesicherte Zukunft haben".

Auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) forderte mehr Wachsamkeit in der Nachbarschaft. "Wir müssen uns auch als Gesellschaft verantwortlich dafür fühlen, nicht wegzuschauen, wenn Familien verzweifelt und überfordert sind", sagte die Ministerin heute in Berlin.

Von der Leyen plädierte zugleich für verbindliche Einladungen zu Vorsorgeuntersuchungen. "Wenn jemand der Einladung nicht folgt, kommt sofort das Jugendamt zu Besuch und schaut nach, ob alles in Ordnung ist. So können gefährdete Familien herausgefiltert und dann auch weiter begleitet werden."

Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) will Ärzte und Hebammen im Freistaat verpflichten, den Jugendämtern gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls zu melden. "Wir müssen das Wächteramt des Staates stärken", sagte Stewens. Derzeit würden mögliche Faktoren für eine Gefährdung geprüft. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) sprach sich auch für schärfere Gesetze des Bundes aus, etwa eine bundesweite Pflicht zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen.

Schleswig-Holsteins Innenminister Ralf Stegner (SPD) sagte am Rande der Innenministerkonferenz in Berlin: "Das ist eine schreckliche Familientragödie, die überall Trauer und Entsetzen ausgelöst hat." Von der Leyen verwies darauf, dass solche "entsetzlichen Vorfälle" oft nicht aus heiterem Himmel passierten. Deshalb müsse von den Behörden genau geprüft werden, ob Warnsignale nicht beachtet oder Informationen verloren gegangen seien.

Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) sieht im Einsatz von freiwilligen Polizeihelfern eine Chance, solche Familientragödien zu verhindern. In Hessen zeige das im Jahr 2000 eingeführte Projekt einer freiwilligen Polizeihilfe gute Erfolge, sagte Bouffier stern.de. Man brauche "Menschen, die mehr tun als sich zurücklehnen und sagen, es wird schon irgendein anderer was tun".

hen/dpa



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silente, 06.12.2007
1.
Ich kann Euch sagen, warum Mütter ihre Kinder töten: Wenn man jeden Morgen aufwacht mit Sorgen im Magen (und das in diesem Fall fünffach), wenn man alleine gelassen wird, mit niemandem über diese Sorgen reden kann, weil die Fähigkeit des einander Zuhörens in dieser Gesellschaft gänzlich abhanden gekommen ist, erreicht man irgendwann den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Wer will Kindern solch eine "Welt" antun? Das ist eine Frage, die als Grund dafür steht, weshalb viele erst gar keine in die Welt setzten, lieber verbissen gegen die innere Uhr ankämpfen und verdrängen. Andere sind schwächer, bekommen Kinder, LIEBEN ihre Kinder. Aber müssen irgendwann feststellen, dass sie keine Chance auf Zukunft mehr haben. Absolute Dunkelheit... Jeder, der zu diesen Themen klug daher reden zu müssen glaubt, sollte bedenken, dass eine Gesellschaft ihre Amokläufer, ihre Kindermörder, ihre Geisteskranken Täter immer aus sich selbst gebird. Und diese Gesellschaft sind WIR!
dietrichstahlbaum, 06.12.2007
2. Kindesmisshandlung ein gesellschaftliches Problem?
Bevor wir den Staat rufen, sollten wir zuerst einmal nach den Ursachen und Folgen fragen: Die Zeitungsberichte lassen vermuten, Kindesmisshandlung sei ein Schichtenproblem. Dies wird zumeist auch so gesehen. Es ist ein Vorurteil. Aber es gibt einen Unterschied, einen sichtbaren und einen verborgenen: Physische Gewalt, also körperliche Misshandlung - dazu zählt die Vernachlässigung - ist am häufigsten in den sozial benachteiligten Unterschichten. Ursachen sind, wenn nicht wirkliche Armut und tiefes Elend, das Leiden am niederen Lebensstandard in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, soziale Kälte und der »Konsumismus« [Maria Mies] herrscht. Ferner: Ehe-/Partnerschaftsprobleme der Eltern, Stress, Arbeitslosigkeit oder die Härte der Arbeitsbedingungen und, dementsprechend, raue Umgangsformen, weil eine verbale, eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht entwickelt werden konnte. Es gibt sie noch: die schwere körperliche Arbeit; sie blockiert intellektuelle und kulturelle Lernprozesse. Und die ständige Überforderung am Fließband. Generationen von Arbeitern und ihren Familien sind davon geprägt, auch Familien, denen der Aufstieg in den Mittelstand gelungen ist. Körperliche Züchtigung, üblich noch in meiner Kindheit. Gewalt, von Generation zu Generation "weitergegeben" – in allen Schichten! Der Rohrstock in der Schule, neben dem Spucknapf. In der Volksschule. Da habe auch ich Prügel bezogen, zwischen 1932-38. Solch ein Kindesmissbrauch war damals gang und gebe und gehörte einfach zur Erziehung. Die Schule als Paukanstalt für sadistische Lehrer! Die andere Art der Kindesmisshandlung ist die psychische. Sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren, ist aber mindestens ebenso grausam wie physische Gewalt. Sie beginnt bei permanenter Overprotektion [Selbständigkeit verhindernde, Angst induzierende Überbehütung] und endet beim Psychoterror. Nur der geschulte Blick kann die bleibenden Schäden dieses Missbrauchs elterlicher und pädagogischer Autorität erkennen, z. B. an der Körperhaltung, am Gesichtsausdruck und an der Sprache des betroffenen Kindes. Auch die psychische Misshandlung kann dieselben Folgen haben wie die physische: Neurosen, Neurosen, Psychosen, Depressionen, Schuldgefühle, Angst- und Schmerzzustände, neurovegetative Störungen, Herzbeschwerden, Rheumatismus, Immunschwäche, Krebs, Drogen- und Medikamentensucht, Alkoholismus, Selbstverstümmelung und Suizid; Masochismus, Sadismus, Mordsucht, Missbrauch eigener und fremder Kinder u. v. m. Keinen geringeren Schaden verursacht subtile Gewalt, wie sie besonders von Intellektuellen gegen Kinder und PartnerInnen angewendet wird. Individuelle Gewalt. Dieser Hydra Kopf für Kopf abschlagen? Schärfere Gesetze, härtere Strafen, Überwachungsmaßnahmen? Das wird nichts nützen. Sie wachsen nach, die Köpfe. Not-wendig ist eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Und vor allem: Aufklärung! Aufklärung! Aufklärung! Deutlich machen, woher diese Gewalt kommt und dass wir sie eindämmen können, wenn wir die sozialen Verhältnisse ändern, die Gesellschaft ändern, mitsamt uns selber! Aufgabe der Politik ist es, die strukturellen und personellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden leben kann.
Axelino, 06.12.2007
3. Schieflage
Was schief läuft weiß eigentlich jeder: Kosteneinsparungen an allen sozialen Kernpunkten. Stellenkürzungen bei den Jugendämtern, eine kinderfeindliche Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Wohin soll jemand gehen, der mit seinen Kindern nicht mehr klar kommt? Wo wird ihm denn wirklich geholfen? Ich habe selbst Kinder, und wüsste nicht an wen ich mich wenden sollte. Bei den Jugendlichen gehts grade so weiter, es gibt Städte, die haben noch nicht mal ein anständiges Jugendzentrum. Sowas könnte ja Geld kosten. Das sind so die Nebenwirkungen einer Leistungs- und Konsumorientierten Gesellschaft.
Nicola54 06.12.2007
4. Nicht der Staat ist gefragt
Nicht der Staat ist gefragt, sondern wir alle. Solange Kinder von der Gesellschaft lediglich als Sache ihrer Eltern betrachtet werden und nicht als Kinder von uns allen, für die wir alle verantwortlich sind, wird es immer wieder solche Fälle geben. Heutzutage Kinder zu haben, ist ein sehr anstrengendes und aufreibendes Unterfangen. Leider steht man oft allein. Das fängt mit den Türen an, die einem mit Kinderwagen vor der Nase zugeschlagen werden, geht über Schlange stehen mit einem Zweijährigen ohne daß man vorgelassen wird und geht bis zu Beschwerden von Nachbarn, ohne Hilfe anzubieten. Ich war selbst alleinerziehende Mutter. Ich habe die Frage: "Wo ist denn die Mutter?" gehaßt, ganz zu schweigen, daß man beschimpft wurde, wenn eine prekäre Situation bestand. Niemand kam dann ganz einfach auf die Idee, das Kind von irgendwas abzuhalten oder sich mit ihm zu unterhalten. Nein, die Eltern bzw. die Mutter war zuständig und schuld. Nein, Kinder gehören uns alle, und Eltern brauchen unser aller Unterstützung.
Der_Alex 06.12.2007
5.
Man muss sich zu erst fragen, was läuft schief mit uns allen. Man kann nicht mehrere Hundert Jahre Gewalt und Erniedrigung aus den Familien einfach so raus operieren.
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