Gewaltstatistik Berlin - Hauptstadt der Kindesmisshandlungen

Blaue Flecken, Knochenbrüche, Essensentzug: In Berlin ist die Zahl von gemeldeten Übergriffen gegen Kinder viermal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Experten machen dafür die Armut verantwortlich - und die Tatsache, dass Misshandlungen immer öfter angezeigt werden.

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Berlin - Die Meldungen sind erst einige Tage alt: Ende November wurde bekannt, dass die Polizei gegen einen 35-jährigen Mann aus Berlin-Hellersdorf ermittelt. Er soll seinem neunjährigen Stiefsohn beide Unterarme gebrochen haben. In der vergangenen Woche wurden drei Kinder im Alter von ein bis sechs Jahren aus einer völlig verwahrlosten Wohnung geholt und dem Kindernotdienst übergeben.

Vermüllte Wohnung in Berlin: Vier Kinder lebten hier bis Frühjahr 2007 fast ein Jahr ganz alleine, die Mutter war einfach ausgezogen
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Vermüllte Wohnung in Berlin: Vier Kinder lebten hier bis Frühjahr 2007 fast ein Jahr ganz alleine, die Mutter war einfach ausgezogen

Werden Kinder in Berlin besonders oft gequält oder roh misshandelt?

Eine Statistik von Bundes- und Landeskriminalämtern jedenfalls ist erschütternd: In der Hauptstadt war die Zahl der erfassten Kindesmisshandlungen im Jahr 2006 prozentual viermal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. 563 Mal musste die Polizei in Berlin ermitteln, weil Kinder misshandelt wurden. Damit kommen 17 Fälle auf hunderttausend Einwohner. Im Bundesdurchschnitt sind es vier Fälle.

Auf Berlin folgt - allerdings mit großem Abstand - Rheinland-Pfalz. Dort kamen sechs erfasste Fälle von Kindesmisshandlung auf hunderttausend Einwohner, in Bayern und Baden-Württemberg waren es jeweils nur zwei. Insgesamt ist die Zahl der erfassten Misshandlungen stark angestiegen: in den letzten zehn Jahren von bundesweit knapp 1900 im Jahr 1995 auf über 3000 im letzten Jahr.

"Immer die Probleme der Unterschicht"

Schläge, Tritte, kein Essen und Trinken: Nach Paragraf 225 des Strafgesetzbuchs umfasst die Misshandlung von Schutzbefohlenen, in diesem Fall Kindern, rohe Gewalt oder Gesundheitsschädigung durch die "böswillige Vernachlässigung" der Sorgepflicht. Das Strafmaß liegt zwischen sechs Monaten bis zehn Jahren.

Warum sind die Zahlen der Misshandlungen in Berlin fast sechsmal so hoch wie etwa in Hamburg?

"Kindesmisshandlungen haben fast immer mit den Problemen der Unterschicht zu tun", sagt Bernd Siggelkow, Leiter der Berliner "Arche". Und die sei eben in Berlin besonders ausgeprägt: Die Zahl, dass in Berlin 42 Prozent aller unter Achtjährigen von Transferleistungen leben, werde totgeschwiegen - eine ähnlich hohe Zahl gebe es sonst nur noch in Bremerhaven, sagt "Arche"-Pressesprecher Wolfgang Büscher.

Je perspektivloser die wirtschaftliche Situation von Müttern und Vätern, desto größer sei die Gefahr, dass Kinder vernachlässigt würden, so Büscher. "Nach anderthalb Jahren Arbeitslosigkeit kommt der Jogginganzug, nach zwei Jahren die Flasche Bier auch tagsüber. Eltern verlieren jeden Bezug zu ihrem Kind."

Dass die Rekordzahl zumindest mit auf die dichte Ansammlung sozialer Brennpunkte in Berlin zurückzuführen sei, sagt auch Sabine Bresche, Sozialarbeiterin beim Berliner Kinderschutzbund. "Armut ist ein Risikofaktor der zu Gewalt gegen Kinder führen kann". Die Hemmschwellen, über Gewalt zu sprechen, seien in allen Milieus hoch. Es sei wichtig, dass die Einrichtungen, in die Kinder und ihre Eltern im Alltag sowieso kommen - also zum Beispiel Schulen und Kitas - noch aufmerksamer würden und sie motivieren, Hilfe anzunehmen.

"Man schaut sich inzwischen mehr um"

Bernhard Schodrowski, Sprecher der Berliner Polizei, hat eine andere Erklärung als die Armut für die hohen Zahlen: "Berlin ist bundesweit die einzige Stadt, die ein Kommissariat hat, das sich ausschließlich mit Kindesmisshandlungen und- vernachlässigungen beschäftigt." Durch massive Aufklärungsarbeit seit 2004 sei die Bevölkerung für das Thema sensibilisiert worden, eine eigene Hotline wurde eingerichtet. "Ich führe die Zahlen der erfassten Fälle in Berlin auf die Sensibilisierung der Menschen zurück", so Schodrowski.

Auch Andreas Neumann-Witt, Leiter des Jugendnotdiensts Berlin, beobachtet in Berlin ein "anderes Anzeigeverhalten" als früher. "Stärker als bisher" sei die Öffentlichkeit sensibilisiert. Die von den Berliner Jugendämtern initiierte "Hotline Kinderschutz" sei ein Instrument, mit dem Fälle von Kindesmisshandlung leichter aufgedeckt werden könnten. Wobei es sehr unterschiedliche Anrufe gebe: "Ein unversorgter Säugling zwingt zu einem anderen Verhalten als ein lärmender Jugendlicher." In anderen Bundesländern kommt es nach Witts Einschätzung ebenso häufig zu Misshandlungen wie in Berlin.

Ähnlich die Einschätzung von Sozialarbeiterin Bresche: Betroffene in Berlin würden sich inzwischen eher Hilfe holen. "Man schaut sich inzwischen eher um."

Iris Hölling von Wildwasser e.V., Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch von Mädchen, berichtet, dass im Jahr 2006 120 Kinder wegen Gewalt in den Wildwasser-Notunterkünften untergebracht wurden. "Aber die Dunkelziffer ist sicherlich höher."

Schlafen unter Zeitungspapier auf dem Küchenfußboden

Tatsächlich werden sehr viele Fälle, bei denen Kinder unter Vernachlässigung oder Gewalt leiden, überhaupt nicht bekannt. Wolfgang Büscher von der "Arche" hat eine ganze Liste von furchtbaren Geschichten parat: Eltern, die ihr Kind am Abend nicht finden und es dann Stunden später entdecken: Zusammengerollt unter einem Stapel Zeitungspapier auf dem kalten Küchenfußboden. Oder das kleine Mädchen, das mit seinen fünf Geschwistern auf einer mit Hundekot beschmierten Matratze schläft. "Das sind die Vorstufen zu aktiver Gewalt. Aber wer soll sie anklagen?", so Büscher.

Jedes dritte Kind, das in Berlin-Hellersdorf in die Arche kommt, habe bereits psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt, sagt Büscher. Mit mobilen Einsatz-Teams verhinderten die Mitarbeiter der Einrichtung oft Schlimmeres.

Über 500 Fälle von schweren Misshandlungen wurden in Berlin bekannt - wieviele Kinder in der Hauptstadt und bundesweit wirklich Opfer von Gewalt wurden, weiß niemand. "Die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch und das spricht dafür, dass das Problem viel mit Einsamkeit zu tun hat", sagt "Arche"-Leiter Siggelkow. Armut ziehe die Menschen in ein Loch, sie würden sich isolieren - und oft merke dann niemand rechtzeitig, was mit den kleinen Kindern passiere.

Wie bei den toten Kindern aus Darry und Plauen, wie bei der verhungerten Jessica aus Hamburg und der toten Lea-Sophie aus Schwerin.

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silente, 06.12.2007
1.
Ich kann Euch sagen, warum Mütter ihre Kinder töten: Wenn man jeden Morgen aufwacht mit Sorgen im Magen (und das in diesem Fall fünffach), wenn man alleine gelassen wird, mit niemandem über diese Sorgen reden kann, weil die Fähigkeit des einander Zuhörens in dieser Gesellschaft gänzlich abhanden gekommen ist, erreicht man irgendwann den Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht. Wer will Kindern solch eine "Welt" antun? Das ist eine Frage, die als Grund dafür steht, weshalb viele erst gar keine in die Welt setzten, lieber verbissen gegen die innere Uhr ankämpfen und verdrängen. Andere sind schwächer, bekommen Kinder, LIEBEN ihre Kinder. Aber müssen irgendwann feststellen, dass sie keine Chance auf Zukunft mehr haben. Absolute Dunkelheit... Jeder, der zu diesen Themen klug daher reden zu müssen glaubt, sollte bedenken, dass eine Gesellschaft ihre Amokläufer, ihre Kindermörder, ihre Geisteskranken Täter immer aus sich selbst gebird. Und diese Gesellschaft sind WIR!
dietrichstahlbaum, 06.12.2007
2. Kindesmisshandlung ein gesellschaftliches Problem?
Bevor wir den Staat rufen, sollten wir zuerst einmal nach den Ursachen und Folgen fragen: Die Zeitungsberichte lassen vermuten, Kindesmisshandlung sei ein Schichtenproblem. Dies wird zumeist auch so gesehen. Es ist ein Vorurteil. Aber es gibt einen Unterschied, einen sichtbaren und einen verborgenen: Physische Gewalt, also körperliche Misshandlung - dazu zählt die Vernachlässigung - ist am häufigsten in den sozial benachteiligten Unterschichten. Ursachen sind, wenn nicht wirkliche Armut und tiefes Elend, das Leiden am niederen Lebensstandard in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem ein unerbittlicher Konkurrenzkampf, soziale Kälte und der »Konsumismus« [Maria Mies] herrscht. Ferner: Ehe-/Partnerschaftsprobleme der Eltern, Stress, Arbeitslosigkeit oder die Härte der Arbeitsbedingungen und, dementsprechend, raue Umgangsformen, weil eine verbale, eine sprachliche Kommunikationsfähigkeit nicht entwickelt werden konnte. Es gibt sie noch: die schwere körperliche Arbeit; sie blockiert intellektuelle und kulturelle Lernprozesse. Und die ständige Überforderung am Fließband. Generationen von Arbeitern und ihren Familien sind davon geprägt, auch Familien, denen der Aufstieg in den Mittelstand gelungen ist. Körperliche Züchtigung, üblich noch in meiner Kindheit. Gewalt, von Generation zu Generation "weitergegeben" – in allen Schichten! Der Rohrstock in der Schule, neben dem Spucknapf. In der Volksschule. Da habe auch ich Prügel bezogen, zwischen 1932-38. Solch ein Kindesmissbrauch war damals gang und gebe und gehörte einfach zur Erziehung. Die Schule als Paukanstalt für sadistische Lehrer! Die andere Art der Kindesmisshandlung ist die psychische. Sie hinterlässt kaum sichtbare Spuren, ist aber mindestens ebenso grausam wie physische Gewalt. Sie beginnt bei permanenter Overprotektion [Selbständigkeit verhindernde, Angst induzierende Überbehütung] und endet beim Psychoterror. Nur der geschulte Blick kann die bleibenden Schäden dieses Missbrauchs elterlicher und pädagogischer Autorität erkennen, z. B. an der Körperhaltung, am Gesichtsausdruck und an der Sprache des betroffenen Kindes. Auch die psychische Misshandlung kann dieselben Folgen haben wie die physische: Neurosen, Neurosen, Psychosen, Depressionen, Schuldgefühle, Angst- und Schmerzzustände, neurovegetative Störungen, Herzbeschwerden, Rheumatismus, Immunschwäche, Krebs, Drogen- und Medikamentensucht, Alkoholismus, Selbstverstümmelung und Suizid; Masochismus, Sadismus, Mordsucht, Missbrauch eigener und fremder Kinder u. v. m. Keinen geringeren Schaden verursacht subtile Gewalt, wie sie besonders von Intellektuellen gegen Kinder und PartnerInnen angewendet wird. Individuelle Gewalt. Dieser Hydra Kopf für Kopf abschlagen? Schärfere Gesetze, härtere Strafen, Überwachungsmaßnahmen? Das wird nichts nützen. Sie wachsen nach, die Köpfe. Not-wendig ist eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft. Und vor allem: Aufklärung! Aufklärung! Aufklärung! Deutlich machen, woher diese Gewalt kommt und dass wir sie eindämmen können, wenn wir die sozialen Verhältnisse ändern, die Gesellschaft ändern, mitsamt uns selber! Aufgabe der Politik ist es, die strukturellen und personellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass der Mensch mit sich und seinen Mitmenschen in Frieden leben kann.
Axelino, 06.12.2007
3. Schieflage
Was schief läuft weiß eigentlich jeder: Kosteneinsparungen an allen sozialen Kernpunkten. Stellenkürzungen bei den Jugendämtern, eine kinderfeindliche Gesellschaft in der nur Leistung zählt. Wohin soll jemand gehen, der mit seinen Kindern nicht mehr klar kommt? Wo wird ihm denn wirklich geholfen? Ich habe selbst Kinder, und wüsste nicht an wen ich mich wenden sollte. Bei den Jugendlichen gehts grade so weiter, es gibt Städte, die haben noch nicht mal ein anständiges Jugendzentrum. Sowas könnte ja Geld kosten. Das sind so die Nebenwirkungen einer Leistungs- und Konsumorientierten Gesellschaft.
Nicola54 06.12.2007
4. Nicht der Staat ist gefragt
Nicht der Staat ist gefragt, sondern wir alle. Solange Kinder von der Gesellschaft lediglich als Sache ihrer Eltern betrachtet werden und nicht als Kinder von uns allen, für die wir alle verantwortlich sind, wird es immer wieder solche Fälle geben. Heutzutage Kinder zu haben, ist ein sehr anstrengendes und aufreibendes Unterfangen. Leider steht man oft allein. Das fängt mit den Türen an, die einem mit Kinderwagen vor der Nase zugeschlagen werden, geht über Schlange stehen mit einem Zweijährigen ohne daß man vorgelassen wird und geht bis zu Beschwerden von Nachbarn, ohne Hilfe anzubieten. Ich war selbst alleinerziehende Mutter. Ich habe die Frage: "Wo ist denn die Mutter?" gehaßt, ganz zu schweigen, daß man beschimpft wurde, wenn eine prekäre Situation bestand. Niemand kam dann ganz einfach auf die Idee, das Kind von irgendwas abzuhalten oder sich mit ihm zu unterhalten. Nein, die Eltern bzw. die Mutter war zuständig und schuld. Nein, Kinder gehören uns alle, und Eltern brauchen unser aller Unterstützung.
Der_Alex 06.12.2007
5.
Man muss sich zu erst fragen, was läuft schief mit uns allen. Man kann nicht mehrere Hundert Jahre Gewalt und Erniedrigung aus den Familien einfach so raus operieren.
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