Klaus Wiesehügel Steinbrücks Risiko-Schattenminister

Klaus Wiesehügel profilierte sich als einer der schärfsten Kritiker der Agenda 2010. Jetzt gehört der Gewerkschafter zum Schattenkabinett von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Welche Rolle wird der Sozialdemokrat dort spielen?
Wiesehügel: Er hat Rot-Grün früher kräftig geärgert - vor allem aber die SPD

Wiesehügel: Er hat Rot-Grün früher kräftig geärgert - vor allem aber die SPD

Foto: A3803 Jochen Lübke/ dpa

Berlin - Bis Juli wollte Peer Steinbrück eigentlich sukzessive sein Team vorstellen. Zehn Personen sollen dem Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten angehören, die Hälfte davon Frauen. Am Freitag jedoch sickerte per "Bild" vorab ein überraschender Name durch: Klaus Wiesehügel, der kämpferische Chef der Gewerkschaft Bau-Agrar-Umwelt, wird Steinbrücks Mann für Arbeit und Soziales.

Steinbrück, gerade auf einer Kurzvisite in Warschau, musste auf das Durchstechen der Personalie reagieren. Auch er und sein Team waren vom Zeitpunkt der Meldung überrascht worden. Schließlich gab es am Nachmittag eine Presseerklärung, mit der Steinbrück noch gleich zwei weitere Namen preisgab: Für das Thema Netzpolitik holte Steinbrück die Designprofessorin Gesche Joost ins Boot. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, wird für die Themen innere Sicherheit und Justiz verantwortlich sein.

Zu Wiesehügel erklärte Steinbrück kurz und bündig: Mit ihm habe er einen "in der Wolle gefärbten Gewerkschafter" gewinnen können.

In der Tat. Es ist ein Coup, der die Flanke des SPD-Spitzenkandidaten absichert - zum linken Flügel in der Partei, zu den Gewerkschaften, deren Verhältnis unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder belastet, zu manchen Einzelgewerkschaften gar lange Zeit zerrüttet war. Steinbrücks Personalie ist eine, die offenbar signalisieren soll: Seht her, es hat sich wieder eingerenkt. Und es ist ein Tribut an den linken Flügel in der SPD. "Das ist eine sehr gute Entscheidung", sagt denn auch der bayerische Landesvorsitzende Florian Pronold zu SPIEGEL ONLINE. Wiesehügel, fügt das Mitglied der "Parlamentarischen Linken" in der SPD-Bundestagsfraktion hinzu, "weiß, wovon er redet und handelt, wie er redet." Einer der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Dass Peer Steinbrück mit der Entscheidung für Klaus Wiesehügel die besondere Verbundenheit zu den Gewerkschaften unterstreicht, ist ein gutes Signal."

Doch was heißt der Schritt für Steinbrück? Wiesehügel ist zumindest eine Wahl, die für den Kanzlerkandidaten nicht ohne Risiko ist. Der 60-Jährige ist ein Mann, der das offene Wort schätzt - selbst wenn es an die eigene Partei gerichtet war. Nun wird sich zeigen, wie er sich einbettet in den Bundestagswahlkampf der SPD.

Linkskurs kommt Wiesehügel entgegen

Die Grundlagen für ein gedeihliches Miteinander sind zumindest theoretisch gelegt. Mit SPD-Chef Sigmar Gabriel ist die Partei programmatisch ein Stück weit nach Links gerückt. Da findet nun auch ein Mann wie Wiesehügel auf dem Weg zur Bundestagswahl 2013 seinen Platz. Gabriel hat zwar nicht die Agenda 2010, das Herzstück der rot-grünen Reformpolitik unter Kanzler Schröder, in Frage gestellt. Doch mit ihm sind neue Töne zu hören. Die Ausweitung des Niedriglohnsektors durch die Agenda 2010 sei "falsch gewesen", verkündete Gabriel im vergangenen Jahr.

Auch bei der Rente mit 67, die unter der Großen Koalition und durch den damaligen SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering durchgesetzt worden war, hat sich die Partei mehr Flexibilität verordnet. Steinbrück trägt das neue Konzept jetzt mit, auf das sich die Sozialdemokraten im Wahlprogramm einigten. Erst im Jahr 2015 soll geprüft werden, ob die Voraussetzungen für die Erhöhung des Renteneintrittsalters vorliegen.

Wiesehügel zählte einst zu jenen, die scharf mit Schröders Agenda 2010 abrechneten. In Schröders Memoirenband über jene Zeit taucht auch er auf - als einer der Männer, die dem Kanzler das Leben schwer machten. Schröders Regierung habe mit ihrer Reformpolitik "auf ganzer Linie" versagt, so Wiesehügel damals. Es war jene Zeit, in der das Verhältnis zwischen dem SPD-Kanzler und dem DGB auf einem Tiefpunkt angelangt war, in der Gewerkschaftschef Michael Sommer erleben musste, dass ihn Schröder bei Zusammenkünften regelrecht mied.

Lobende Worte über "den Peer"

Wiesehügel, der einst Betonbauer lernte und seit 1973 in der SPD ist, forderte damals mit seinen Äußerungen auch Steinbrück heraus, der den Kurs des Kanzlers stützte. Vergangene Zeiten. Die Narben aus der Regierungszeit Schröders könne man zwar noch sehen, aber sie seien verblasst. "Und keine von beiden Seiten möchte daran kratzen. Wir gehen endlich wieder pfleglich miteinander um. Jeder weiß, dass er den anderen braucht", hat Wiesehügel vor zwei Jahren sein Verhältnis zu den Agenda-Befürwortern in der SPD erklärt.

Steinbrück, mit dem er jetzt regelmäßig in Kontakt steht, bedachte er jüngst mit Nettigkeiten. Kurz nach der Jahreswende schrieb er auf seinem Blog auch über Merkels Politikstil - am besten erst mal nichts sagen und dann wiederholen, was "Bild" und "Welt" für richtig hielten. Das, so der Gewerkschafter, könne "der Peer" nicht. "Das will und wird er auch nicht mehr lernen", so Wiesehügel und schloss mit dem Satz: "Das macht ihn mir jeden Tag sympathischer."

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