Ghetto-Vergleich Zentralrat wirft deutschen Bischöfen Antisemitismus vor

"Nichts gelernt oder moralisch versagt" - mit drastischen Worten hat der Zentralrat der Juden auf Aussagen deutscher Bischöfe zum Nahostkonflikt reagiert. Es handele sich um Äußerungen mit "antisemitischem Charakter".


Berlin - Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, kritisierte die Äußerungen katholischer Bischöfe als "entsetzlich und völlig inakzeptabel". Wenn der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke das Warschauer Ghetto und damit dass Schicksal der dort internierten Juden im Holocaust mit der Situation der Palästinenser in Ramallah vergleiche, zeuge dies "entweder von bedenklichen Defiziten in seinen historischen Kenntnissen" oder er versuche aus den jüdischen Holocaustopfern und ihren Kindern heute Täter zu machen.

Bischof Walter Mixa: "Entsetzliche" Äußerungen
DDP

Bischof Walter Mixa: "Entsetzliche" Äußerungen

Auch die Wortwahl des Augsburger Bischofs Walter Mixa sage "mehr über die Geisteshaltung des Herrn Bischof, als über die tatsächliche Situation im Nahen Osten aus", sagte Knobloch. Dem Staat Israel und seiner Regierung rassistische Motive zu unterstellen, verkenne nicht nur die Fakten des Konflikts im Nahen Osten und damit die Sicherheitslage Israels, sondern bediene Klischees, "die sich hart an der Grenze zum Antisemitismus bewegen". Als "besonders enttäuschend" bezeichnete Knobloch, dass die bislang positiv bewertete Reise der deutschen Bischöfe "jetzt mit solchen Entgleisungen" ende.

Die Mitglieder des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz hatten eine Woche lang Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete besucht. Laut "Süddeutscher Zeitung" soll Hanke in Betlehem gesagt haben: "Morgens in Yad Vaschem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto in Ramallah. Da geht einem der Deckel hoch." Mixa sprach demnach von einer "ghettoartigen Situation" gesprochen und dass dies "fast schon Rassismus" sei.

Der israelische Botschafter Schimon Stein warf den Bischöfen nach Angaben des "Kölner Stadt-Anzeigers" Demagogie und Dämonisierung Israels vor. Wer Begriffe wie "Warschauer Ghetto" im Zusammenhang mit israelischer oder palästinensischer Politik verwende, habe "alles vergessen oder nichts gelernt oder moralisch versagt".

Bischofskonferenz bedauert Äußerungen

Der Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, sprach nach Angaben des "Kölner Stadt-Anzeigers" von Äußerungen mit "antisemitischem Charakter". "Auch wir wissen, dass die Situation der Palästinenser nicht leicht ist", sagte Graumann. "Wer aber deren Lage mit dem Leiden der Juden in den Ghettos der Nazis gleichsetzt, der hat aus der Geschichte nichts gelernt." Der Vergleich zeuge von dem judenfeindlichen Versuch, mit Hinweis auf Verbrechen der Nachfahren der Opfer die Taten der Nazis zu relativieren. "Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr." Der Zentralrat erwarte von Kardinal Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, eine Klarstellung.

Der Sekretär des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, bedauerte die Äußerungen der Bischöfe. Es seien beim Besuch in Betlehem "unter dem Eindruck der bedrückenden Situation" aus der "emotionalen Betroffenheit Einzelner heraus einige wenige sehr persönliche Bemerkungen gefallen, die bereits selbstkritisch richtig gestellt" worden seien. "Dies gilt vor allem für eine Nebenbemerkung, die auf das Warschauer Ghetto anspielte."

Langendörfer betonte, Kardinal Lehmann habe die von hoher Sensibilität für die Belange beider Konfliktparteien geprägte Haltung der deutschen Bischöfe in der Gedenkstätte Yad Vashem und in seiner Abschluss-Presseerklärung am Sonntag verbindlich zum Ausdruck gebracht. "Nachdrücklich bedauere ich diesen Missklang, der sich in die Reise eingeschlichen hat", sagte der Sekretär. Er sollte jedoch "nicht dazu verleiten, den überaus positiven Impuls in Frage zu stellen, den die Bischöfe mit ihrer Visite sowohl auf israelischer wie auf palästinensischer Seite, bei den Vertretern der Regierungen wie der Bevölkerungen gesetzt haben".

In einer Stellungnahme von Bischof Hanke heißt es: "Vergleiche zwischen den Geschehnissen des Holocaust und der gegenwärtigen Situation in Palästina sind nicht annehmbar und waren auch nicht beabsichtigt." Im Wissen um das "unsagbare Leiden" des jüdischen Volkes und in großer Betroffenheit darüber habe Hanke das Lebensrecht Israels betont. Der Bischof habe in Israel seine persönliche Betroffenheit artikuliert, "so unter anderem nach dem Besuch in Ramallah und Betlehem: Der unmittelbare Eindruck der Situation war für den Bischof erschütternd".

Mixa wies den Vorwurf zurück, während der Pilgerreise der Bischöfe seien politisch einseitig interpretierbare Meinungsäußerungen gefallen. Er habe seine Sorge über die Zukunft des Friedensprozesses und des Zusammenlebens von Palästinensern und Israelis geäußert. Der Bischof verwies zugleich auf "die seit jeher von der Kirche vertretene Auffassung des Existenzrechts Israels und das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat".

als/AP/ddp/dpa



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