Nikolaus Blome

Giffey-Affäre Da ist eine Entschuldigung fällig

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Familienministerin wird wegen ihres Doktor-Desasters nicht vom Hof gejagt. Gut so. Aber die Doppelmoral der Linken schreit zum Himmel.
Franziska Giffey

Franziska Giffey

Foto: POOL / REUTERS

Seitdem Ministerin Giffey am Freitag kurzerhand auf ihren Doktortitel verzichtete, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Abgesehen von ein paar Mietmäulern aus der dritten Reihe fordert eigentlich niemand ihren Rücktritt, das kannte man ganz anders. Im Gegenteil: Statt postwendend auf dem Scheiterhaufen der politischen Moral verbrannt zu werden, erlebt die Ministerin einen candystorm, als hätte sie ganz allein den Impfstoff gegen Corona erfunden. In der ARD-Anstalt rbb war von einem »Befreiungsschlag« die Rede, von einer zweiten Chance, die sie »verdient«, schrieb die »taz«. Den Vogel schoss der Berliner »Tagesspiegel« ab, auf dessen Seite eins stand: »Giffey befreit sich von Doktortitel«. Als seien die zwei Buchstaben ein Tiger, der die arme Frau hinterrücks angesprungen habe.

Aus allen Etagen der SPD dringen Respektbekundungen oder Freudenschreie an die Öffentlichkeit. Das mag mit dem lamentablen Zustand der Partei zusammenhängen, der keine weiteren Abgänge von halberlei führungsfähigem Personal duldet. Es mag auch der Erleichterung geschuldet sein, dass eine komplett dysfunktionale Unibehörde in Berlin der Ministerin doch noch einen Ausweg ließ, den sie sich mit früheren Rücktrittszusagen eigentlich schon verbaut hatte.

Aber auch die anderen Parteien (bis auf die AfD) üben sich in staunenswerter Nachsicht, und man kann es also kaum glauben: Sollte sich da ein zivilisatorischer Fortschritt Bahn brechen, der zu abgeklärtem Umgang mit einer fehlerhaften oder in Teilen abgekupferten Doktorarbeit führt? Ein Umgang, bei dem die politische Höchststrafe, der Rücktritt, nicht automatengleich sofort verhängt wird und das letzte Wort zur persönlichen Glaubwürdigkeit der Delinquenten bei jenen verbleibt, die politische Glaubwürdigkeit schlussendlich zu gewähren oder zu entziehen haben – bei den wählenden Bürgern. Wahrlich, das wäre ein Fortschritt. Dass ich das noch erleben darf.

Als jemand, der schon 2011 den Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs aus diesen Gründen für falsch und überzogen gehalten hat, bleibe ich gleichwohl skeptisch: Wenn gerade der linke Teil des politischen Spektrums tatsächlich etwas dazugelernt haben sollte (was Frau Giffey nun den Hals rettet), dann glaube ich das erst, wenn man sich bei Guttenberg oder der ehemaligen Bildungsministerin Annette Schavan entschuldigt, mindestens aber einräumt, dass man kein zweites Mal so erbittert und unerbittlich gegen diese beiden (und andere) vorgehen würde. In keinem dieser Fälle hätte nämlich ein Verzicht, den Titel weiter zu führen, Furor und Kritiksturm besänftigt oder irgendetwas am Lauf der Dinge verändert. Daran sollte sich der eine oder andere erinnern, der heute Frau Giffeys politischen Instinkt preist oder ihren Verbleib im Amt wohlwollend zur Kenntnis nimmt. Der damalige Linksfraktionsvize Dietmar Bartsch, um nur ein Beispiel zu nennen, legte Guttenberg damals drastische Konsequenzen nahe: »Früher wusste der Adel, was an so einer Stelle zu tun ist.« Das war kaum anders zu verstehen als die Aufforderung, sich standesgemäß eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Doch eine Entschuldigung, da wette ich, wird ausbleiben, weshalb der Schluss naheliegt: Das neue Wohlwollen ist einäugig, der neue Pragmatismus leitet sich aus der Not ab statt aus Einsicht. Nichts daran ist ehrlich. Der ehrliche Konservative hingegen bleibt bei seinen Maßstäben. So falsch und bedauerlich es also war, dass Minister Guttenberg aus dem Amt gedrängt wurde, so falsch und bedauerlich wäre es gewesen, mit Frau Giffey ebenso zu verfahren. Der wichtigste Grund dafür ist simpel: Guttenberg tat und Giffey tut der Politik in Deutschland gut, wie ich finde. Beide besitzen das seltene Talent, mit der Bockwurstbude politisch genauso direkt kommunizieren zu können wie mit der Champagnerbar. Davon gibt es nicht viele in Parteien und Parlamenten, wie allseits immer neu beklagt wird, wenn von der manifesten Spaltung unserer Gesellschaft die Rede ist. Guttenberg gelang es, die Konservativen bei CDU und CSU davon zu überzeugen, dass die Wehrpflicht im damaligen Zustand zutiefst ungerecht gehandhabt wurde und darum ausgesetzt gehörte. Frau Giffey könnte es immerhin gelingen, ihrer Partei vorzumachen, dass Gendersternchen auf öffentlichen Formularen nicht annähernd so wichtig sind wie sichere Straßen und U-Bahnen in den sozial schwachen Ecken einer Millionenstadt.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Doktortitel sei nicht, was sie »als Mensch ausmacht«, ließ Frau Giffey zuletzt wissen. Er hat sie gewiss auch nicht als Politikerin ausgemacht, könnte man hinzufügen. Dann jedoch stellt sich die Frage, warum sie den Doktortitel mit einer ziemlich inhaltsmatten Dissertation überhaupt angestrebt und ihn dann erst unter großem Druck wieder hergegeben hat, oder wie die »FAZ« mit unerreichbarem Snobismus schrieb: wegwarf wie ein hineingeschnäuztes Taschentuch. Diese Antwort ist Frau Giffey bislang schuldig geblieben. Aber darüber werden alsbald die Berliner Wähler richten können, und das ist gut so.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.