Giftmüll-Import Strahlenschrott wurde über ganz Deutschland verteilt

Aus Asien sind große Mengen an radioaktiv belastetem Metall nach Deutschland gelangt: Mehr als 150 Tonnen haben die Behörden sichergestellt, etwa in Trier, Augsburg, Hamburg und Neubrandenburg. Experten sprechen von einer "riesigen Dimension" des Problems.

Von Christian Schwägerl


Berlin - An zahlreichen Orten in Deutschland sind radioaktiv belastete Metallteile mit dem Isotop Kobalt 60 gefunden worden. Einige fielen Zöllnern bei Stichproben auf, anderen lösten an Schrottplätzen Alarm aus, an denen Messgeräte installiert sind.

Warnsymbol für radioaktive Strahlung: Kontaminierter Schrott von Hamburg bis Trier
DPA

Warnsymbol für radioaktive Strahlung: Kontaminierter Schrott von Hamburg bis Trier

Die Lage sei "nicht dramatisch", erklärt das Bundesumweltministerium. Doch Strahlenschutzexperten des Ministeriums sprechen, wie der SPIEGEL berichtet, von einer "riesigen Dimension" des Problems.

Als Quelle konnten in den meisten Fällen indische Stahlwerke ausfindig gemacht werden, wo offenbar Kobalt-60-Srahlenquellen mit regulärem Schrott eingeschmolzen wurden - ob versehentlich oder zur billigen Entsorgung - ist noch offen. Kobalt kommt in Kernkraftwerken zum Einsatz, in der Krebstherapie und bei der Lebensmittelbestrahlung.

Bei den Funden in Deutschland überschritt die Radioaktivität in mehreren Fällen die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung deutlich.

In einem Aktenvermerk vom 6. Februar 2009 ("Vorkommnisse mit Co-60 kontaminiertem Edelstahl") haben Strahlenschützer des Bundesumweltministeriums die bis dahin bekannten Fälle aufgelistet. Seither sind weitere Fälle aufgetreten.

Die Chronik der Ereignisse, die dem Vermerk zufolge aktenkundig sind, machen das Ausmaß des Giftmüll-Skandals deutlich:

Etwa eine Woche nach dem letzten Fund, am 10. Februar, informierte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die Öffentlichkeit erstmals über die Serie von Vorfällen. Haushaltsprodukte oder Gegenstände des täglichen Gebrauchs seien nach den ihm vorliegenden Informationen nicht betroffen. Das Material sei von den zuständigen Strahlenschutzbehörden der Länder vorsorglich sichergestellt worden, damit eine Ausbreitung der Kontamination auf Konsumgüter oder andere Wirtschaftszweige verhindert werde.

Die Güter überschritten zum Teil die Grenzen, nach denen sie der staatlichen Kontrolle unterliegen. Der überwiegende Teil sei geringer belastet. Bund und Länder suchten nach Lösungen, die verhindern, dass auch die geringer belasteten Stoffe in den Wirtschaftkreislauf gelangen.

"Es handelt sich durchaus um relevante Strahlenwerte"

Am Sonntag bekräftigte das Bundesumweltministerium nach einem Bericht im aktuellen SPIEGEL die Ungefährlichkeit der Vorgänge. Eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung oder die betroffenen Firmenmitarbeiter bestehe nach Angaben der zuständigen Landesbehörden, die das Material untersucht hätten, nicht. Es handle sich nicht um eine "dramatische Lage". Allerdings sei die Metallindustrie beunruhigt, weil in den betroffenen Bereichen ohne eine zügige Lösung des Problems wirtschaftliche Nachteile drohen könnten.

Das Bundesumweltministerium habe "internationale Initiativen ergriffen, um zukünftig kontaminierte Lieferungen aus Indien oder aus anderen Ländern zu verhindern und eine schleichende Erhöhung von Radioaktivität in Gebrauchsgütern zu vermeiden".

Die Einschätzung Gabriels, es bestehe keine Gesundheitsgefahr, bewerten Strahlenschutzfachleute unterschiedlich. Fachleute vom Forschungszentrum Karlsruhe unterstützen die Bewertung. Entscheidend sei, wie lange und in welcher Form jemand realistisch mit einem Metallstück umgehe, sagen Experten vom dortigen Institut für Strahlenforschung.

Dagegen sagt Mathias Steinhoff, Strahlenschutzfachmann am Öko-Institut in Darmstadt im aktuellen SPIEGEL: "Es handelt sich durchaus um relevante Strahlenwerte, bei denen ein längerer Aufenthalt in der Nähe ein Risiko darstellen kann."



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