Vorschläge für faire Lastenverteilung Pflegen, kochen, putzen - Männer sollen auch im Haushalt ihren Job machen

Frauen verdienen weniger als Männer, kümmern sich mehr um den Haushalt, beziehen niedrigere Renten. Ein Report des Familienministeriums zieht Bilanz - und macht Lösungsvorschläge.
Eine Frau saugt Staub: Vor allem wenn das erste Kind da ist, nimmt die Gleichstellung in Beziehungen ab

Eine Frau saugt Staub: Vor allem wenn das erste Kind da ist, nimmt die Gleichstellung in Beziehungen ab

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Ute Grabowsky/photothek.net/ imago images/photothek

Dass Frauen in Deutschland schlechter gestellt sind als Männer, ist nicht neu. Jahr für Jahr lässt sich das am Gender-Pay-Gap, also dem durchschnittlichen Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern, ablesen: 2019 betrug er in der Bundesrepublik 21 Prozent. Auch bei unbezahlter Sorgearbeit gibt es ein eklatantes Missverhältnis: Frauen verbringen 87 Minuten täglich mehr mit Haus- und Sorgearbeit als Männer.

Ein Bericht des Bundesfamilienministeriums, der dem SPIEGEL vorliegt, beleuchtet die vorhandenen Missstände und zeigt Lösungsansätze auf, wie die Gleichstellung in der Bundesrepublik verbessert werden kann. Dem Report zufolge müssen "Erwerbspersonen" - in heterosexuellen Beziehungen meist der Mann - darin unterstützt werden, mehr Sorgearbeit zu übernehmen. Gleichzeitig müssten "Sorgepersonen" - in heterosexuellen Beziehungen meist die Frau - dabei unterstützt werden, mehr Zeit mit Erwerbsarbeit zu verbringen.

Große Unterschiede zwischen Ost und West

Das von Franziska Giffey (SPD) geführte Ministerium zeigt in dem Bericht Möglichkeiten auf, wie dies gelingen könnte. Demnach soll die Lohnsteuerklasse 5 gestrichen und das Ehegattensplitting reformiert werden. Zudem soll die beitragsfreie Versicherung des Ehepartners zeitlich begrenzt werden. Minijobs, in denen derzeit viele Frauen arbeiten, sollen sozialversicherungspflichtig werden.

Der Bericht zeigt große Unterschiede zwischen Ost und West  auf. Der Gender-Pay-Gap lag im Jahr 2019 in Westdeutschland bei gut 20 Prozent, in Ostdeutschland hingegen nur bei sieben Prozent. Ähnliche Muster finden sich bei der Rentenlücke (Gender-Pension-Gap) und der Verteilung unbezahlter Sorgearbeit (Gender-Care-Gap). 2015 betrug die Rentenlücke zwischen Frauen und Männer im Westen 53 Prozent, im Osten 28 Prozent. Der Gender-Care-Gap lag im Westen laut Daten der Jahre 2012 und 2013 bei gut 57 Prozent, im Osten bei etwa 37 Prozent.  

Der Bericht erklärt die großen Unterschiede mit historischen Gegebenheiten. In Westdeutschland sei das Familienernährer-Modell rechtlich verankert worden, in Ostdeutschland das Doppelverdienst-Modell. In den Sechzigerjahren entwickelte sich in Westdeutschland das Zuverdienst-Modell: Frauen trugen durch Teilzeitarbeit zum Haushaltseinkommen bei. "Das Zuverdienst-Modell ist lediglich eine Variation des Familienernährer-Modells", heißt es in dem Bericht. Die gleichstellungspolitische Schieflage bleibe aber erhalten.

Zuverdienst-Modell hat im Osten an Bedeutung gewonnen

Frauen in Ostdeutschland waren mit dem Doppelverdienst-Modell bessergestellt als Frauen in Westdeutschland. Nach einer Scheidung hatte - im Gegensatz zum Westen - jede Person für sich selbst zu sorgen. Trotzdem übernahmen Frauen zwei Drittel der unbezahlten Sorgearbeit, Männer nur ein Drittel. Seit der Wende hat in Ostdeutschland dem Bericht zufolge das Zuverdienst-Modell an Bedeutung gewonnen.

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Aktuell werde in Familien das Zuverdienst-Modell oft nicht gewollt, aber dennoch praktiziert, konstatiert der Bericht. Ein "Knotenpunkt" sei die Familiengründung: Vor der Geburt des ersten Kindes lebten 71 Prozent der Paare im Doppelverdienst-Modell. Nach der Geburt des ersten Kindes seien es nur etwa 15 Prozent. Wenn Nachwuchs da sei, arbeiteten 55 Prozent der Frauen in Teilzeit weiter, 17 Prozent hörten ganz auf zu arbeiten.

In Ostdeutschland dominiert nach wie vor das Doppelverdienst-Modell, auch wenn immer mehr Familien das Zuverdienst-Modell praktizieren. "In Ostdeutschland arbeiten in 27 Prozent der Paarfamilien mit minderjährigen Kindern beide Eltern mehr als 36 Wochenstunden, in Westdeutschland dagegen nur neun Prozent der Familien", heißt es in dem Bericht.

"Wenn es um die familiäre Sorgearbeit geht, also Kinderbetreuung, Pflege, Kochen und Putzen, dann sind noch viel zu oft die Frauen dran", sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey dem SPIEGEL. "Die Folge ist, dass 47 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten, weniger verdienen und auch weniger Frauen in Führungspositionen aufsteigen", sagte sie. Aus der Lohnlücke werde die Rentenlücke. "Deshalb brauchen wir Rahmenbedingungen, die eine gleichberechtigte Partnerschaft und eine faire Aufteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit möglich machen."

"Wenn es um die familiäre Sorgearbeit geht, also Kinderbetreuung, Pflege, Kochen und Putzen, dann sind noch viel zu oft die Frauen dran"

Frauenministerin Franziska Giffey

Giffey sieht die gesamte Gesellschaft in der Pflicht, Frauen gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. "Nur wenn Partnerschaftlichkeit als Lebensmodell breit akzeptiert ist und zum Beispiel auch die Firmen Vereinbarkeit und eine familienfreundliche Unternehmenskultur als gewinnbringend für beide Seiten sehen, dann kommen wir weiter voran", sagte sie. Während der Coronakrise habe man beobachten können, dass meist die Frauen das Leben zu Hause managten. Es brauche mehr Männer, die "solche Aufgaben auch übernehmen".

Der Bericht nennt eine konkrete Möglichkeit: Den größten Effekt auf die unbezahlte Sorgearbeit hat es demnach, wenn Männer und insbesondere Väter ihre Arbeitszeit reduzieren. "Gesellschaftlich soll es möglich sein, dass beide Personen im Paar ihre Arbeitszeit danach ausrichten, die unbezahlte Sorgearbeit untereinander aufteilen zu können. Dann stehen die Chancen gut, in puncto Geschlechtergleichheit einen großen Schritt voranzukommen", heißt es im Fazit des Berichts.

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