Glos vs. Seehofer Chaotisch Soziale Union

Wirtschaftsminister Glos darf gehen, zwischen zwei Kandidaten entscheidet sich die Nachfolge: Parteichef Seehofer wirkt überrumpelt, langfristige Pläne scheinen sabotiert. In der CSU sind sie desorientiert - mal wieder.

Von , München


München - Das wäre ein Coup gewesen. Einer, der Horst Seehofer so wunderbar ins Konzept gepasst hätte. Weil er das ja immer predigt: jüngere CSU, weiblichere CSU, basisnahe CSU. Ein Mittelständler als Wirtschaftsminister, Volksvertretung statt Politikerkaste. Seehofer hatte sogar schon einen Passenden gefunden: Den CSU-Schatzmeister Thomas Bauer aus dem oberbayerischen Nest Schrobenhausen. Der Mann ist Bauunternehmer, macht in Baumaschinen, hat mehr als 8000 Mitarbeiter. Weltweit.

Bauunternehmer Bauer ist bereit: "Ein Ministeramt"
DPA

Bauunternehmer Bauer ist bereit: "Ein Ministeramt"

Das beeindruckte den CSU-Vorsitzenden Seehofer offenbar. Und es passte. Denn Analysen nach dem 43-Prozent-Debakel bei der Bayern-Wahl im letzten Herbst ergaben, dass die Wähler der CSU deutlich weniger Wirtschaftskompetenz zuschreiben als in früheren Zeiten.

Der neue Chef nahm sich offenbar dieses Problems an: "Seit Seehofer CSU-Chef ist, hat er mich etliche Male angesprochen, ob ich nicht ein hohes Amt in Bayern oder im Bund übernehmen wolle", erinnert sich Thomas Bauer recht freimütig. Auf die Nachfrage, was mit einem hohen Amt gemeint sei, sagt er: "Ein Ministeramt." Auf der Homepage des Schrobenhausener CSU-Ortsverbandes hat er unter seinem Bild einen "politischen Leitgedanken" vermerken lassen: "Politik benötigt die Mitwirkung aller Bürger."

Hätte, wäre, wenn.

Denn nun wird nicht Bauer neuer Wirtschaftsminister - sondern entweder der bisherige bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon oder CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg. Beide gelten als starke Politiker, beide sind jung (41 und 37 Jahre), jeder von ihnen wäre eine gute Wahl. Möglicherweise auch eine bessere als Bauer.

Doch die CSU brauchte mehr als 24 Stunden, um sich zu sortieren. Es herrschte Unordnung. Und Parteichef Seehofer schien mittendrin.

Mit seinem am Samstag per Fax übermittelten Rücktrittswunsch hat Noch-Wirtschaftsminister Michael Glos den sonst so nervenstarken Seehofer überrumpelt. Der sonnte sich gerade im internationalen Glanz der Münchner Sicherheitskonferenz, saß neben Merkel, Sarkozy, Kissinger und Co. Und dann Michel Glos.

Bewusst oder unbewusst - der Zeitpunkt war richtig gemein.

"Ich muss erst mal mit ihm reden", sagte Seehofer knapp und verschwand. Ein geplantes Treffen mit US-Generälen wurde kurzerhand in die bayerische Staatskanzlei verlegt. Zwei Stunden später ein echter Seehofer: "Ich habe Michael Glos in einem Telefonat mitgeteilt, dass ich der Bitte nicht entspreche." Wieder einige Stunden später ist klar: Glos wird in Kürze abberufen, Merkel und Seehofer akzeptieren seinen Wunsch.

Der gelernte Müllermeister Glos aus Unterfranken hat die CSU und ihren Vorsitzenden an diesem Wochenende ordentlich durchgeschüttelt. War das Absicht?

"Ein taktisch so versierter Mann wie Glos macht doch nichts ohne Berechnung", sagt einer aus der CSU-Führung. Einiges sei da zusammengekommen: Einerseits Spott und Häme der Medien für den Problembären, andererseits aber musste Glos zuletzt immer wieder Seitenhiebe von Seehofer und Merkel einstecken.

Nun scheint er sich gerächt zu haben.

Denn um den Quereinsteiger Bauer ordentlich aufzubauen, hätte Seehofer diesem seinen eigenen früheren Ingolstädter Wahlkreis für die Bundestagswahl überlassen können. Vielleicht hätte der Unternehmer auch einen Platz im Kompetenzteam der Kanzlerin bekommen. Er hätte sich jedenfalls in Ruhe einfinden können in den politischen Betrieb. Aber sieben Monate vor der Wahl einen Unerfahrenen ins Berliner Wirtschaftsressort bugsieren? "Das geht nicht", winken sie in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ab. Ein taktisch versierter Glos musste das wissen.

Thomas Bauer hätte dagegen weniger Probleme mit dem Szenario, sofort nach Berlin zu wechseln: "Ich bin ein Mensch, der gerne Sachen macht, die schwierig und reizvoll sind", versicherte er der "Süddeutschen Zeitung".

Aber ein Umzug in die Hauptstadt steht wohl auch deshalb nicht an, weil Bauer am Sonntag ein Beispiel seiner kommunikativen Fähigkeiten gab: Wo ein Politiker geschwiegen und auf einen Ruf gewartet hätte, äußerte sich der Unternehmer hier und dort bereits über das Ministeramt in scheinbarer Reichweite: "Ich würde schon einen anderen Stil in der Politik verfolgen. Ich würde intensiv mit den Wirtschaftsvertretern sprechen und versuchen, wieder gemeinsam erfolgreich zu werden."

In der CSU warnten sie da schon vor einem zweiten "Fall Kirchhof". Der Steuerrechtler Paul Kirchhof war 2005 Mitglied des Schattenkabinetts von Angela Merkel und wurde im Wahlkampf wegen seiner Idee eines einheitlichen Grenzsteuersatzes vom damaligen Kanzler Schröder als "Professor aus Heidelberg" verspottet.

Sollte es also das Ziel von Michael Glos gewesen sein, Thomas Bauer zu verhindern, ist ihm dies geglückt. Glos soll sich jüngst sehr geärgert haben über einen Bericht in Seehofers Heimatzeitung "Donaukurier", in dem Bauer als sein Nachfolger gehandelt wurde.

Nun ist alles anders. Am Montagmorgen wird Seehofer eine Entscheidung verkünden: Fahrenschon oder zu Guttenberg. Am Vorabend traf er sich mit Glos und dem Berliner CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer in der Münchner Staatskanzlei. Nachher sagte Glos: "Es gibt eine sehr gute Lösung, die ich sehr gut mittragen kann." Namen? Noch nicht. Er werde Merkel in wenigen Stunden bitten, ihn Bundespräsident Horst Köhler zur Entlassung vorzuschlagen. Ramsauer beteuerte, es habe eine Einigung "in allerbestem Einvernehmen" gegeben: "völlig zielsicher".

Der Landesgruppenchef selbst galt am Wochenende noch als Favorit auf die Glos-Nachfolge, war Seehofers erster Ansprechpartner - doch Ramsauer lehnte ab. Spekuliert wurde auch, ob Glos' Staatssekretärin Dagmar Wöhrl den Job übergangsweise macht. Dafür wäre auch der CSU-Verkehrspolitiker Hans-Peter Friedrich in Frage gekommen.

Markus Söder, Bayerns neuer, mächtiger "Lebensminister" (Umwelt, Gesundheit), wurde nur kurzzeitig für einen Wechsel nach Berlin gehandelt. Denn klar ist: Wenn einmal die Nachfolge Seehofers ansteht, dann hat Söder aus heutiger Sicht die besten Chancen. Warum sollte er also nach Berlin wechseln? Und ginge Finanzminister Fahrenschon ins Merkel-Kabinett, bedeutete dies für Söder zudem erstmal einen hochkarätigen Konkurrenten weniger in der Landesregierung.

Der Fall Glos - für Horst Seehofer ist er eine saftige Watschn. Nach den Wirren um die Stoiber-Nachfolge und der Wahlniederlage unter dem Tandem Huber/Beckstein schien Seehofer die Partei wieder aufzurichten - vor allem mit Erfolgen in Berlin, etwa beim Steuerstreit. Doch plötzlich steht CSU wieder für Chaotisch-Soziale Union. "Keine Ahnung, was hier läuft, das geht gerade wieder alles durcheinander", sagt ein ansonsten bestens vernetzter CSUler.

Und wieder ist es eine Personalie, die Seehofer zurückwirft. Nur mit Mühe und Not hatte er vor wenigen Tagen noch Strauß-Tochter Monika Hohlmeier auf die CSU-Liste für die Europawahl gehievt. Denn Seehofer wollte ein Signal setzen, um die Frauen an die Wahlurnen zu bringen. Mit dem Unternehmer Bauer nun sollte offensichtlich das Wirtschaftsprofil geschärft werden.

Die Christsozialen haben den einstigen Querulanten Seehofer zu ihrem Vorsitzenden erkoren, weil er ihnen als Quasi-Messias daherkam: Als einziger in der Partei verkörpert der beim Volk beliebte Herz-Jesu-Sozialist die Aussicht auf die Rückkehr zu 50 Prozent plus x. Dass der machtbewusste Seehofer seinen Führungsanspruch nicht nur inhaltlich, sondern auch personell formuliert - damit haben wohl manche in der CSU nicht wirklich gerechnet.



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