Gnaden-Debatte Sie äußern keine Reue - und müssen dennoch frei kommen

Die RAF-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt zeigen bisher keine Reue. Das empört viele Menschen. Dennoch sollte man die Häftlinge freilassen - weil dieses Kapitel deutscher Geschichte endlich beendet werden muss.

Von Julia Albrecht


Berlin - Als ich Brigitte Mohnhaupt vor 16 Jahren, am 16. Mai 1991, als Zeugin gegen meine Schwester in Stuttgart-Stammheim sah, hat mich ihr Auftritt - und mehr noch der von Christian Klar am selben Tag - nachhaltig verstört.

In den Wochen davor hatte ich mich an die raue Atmosphäre in der Stuttgarter Mehrzweckhalle und an den kalten Beton gewöhnt. Ich fand mich auch damit ab, dass die Anwendung der Kronzeugenregelung das Verhalten aller Beteiligten und die Aussagen der Angeklagten und damit die Wahrheitsfindung manipulierten. Denn Äußerungen, die unter der Erwartung eines großzügigen Strafnachlasses erfolgen, sind notwendig niemals aufrichtig.

Der Auftritt von Klar und Mohnhaupt aber hatte eine ganz andere Qualität. Er war gespenstisch. Christian Klar trug eine Sonnenbrille mit stahlblauen Gläsern und hatte eine unbewegte Mimik. Während der kurzen Zeit im Gerichtssaal wendete er seinen Körper wieder und wieder nach hinten den Sympathisanten zu, die als Zuschauer im Gerichtssaal saßen und skandierten: "Freiheit für Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar."

Sein Schweigen in der Sache begründete er damit, dass es sich um ein Verfahren handelte, bei dem die Anwendung der Kronzeugenregelung zur Debatte stand. "Ich werde keine Aussagen machen im vollkommen von Kronzeugen manipulierten Prozess." Seine Worte waren scharf, gleichzeitig wirkte er unbewegt: "Soll die Bundesanwaltschaft auf den Kitsch spekulieren, das traurige Bild von Verrätern ausbeuten, sollen sie ihr Programm durchspielen, die Gefangenen werden danach sprechen und zwar direkt zur Öffentlichkeit." Das war das Ende seiner Erklärung. Danach erhielt er eine Ordnungsstrafe in Höhe von 100,- DM, weil er sich nicht zur Sache geäußert hatte. Den Antrag der Staatsanwaltschaft nach Beugehaft wegen Aussageverweigerung lehnte das Gericht ab.

Brigitte Mohnhaupt war kämpferisch und angriffslustig. Sie machte sofort klar: "Ich habe schon gesagt, dass ich keine Aussage machen werde." Sie nutzte ihren Auftritt aber für eine Art Erklärung: "Seit einem Jahr läuft hier ein Kronzeugenfilm ab. Die Verhaftungen 1990 waren Inszenierung. In Wirklichkeit sind sie (die 10 Ex-RAF-Terroristinnen und Terroristen, die in der DDR untergeschlüpft waren) aus ihrem Lebenszusammenhang gerissen worden." Gespielt werde ein "Fortsetzungsfilm wie schlimm es in der RAF war." Und sie bezog scharf Stellung zum Aussage- und Prozessverhalten meiner Schwester und der anderen, nach der Wende festgenommenen Ex-Terroristen: "Ich habe mir etwas anderes vorgestellt, eine Verteidigung ihrer selbst, keine Lebensbeichte. Sie haben die Möglichkeit, (ihre Geschichte) im Prozess auszukämpfen, nicht genutzt."

Diese Erwartung von Brigitte Mohnhaupt an die RAF-DDR-Aussteiger, ihre eigene Geschichte nicht zu verraten, sprich: nicht in Frage zu stellen, prägt bis heute ihr eigenes Verhalten. Sie hält sich strikt daran. Und hat bis heute weder die Morde bedauert, noch den Terrorismus der siebziger Jahre in Frage gestellt.

Die Öffentlichkeit aber fordert diesen Umgang mit der eigenen Vergangenheit, fordert eine Absage an die Überzeugungen der Vergangenheit, fordert Reue. Aber wieso eigentlich? Ist Reue überhaupt einzufordern? Vielleicht empfindet Brigitte Mohnhaupt keine Reue. Sollte Sie auch Reue äußern, wenn sie keine empfindet? Es könnte auch sein, dass sie sehr wohl ihre Taten bereut, es aber für politisch falsch hält, das öffentlich zu äußern. Zumindest scheint es für sie von großer Bedeutung zu sein ihre eigene Geschichte nicht in Frage zu ziehen.

Damals, in dem Prozess, forderte Brigitte Mohnhaupt von den RAF-Aussteigern: Keine Lebensbeichte, sondern Auskämpfen der eigenen Lebensgeschichte. Heute möchte man - quasi umgekehrt - von Brigitte Mohnhaupt eine öffentliche Auseinandersetzung mit den damaligen Taten fordern. Erzwingen kann man das freilich nicht. Und für die Frage, ob ihre Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, ist es sowieso unerheblich. Reue ist keine rechtliche Vorraussetzung für die Aussetzung einer Strafe zur Bewährung.

Viele vergessen in der heutigen Debatte um Freilassung und Reue, dass nicht Brigitte Mohnhaupt ein Gnadengesuch gestellt hat. Vielmehr hat die Bundesanwaltschaft eine Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung beantragt.

Dieses Detail ist wesentlich, markiert es doch, dass es sich um ein ganz normales Verfahren handelt. Gleichzeitig symbolisiert es die konsequente - andere würden sagen: verbohrte - Haltung Brigitte Mohnhaupts zu ihrer Lebensgeschichte.

Dennoch: für einen Großteil der Öffentlichkeit bleibt es unbefriedigend, wenn nach 30 Jahren das Kapitel "Bleierne Zeit" wortlos, mit einer stillschweigenden Brigitte Mohnhaupt und einem stillschweigenden Christian Klar, (einmal mehr) beendet wird. Aber wieso eigentlich, was ist so unbefriedigend an einem stillen Ausklang? Das Thema ist doch für die große Öffentlichkeit schon lange erledigt. Die Namen der ehemaligen Terroristen sind vielen Menschen kaum noch geläufig. Woran also liegt es, dass Teile der Öffentlichkeit sich nach Reue sehnen, wie nach einem guten Wort?

Dieser Wunsch, von Mohnhaupt und Klar etwas hören zu wollen zu dem "Wie" und "Warum" ist einer Mischung aus Neugierde und dem Bedürfnis geschuldet, dem mörderischen Wahnsinn irgendwie doch noch Sinn zu verleihen. Allein, egal wie viel wir erfahren über die Motive, über die Gründe und politischen Überzeugungen und über die subjektiven Beweggründe - eine Sinnhaftmachung der Morde ist schon theoretisch unmöglich.

Und doch bleibt eine merkwürdig unlösbare Konstellation: Rein rechtlich ist es hohe Zeit, dass Brigitte Mohnhaupt entlassen wird. Und menschlich sowieso. Politisch aber ist das beharrliche Schweigen und die Unansprechbarkeit des Gegenübers angesichts der Taten unbefriedigend. Aber vielleicht kann man das Kapitel RAF, das die Bundesrepublik wie kaum ein anderes in den siebziger und achtziger Jahren in Atem hielt, nur lautlos zu Ende bringen.

Julia Albrecht, 43, ist Juristin und Journalistin und lebt in Berlin. Sie ist die Schwester der ehemaligen RAF-Terroristin Susanne Albrecht, die 1991 zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde.



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