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Fraktionschefin Göring-Eckardt Die grüne Überlebenskünstlerin

Sie war als Spitzenkandidatin blass, nun hatte sie eine starke Rivalin: Katrin Göring-Eckardt hat die Kampfabstimmung zur Grünen-Fraktionschefin trotzdem gewonnen. Es ist ihre dritte Chance in einem Spitzenamt - aber sie muss Führungsqualitäten zeigen. Es wäre das erste Mal.

Berlin - Beim Bekanntheitsgrad ist für sie noch Luft nach oben: Als das Ergebnis von Katrin Göring-Eckardt bei der Wahl zur Grünen-Fraktionschefin feststeht, gibt es etliche Zeitungen, die in Eilmeldungen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ihren Namen falsch schreiben. Das gilt auch für den SPD-Fraktionsmanager Thomas Oppermann und seinen Gratulations-Tweet. Göring-Eckardt, 47, darf sich seit halb vier an diesem Dienstagnachmittag als die neue starke Frau bei den Grünen fühlen - aber für ihr Profil in der Öffentlichkeit gilt das nicht gleichermaßen.

Fürs Erste kann das Göring-Eckardt egal sein. Was zählt, ist der Erfolg über ihre Kontrahentin Kerstin Andreae. Und das nicht einmal knapp: 41 zu 20 Stimmen, bei zwei Enthaltungen, sind ein deutlicheres Votum, als es viele vermutet hätten - auch wenn die unterlegene Andreae von "einem guten Ergebnis" spricht und sagt, dass sie "nicht enttäuscht ist".

Göring-Eckardt wird bis 2015 mit Anton Hofreiter vom linken Parteiflügel die Grünen-Fraktion führen, Hofreiter erreichte ohne Gegenkandidat knapp 80 Prozent der Stimmen. Wenn Göring-Eckardt und Hofreiter keine groben Schnitzer unterlaufen und ihre Partei sich in den kommenden zwei Jahren bei Europa- und Landtagswahlen wieder stabilisiert, dürften sie der Grünen-Fraktion auch bis 2017 vorstehen. Und damit wären beide mögliche Spitzenkandidaten für die nächste Bundestagswahl.

So schnell kann das gehen. Göring-Eckardt hat gerade erst an der Seite von Co-Spitzenkandidat Jürgen Trittin den Bundestagswahlkampf der Grünen versemmelt. Knapp zweieinhalb Wochen ist das her. Politik folgt eben nicht immer den Gesetzen der Logik.

Massive Kritik vom Realo-Flügel

Durchhaltevermögen ist dagegen eine wichtige Eigenschaft, um oben mitzumischen. Im Fall von Göring-Eckardt könnte man davon sprechen, dass sie geradezu eine politische Überlebenskünstlerin ist. Andere hätten nach der Bundestagswahl hingeschmissen, zumal es auf ihrem eigenen Realo-Flügel massive Bemühungen gab, sie dazu zu bewegen. Vor allem Flügelfreunde aus dem Landesverband des baden-württembergischen Ministerpräsidenten und Ober-Realos Winfried Kretschmann wollten verhindern, dass Göring-Eckardt die Fraktion führt und setzten stattdessen auf die Freiburger Abgeordnete Andreae. Noch am vorletzten Wochenende gab es einen Versuch von Kretschmann höchstpersönlich, Göring-Eckardt die Kandidatur auszureden. Doch sie blieb stur. Aufgeben? Von wegen.

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Bundestagsfraktion: Neue grüne Doppelspitze

Foto: Sebastian Kahnert/ picture alliance / dpa

Genauso wenig ließ sie sich auf die Versuche ihrer Kritiker ein, unter den Realo-Abgeordneten eine Vorabstimmung durchzuführen, zuletzt bei einem Treffen am Montagabend - dann hätte Andreae möglicherweise eine Chance gehabt.

Oder 2005: Die junge Chefin der Grünen-Regierungsfraktion hatte nach dem Sturz in die Opposition ihren Posten verloren - aber sie zog sich nicht zurück, sondern rettete sich in das Amt der Bundestags-Vizepräsidentin, eigentlich eine Position für den politischen Vorruhestand. Doch Göring-Eckardt nutzte die Freiräume des Amtes, machte Karriere als Repräsentantin der evangelischen Kirche - und bei der Urwahl zur Grünen-Spitzenkandidatin im vergangenen Herbst war sie plötzlich wieder da: Zur allgemeinen Überraschung verwies sie die grünen Großkopfeten Claudia Roth und Renate Künast auf die Plätze.

Göring-Eckardt sollte neben Trittin vor allem Stimmen im bürgerlichen Milieu ziehen, aber daraus wurde bekanntermaßen nichts - Chance Nummer zwei war also ebenfalls vertan.

Blick auf 2017

Nun hat sich Göring-Eckardt ihre dritte Chance erkämpft. Aber die muss sie nun mit Blick auf 2017 auch nutzen. Dass es jetzt zu einer Koalition mit der Union kommt, glaubt so gut wie niemand bei den Grünen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Partei in den kommenden vier Jahren so aufstellt, dass sie nicht mehr nur eine Regierungsoption mit den schmalbrüstigen Sozialdemokraten hat. Ob das Dreierbündnisse mit SPD und Linke oder stattdessen den Liberalen oder eben Schwarz-Grün sind - darüber muss sich die Partei klar werden.

Verbunden damit ist die Frage, wie die Grünen sich programmatisch positionieren. Hin zu einer wirtschaftsliberalen Öko-Partei, so wie es sich manche Realos um Kretschmann vorstellen? Eher mit klarem Gerechtigkeits-Fokus wie zuletzt? Oder gibt es einen dritten Weg?

Dabei kommt Göring-Eckardt als Fraktionschefin eine zentrale Rolle zu, die schon deshalb schwer wird, weil ihr Realo-Flügel heillos durcheinander ist. Ganz anders als die Parteilinke, die mit Hofreiter einen unangefochtenen Fraktionschef hat.

Entsprechend vorsichtig tastet sich die neue Fraktionschefin nach der Wahl am Dienstagnachmittag vor. "Wir haben eine große Verantwortung", sagt Göring-Eckardt. Sie spricht von einem Aufbruch, und dass man aus dem Wahlergebnis lernen müsse. Ihr neuer Co-Fraktionschef Hofreiter ist da schon weiter: Von dem großen Dreiklang aus ökologischer Modernisierung, Gerechtigkeit und Freiheit hat er bei seiner Bewerbungsrede vor den Abgeordneten gesprochen, vor den Mikrofonen fügt er hinzu: "Den Status quo verwalten können andere besser."

Göring-Eckardt hört ihm dabei aufmerksam zu. Aber das wird in den kommenden Jahren nicht reichen.

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