Nazi-Kunst im Bundesbesitz Görings Teppich - in Merkels Gästehaus

Die Nazis rafften immense Kunstschätze zusammen, vieles davon befindet sich noch heute im Bundesbesitz - beispielsweise ein Teppich Görings im Bonner Kanzleramtssitz und ein Gemälde aus Hitlers Sammlung in der Parlamentarischen Gesellschaft. Wo hängt was? Ein Überblick.
Von Florian Gathmann und Niklas Wirminghaus
Nazi-Verbrecher Göring: Der Reichsmarschall war ein großer Kunstsammler

Nazi-Verbrecher Göring: Der Reichsmarschall war ein großer Kunstsammler

Foto: DER SPIEGEL

Bonn/Berlin - Weißer Marmor bedeckt den Boden, beigefarbener Marmor die Wände, selbst die Deckenstrahler sind mit Marmor verkleidet. Hermann Görings Aubusson Verdüre hat auch auf dem Petersberg einen prominenten Platz. Der französische Wandteppich aus dem 18. Jahrhundert - Titel: "Ufer einer Seebucht mit Wasservögeln" - hängt an einer goldenen Vorhangstange im Marmorsaal im Südflügel des Gebäudekomplexes. Hinter weiß getünchten Achtkantsäulen fällt der Blick durch Panoramafenster auf den Rhein, der sich hier zwischen Bad Godesberg und Königswinter langsam in Richtung des ehemaligen Regierungssitzes Bonn windet.

Hier, auf dem Petersberg bei Bonn, bringt die Bundesregierung seit Jahrzehnten prominente Staatsgäste unter. Gorbatschow, Arafat, Queen Elizabeth II. - sie alle waren schon hier, haben die Ruhe des Siebengebirges und den exquisiten Charme des Tagungsorts genossen - und unter einem Dach mit Görings Wandteppich genächtigt.

Knapp 2000 Werke aus ehemaligem Nazi-Besitz gingen seit Mitte der sechziger Jahre an 111 deutsche Museen, wie der SPIEGEL berichtet, 660 Gemälde an 18 Bundesdienststellen im In- und Ausland. Dabei handelte es sich einerseits um Nazi-Beutekunst, also Stücke, die Hitler und seine Schergen zusammengerafft hatten, beispielsweise in besetzten Ländern. Der andere Teil umfasst Kunst, die Nazi-Größen wie Reichsmarschall Göring für sich anfertigen ließen oder erwarben, möglicherweise auch aus arisiertem Besitz.

Nazi-Kunst findet sich deshalb bis heute in Räumlichkeiten des Kanzleramts, in Gästehäusern der Bundesregierung, im Auswärtigen Amt und anderen AA-Immobilien oder auch in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin.

Darunter sind neben Görings Verdüre, die bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs Teil seiner Kunstsammlung war, unter anderem

  • ebenfalls im Gästehaus auf dem Petersberg ein Gebetsteppich aus Usbekistan, den Göring offenbar aus in Frankreich beschlagnahmtem Kunstbesitz erhielt;
  • beim Deutschen Bundestag eine Verdüre mit Parkansicht, Pfauen, Brunnen und hohen Bäumen von Guillaume Warnier, einst Teil der Kunstsammlung im für Hitler ausgestatteten Deutschen Schloss von Posen;
  • bei der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft eine Kopie der Ansicht von Venedig des italienischen Malers Canaletto, von den Nazis für Hitlers Kunstsammlung in Linz erworben;
  • am selben Ort eine "Felsige Küstenlandschaft mit Kastell" des Malers Bernhard Fries, ebenfalls für die Linzer Sammlung erworben;
  • im Palais Schaumburg, dem Bonner Sitz des Kanzleramts, ein Sultanabad-Wollteppich, der von einem Nazi-Musterbetrieb an Göring verkauft wurde.

Dass man überhaupt so viel weiß über diese Stücke, ist dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen zu verdanken. Zusätzlich gibt es seit fünf Jahren die "Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und Provenienzforschung". Mit bescheidenen Mitteln und gerade einmal vier Mitarbeitern versucht sie, die Herkunft von Werken aus dem Nazi-Fundus zu erforschen und anschließend zu katalogisieren.

So wurde die Herkunft des Sultanabad-Teppichs im Palais Schaumburg erforscht, der in diesen Tagen auch das Kanzleramt beschäftigt. "Das ist keine Nazi-Raubkunst", betont Regierungssprecher Steffen Seibert. Und dennoch stellt sich die Frage, ob man Werke in Regierungsräumen haben möchte, die einem der schlimmsten Nazi-Verbrecher gehörten. Offenbar macht man sich darüber auch in der Regierungszentrale Gedanken. Seibert sagt: "Es gibt noch keine Entscheidung, ob das Stück im Palais Schaumburg bleiben wird."

Aubusson Verdüre: Einst in Görings Besitz, jetzt im Gästehaus auf dem Bonner Petersberg

Aubusson Verdüre: Einst in Görings Besitz, jetzt im Gästehaus auf dem Bonner Petersberg

Foto: SPIEGEL ONLINE

Im Bundespräsidialamt ist man da schon weiter. Bis vor zweieinhalb Jahren stand hier ein Kirschbaum-Sekretär mit drei Schüben von Hans Posse, einem der obersten Kunsträuber Hitlers, geprüft und katalogisiert von den Provenienzforschern. Doch im Juli 2010 trennte sich das Bundespräsidialamt von dem Sekretär und schickte ihn an das Bundesamt für zentrale Dienste. Wie die Sprecherin von Bundespräsident Joachim Gauck mitteilte, hatte sich das Haus schon in den Jahren 2006 und 2007 von rund 40 Nazi-Stücken getrennt und sie an das Bundesamt abgegeben.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, das "Motiv am Brocken" des Malers Heinrich Ludwig Frische hänge im Auswärtigen Amt. Es wurde dort aber bereits vor längerer Zeit entfernt.