"Gorch Fock"-Affäre Ex-Generalinspekteur rügt Guttenbergs Krisenmanagement

Der Verteidigungsminister gerät in die Defensive: Die Abberufung des "Gorch Fock"-Kommandanten durch Guttenberg löst unter Ex-Offizieren Unmut aus. Ex-Generalinspekteur Harald Kujat wirft dem CSU-Politiker vor, einen Schritt zu weit gegangen zu sein.

Ausbildung auf der "Gorch Fock": "Einen Schritt zu weit gegangen"
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Ausbildung auf der "Gorch Fock": "Einen Schritt zu weit gegangen"

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Berlin - Es war eine Ankündigung, die für viele überraschend kam: Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat den Kommandanten der "Gorch Fock", Norbert Schatz, für die Dauer der internen Untersuchungen suspendiert. Hintergrund ist unter anderem der Unfalltod einer 25-jährigen Kadettin, die im November aus der Takelage in den Tod stürzte. Kapitän Schatz soll damals nicht an Bord des Schiffs gewesen sein.

Das Krisenmanagement Guttenbergs führt jetzt nicht nur in der Opposition zu harschen Reaktionen. Auch unter früheren hochrangigen Offizieren der Bundeswehr wird das rasche Handeln des Ministers kritisiert, wie eine Umfrage von SPIEGEL ONLINE ergab.

Ex-Generalinspekteur Harald Kujat, der ausdrücklich Guttenberg in seinen Plänen für eine Bundeswehr-Reform unterstützt, erklärt, dass der CSU-Politiker im Fall des Kapitäns einen Schritt zu weit gegangen ist. "Die Absetzung eines Kommandanten erfolgt nur dann, wenn es unausweichlich ist und es keine andere Alternative gibt, etwa bei disziplinarrechtlichen oder strafrechtlichen Ermittlungen."

"Darum geht es hier offenbar noch nicht", sagt Kujat.

Guttenberg verteidigt seine Entscheidung und untermauerte sie heute mit einer Presseerklärung. Die Maßnahme sei sachgerecht und notwendig, der Kommandant der "Gorch Fock" sei weder gefeuert noch geschasst oder rausgeworfen worden. Seine Entscheidung betreffe allein die Frage, ob der Kommandant während der Aufklärung in seiner Position verbleibe oder nicht, erläuterte Guttenberg. "Wenn die Anschuldigungen sich als nicht stichhaltig erweisen sollten, wird er seine Karriere wie geplant fortsetzen", erklärte der CSU-Politiker.

Doch kann der Kommandant des Schulschiffs dann tatsächlich wieder einfach so zur Tagesordnung übergehen? Kujat befürchtet, dass der Kapitän der "Gorch Fock" bei einer Wiedereinsetzung bei Soldaten und Offizieren mit einem Ansehensverlust zu leben hätte: "Der Kommandant ist beschädigt. Seine Autorität ist auch durch eine Wiedereinsetzung nicht wiederherstellbar."

Unruhe unter den Ex-Offizieren

Ist Guttenbergs Krisenmanagement zu überhastet, will er sich politisch aus der Schusslinie bringen? Fragen, die in und außerhalb der Truppe debattiert werden. Bei den nicht mehr aktiven Soldaten geht die Sorge um, die bisherige Mischung aus Fakten und Behauptungen, die täglich in die Medien gelangen, könnte das Ansehen der Truppe insgesamt beschädigen.

Der ehemalige Luftwaffengeneral Manfred Opel, jahrelang SPD-Verteidigungspolitiker im Bundestag, wünscht sich daher vor allem eines: dass alle jüngsten und künftigen Vorfälle "umfassend" untersucht werden. "Meine Hoffnung ist, dass diejenigen, die heute Verantwortung tragen, mit der Aufklärung die Bundeswehr der Zukunft formen", sagt er. Für ihn steht Guttenberg dabei in einem besonderen Licht. "Ich begreife das auch als Chance für den Verteidigungsminister zu demonstrieren, wie das Konzept der Inneren Führung in Zukunft zu verstehen ist", sagt Opel.

Klar ist: Die Opposition sucht den Umfragestar der Union anzugreifen. Sie stellt grundsätzlich die Frage nach dem Umgang des Ministers in der Krise, der zunächst noch am vergangenen Freitag die Opposition mahnte, nicht vorschnell Forderungen zu erheben und schließlich den Kommandanten am Wochenende absetzen ließ.

Manchem Ex-Offizier nimmt die Debatte zu schrille Züge an. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, erklärt, er halte die Vorwürfe gegen Guttenbergs Krisenmanagement "im Großen und Ganzen für nicht gerechtfertigt". Er bedauere, dass die Opposition ein "erbärmliches Schmierentheater" auf dem Rücken der Soldaten aufführe. Aber auch er bleibt im Fall "Gorch Fock" vorsichtig: "Ich hoffe allerdings, dass ein Vorgesetzter den Kommandanten zu den Vorwürfen gehört hat, bevor der Minister ihn des Kommandos enthob."

Der Todesfall der jungen Offiziersanwärterin auf der "Gorch Fock" hat grundsätzlich die Frage aufgeworfen, ob das Schulschiff der Deutschen Marine noch geeignet ist, künftige Seeoffiziere auszubilden. Guttenberg will die Zukunft des Schiffs, das seit über 50 Jahren im Einsatz ist, überprüfen lassen und hat es bis zur Klärung aller Vorwürfe aus dem Dienst genommen. Ein endgültiges Aus, sagt Ex-Generalinspekteur Naumann, würde er sehr bedauern. Die Ausbildung auf der "Gorch Fock" habe sich insgesamt als ein gutes Mittel bewährt, "den künftigen Seeoffizier mit der Gewalt des Meeres vertraut zu machen und ihn auf seine gerade in schwerer See besondere Verantwortung für die Besatzung vorzubereiten".

Ex-Generalinspekteur Naumann wünscht sich in Zukunft eines: "Weniger politischen Aktionismus auf allen Seiten, einschließlich des Wehrbeauftragten, die lückenlose Aufklärung aller Vorfälle und, im Falle schuldhaften Verhaltens, hartes Durchgreifen zur Verhinderung jeglicher Wiederholung."

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Seite 1
Willie, 24.01.2011
1. -
Zitat von sysopDer Verteidigungsminister gerät in die Defensive: Die Abberufung des "Gorch Fock"-Kommandanten durch Guttenberg löst unter Ex-Offizieren Unmut aus. Ex-Generalinspekteur Harald Kurat wirft dem CSU-Politiker vor, einen Schritt zu weit gegangen zu sein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741266,00.html
"Die Absetzung eines Kommandanten erfolgt nur dann, wenn es unausweichlich ist und es keine andere Alternative gibt, etwa bei disziplinarrechtlichen oder strafrechtlichen Ermittlungen." Das hat sich Kurat leider erfunden. Der sollte vielleicht auch erst nochmal das Soldatengesetz konsultieren.
christoph. 24.01.2011
2. Kommandant ist beschädigt
Völlig egal, ob der Kapitän jetzt entlassen, beurlaubt, suspendiert, abberufen oder was auch immer ist, das sind Nebensächlichkeiten, die der Boulevardleser nicht registriert: Tatsache ist, Schatz steht in der Öffentlichkeit da wie jemand, der Schuld trägt, und nur darum geht es. Dem untenstehenden Zitat ist nicht hinzuzufügen. "Der Kommandant ist beschädigt. Seine Autorität ist auch durch eine Wiedereinsetzung nicht wiederherstellbar."
PolitischerBürger 24.01.2011
3. Ahnungslos
Zitat von sysopDer Verteidigungsminister gerät in die Defensive: Die Abberufung des "Gorch Fock"-Kommandanten durch Guttenberg löst unter Ex-Offizieren Unmut aus. Ex-Generalinspekteur Harald Kurat wirft dem CSU-Politiker vor, einen Schritt zu weit gegangen zu sein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741266,00.html
Ob Herr von und zu nun auch Herrn Kujat vorwirft, "ahnungslos" zu sein?
faustjucken_tk 24.01.2011
4. ...
Demut hätte Herrn Guttenberg in den letzten Wochen und Monaten gut gestanden und nicht diese selbstbewusst zur Schau getragene Arroganz. Auf solche Hochflieger warten die Wadenbeißer nur. Und jetzt bekommt er es halt doppelt. Aber dann kann er sich ja demnächst von seinem Hofberichterstatter Herrn Kerne interviewen lassen.
weltbetrachter 24.01.2011
5. als Ruheständler ....
.... läßt man sich von der Bundeswehr jeden Monat seine Pensionsansprüche überweisen. Dabei geht es weder um "verdient" noch um "erdient". Aus allem anderen sollte man sich dann auch heraushalten und es denen überlassen, die heute Verantwortung tragen. Kluge Ratschläge aus dem Bauch heraus braucht niemand.
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