"Gorch-Fock"-Bericht Wehrbeauftragter kritisiert Persilschein für Schiffsführung

Die Affäre um die "Gorch Fock" ist mit dem Untersuchungsbericht der Marine nicht beendet. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus kritisiert, die Vorwürfe gegen die Schiffsführung seien nicht hinreichend untersucht worden. Am Mittwoch diskutiert der Verteidigungsausschuss das Thema.

Segelschulschiff "Gorch Fock": Schiffsführung nicht befragt, Kadetten-Aussagen ignoriert
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Segelschulschiff "Gorch Fock": Schiffsführung nicht befragt, Kadetten-Aussagen ignoriert

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Bangkok/Berlin - Mit scharfen Worten hat der Wehrbeauftragte des Bundestags die Untersuchung der Marine über die Vorgänge auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock" kritisiert. In einer Stellungnahme für den Verteidigungsausschuss, der heute den 98 Seiten starken Bericht der Marine über die Vorgänge auf dem einstigen Vorzeigeschiff der Marine erstmals diskutieren wird, wirft Hellmut Königshaus der Marine vor, ihr Bericht sei "nicht in allen Bereichen schlüssig". Den zentralen Vorwurf gegen die Schiffsführung und die Stammbesatzung, die Offiziersanwärter auf dem Segelschulschiff mit harschem Drill zum Aufsteigen in die Masten des Schiffs gezwungen haben soll, habe die Kommission der Marine gar nicht aufgeklärt, schreibt Königshaus in einem Vermerk für den Ausschuss. Das Schreiben liegt SPIEGEL ONLINE vor.

In dem mehrseitigen Vermerk legt der unabhängige Wehrbeauftragte detailliert dar, warum er die Schlussfolgerungen der Kommission der Marine nicht teilt. Diese bewertete die Vorwürfe gegen die Schiffsführung und die Stammbesatzung des Schulschiffes als "nicht haltbar" und weitgehend übertrieben. Königshaus dagegen schreibt, die Recherchen der Kommission klärten "den Sachverhalt nicht vollständig auf". "Insbesondere wird die abschließende Bewertung nach meiner Auffassung nicht von den vorangegangenen Ausführungen getragen", stellt er fest. Vielmehr lasse der Bericht eine "kritische Auseinandersetzung" mit der Situation der Segelschüler auf dem Schiff vermissen.

Königshaus vermisst gründliche Aufklärung

Grundsätzlich begrüßt der Wehrbeauftragte, durch dessen Berichte über die Zustände an Bord des Schulschiffs Anfang des Jahres der Skandal um die "Gorch Fock nach dem Unfall-Tod einer Kadettin ausgelöst worden war, zwar die Untersuchungen der Marine. Gleichwohl habe sich die Untersuchungskommission nicht mit den zentralen Aspekten der Affäre befasst, kritisiert er. In dem Report hatte die Kommission pauschal bezweifelt, dass unzulässiger Druck auf die Offiziersanwärter ausgeübt worden sei, in die Takelage zu klettern. Bei einem solchen Manöver war die junge Segelschülerin Sarah Lena Seele im November 2010 tödlich verunglückt. Königshaus moniert nun, die Kommission lasse "eine kritische Auseinandersetzung mit der Situation der Offiziersanwärter, insbesondere im Hinblick auf direkten oder indirekten Druck zum Aufentern, vermissen".

Mit seinem Schreiben gibt Königshaus einen Vorgeschmack auf die hitzigen Diskussionen im Verteidigungsausschuss, der sich heute mit dem Report der Marine befassen wird. Erste Kritik an dem Bericht, der in den letzten Tagen zumeist als vollständige Entlastung der Schiffsführung und der Stammbesatzung interpretiert worden war, hatte bereits der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold geübt. "Die Zusammenfassung des Berichts passt nicht zum Inhalt", sagte Arnold, "es gab Verfehlungen auf dem Schiff, die sich über viele Jahre eingeschlichen haben". Die Missstände aber würden von der Marine in ihrer Bewertung nicht anerkannt. "Aus dem Report atmet der alte Geist, die Dinge weg zu lavieren", sagte Arnold, "doch die Marine muss den Fall aufarbeiten".

Königshaus moniert jetzt, die Marine-Kommission habe den Sachverhalt nicht ausreichen untersucht. Zudem enthielten die Schlussfolgerungen mehrere Widersprüche. Dass die Marine-Ermittler weder den Kommandanten Norbert Schatz, der zum Höhepunkt der Debatte um den Drill an Bord und merkwürdige Rituale vom damaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg vorläufig suspendiert worden war, und seinen ranghöchsten Offizier gar nicht befragt hatten, sei "nicht akzeptabel". Ebenso sei die abschließende Feststellung der Kommission, es sei kein Druck zum Aufentern auf die Rekruten ausgeübt worden, durch Aussage von Segelschülern eindeutig widerlegt worden.

Stellungnahme des Verteidigungsministeriums verlangt

Mit den klaren Äußerungen des Wehrbeauftragten bekommt die scheinbar beendete Affäre erneut politischen Schwung. Recht lapidar hatte der Sprecher des neuen Wehrministers Thomas de Maiziere (CDU) noch vor einigen Tagen zu dem Report gesagt, im Ministerium befasse sich man sich weit unterhalb des Ministers mit dem Thema "Gorch Fock" und auch mit dem Untersuchungsbericht der Marine. Der Wehrbeauftragte hingegen sieht durchaus die Spitze des Ministeriums in der Verantwortung. In deutlichen Worten fordert er eine "eine eindeutige Stellungnahme des Bundesverteidigungsministeriums" ein.

Das Problem "Gorch Fock" wird den neuen Wehrminister weiter verfolgen.



insgesamt 87 Beiträge
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Bruder Theodor 16.03.2011
1. Der lange Weg in die Emanzipation der Bundeswehr
Zitat von sysopDie Affäre um die "Gorch Fock" ist mit dem Untersuchungsbericht der Marine nicht beendet. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus kritisiert, die Vorwürfe gegen die Schiffsführung seien nicht hinreichend untersucht worden. Am Mittwoch diskutiert der Verteidigungsausschuss das Thema. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751186,00.html
Da die Ereignisse auf der Gorch Fock bereits den Weg in die Medien gefunden haben, auch da 2 Motrosinnen ihren Tod auf dem Schiff fanden binnen kurzer Zeit, sollten die Untersuchungsergebnisse offen und für die Öffentlichkeit zugänglich dargelegt werden. Alles andere lädt zu ewigen Spekulationen ein, und die Geschichte wird und wird kein Ende nehmen. Die Äußerungen des Kommandanten in Bezug zu seiner Baumhaus-Pädagogik sind für seinen Rang nicht nur fragwürdig, sie legen m. E. Zeugnis über sein Sichgemütlichgemachthaben auf dem Schiff ab. Duckmäusertum fördern ist hierbei das falsche Signal. Lieber Ende mit Tränen als Tränen ohne Ende.
outdoor 16.03.2011
2. was besseres
Zitat von sysopDie Affäre um die "Gorch Fock" ist mit dem Untersuchungsbericht der Marine nicht beendet. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus kritisiert, die Vorwürfe gegen die Schiffsführung seien nicht hinreichend untersucht worden. Am Mittwoch diskutiert der Verteidigungsausschuss das Thema. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751186,00.html
Was besseres fällt den Menschen hier nicht mehr ein. Geht Journalisten werden.
Plumplori 16.03.2011
3. Königshaus naives Weltbild
Herr Königshaus verlangt das Unmögliche. Nämlich eine Welt ohne Risiken, ohne Härten und mit der totalen Transparenz. Vermutlich träumt er davon Dinge ungeschehen machen zu können. Der Unfall der Kadettin war nicht mehr und nicht weniger als ein Unfall; tragisch ist jeder tödliche Unfall. Aber damit hat sich das eigentlich auch schon. Es gibt keine(n) Schuldigen. Die Ausbildung beim Militär ist nunmal nicht mit einer Maurerlehre oder einem Studium vergleichbar. Nicht zuletzt deshalb, weil man von den Soldaten und Offizieren erwartet, dass sie in Situationen funktionieren, klare Entscheidungen treffen und Befehle ausführen, in denen ein Zivilist -sagen wir- nicht zur Arbeit erscheinen würde. Der Umstand, dass das Handwerk eines Soldaten das Töten ist und selbst am Leben zu bleiben, während der Feind versucht ihn daran zu hindern, ergibt sich dann auch nebenbei. ...Hoffen wir, dass unsere Soldaten bald vom Hindukush zurück dürfen. peace
Habeshah 16.03.2011
4. Königshaus ist es doch Schuld
Zitat von sysopDie Affäre um die "Gorch Fock" ist mit dem Untersuchungsbericht der Marine nicht beendet. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus kritisiert, die Vorwürfe gegen die Schiffsführung seien nicht hinreichend untersucht worden. Am Mittwoch diskutiert der Verteidigungsausschuss das Thema. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751186,00.html
Der Wehrbeauftragte ist die ganze Sache doch Schuld. Er hat diese schlampig recherchierten Anschuldigungen doch erst an die Öffentlichkeit gebracht.
e-bassmann 16.03.2011
5. Da fragt sich der kundige Leser ...
... ob der forsche Wehrbeauftragte vielleicht mit dem Ergebnis der Untersuchung nicht zufrieden ist, weil es nicht seine vorgefasste Meinung bestätigt. Es bleibt spannend.
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