Kostenexplosion bei "Gorch Fock"-Sanierung Kommandant sieht Ansehen von Schiff und Crew beschädigt

Nils Brandt, Kommandant der "Gorch Fock", nennt es einen Kollateralschaden: Die Kostenexplosion bei der Reparatur schade dem Image des Schulschiffs und seiner Crew. Dabei leiste es einen wertvollen Dienst.

"Gorch Fock"
DPA

"Gorch Fock"


Einst war sie der Stolz der Marine, jetzt sorgt die "Gorch Fock" nur noch für negative Schlagzeilen. Der Kommandant des Seglers sieht durch den Korruptionsverdacht bei der Reparatur und Korruptionsvorwürfe (lesen Sie hier den Bericht im SPIEGEL) die Symbolik des Schiffes in Mitleidenschaft gezogen.

"Schiff und Besatzung haben einen Kollateralschaden davongetragen", sagte Nils Brandt der "Bild"-Zeitung. Die "Gorch Fock" wird zurzeit in Bremerhaven im Trockendock der Bredow-Werft saniert. Eine Kostenexplosion und Korruptionsvorwürfe belasten das Projekt.

"Faktischer Neubau"

Die Sanierung des 1958 gebauten Dreimasters sollte zunächst knapp zehn Millionen Euro kosten, im vergangenen März war dann von 135 Millionen Euro die Rede. Der Bundesrechnungshof machte für die Kostenexplosion auch jahrelange Versäumnisse bei Bundeswehr und Verteidigungsministerium verantwortlich.

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Segelschulschiff: Was wird aus der "Gorch Fock"?

Ministerin von der Leyen will die "Gorch Fock" aber nicht ausmustern. Sie plant, das Schiff bis zum Sommer 2020 wieder seetauglich zu bekommen. Die Reparaturarbeiten sollen unter strenger Beobachtung fortgesetzt werden. Die Ministerin will, dass die Werft den Rumpf des Schiffs bis April für das sogenannte Probedocken erstmals nach drei Jahren wieder zu Wasser lässt und so beweist, dass zumindest die Stahlarbeiten erfolgreich waren. Bereits fertiggestellte Masten, die Segel und ein neuer Motor liegen bei anderen Firmen in der Nähe.

Kommandant Brandt sagte, dass ursprünglich "ein paar routinemäßige Reparaturen" geplant gewesen seien. Irgendwann sei aber klar gewesen: "Das Schiff ist so reparaturbedürftig, dass es eine Komplettsanierung wird." Jetzt werde die "Gorch Fock" dadurch "ein faktischer Neubau".

Brandt widersprach dem Eindruck, das Segelschulschiff sei aus der Zeit gefallen. Die "Gorch Fock" sei nicht nur ein nostalgischer Sehnsuchtsort, wird der Kommandant zitiert. "Sie bietet eine Ausbildung, die in der Seefahrt einzigartig ist. Auf der 'Gorch Fock' kann nur das Team etwas bewirken. Keiner kann allein an den Leinen ziehen, um die Segel zu setzen. Es ist eine besondere Erfahrung von Gemeinschaftssinn", sagte Brandt.

als/dpa

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Politikum 07.02.2019
1. teurer Gemeinschaftssinn
135 Millionen für die Ausbildung eines Gemeinschaftssinns von Marinesoldaten zu verbraten, würde ich als ziemlich übertrieben ansehen. Den Segler als Aushängeschild der deutschen Seestreitkräfte zu sanieren - ok. Das Geld wird woanders auch für weniger sinnvolle Außendarstellung ausgegeben. Aber bitte nicht dieses Gesülze von Kameradschaft und co. Dafür sind mir meine Steuergelder zu hart erarbeitet, auch ohne Kumpelausbildung.
jensdecker 07.02.2019
2. Organisierte Verantwortungslosigkeit
Für mich ist die Gorch Fock ein Zeichen dafür, wie bei der Bundeswehr und insbesondere dem Ministerium und den angegliederten Behörden Verantwortungslosigkeit perfektioniert wird. Keiner trägt die Verantwortung, daß mit völlig verlogenen 10 Mio Kostenschätzung losgelegt wurde, für viel Geld Masten und Motor geordert wurde, ... um so nur ja vollendete Tatsachen zu schaffen und dem Steuerzahler 135 oder sicherlich noch mehr Millionen zu rauben. Die einzige Konsequenz kann aus meiner Sicht sein, daß es die nächsten 10 Jahre kein Segelschulschiff gibt, weder eine Rekonstruktion der Gorch Fork noch einen Neubau. Dann kommt intern vielleicht die nötige Bewegung und Bereitschaft rein, den Saustall mal wirklich auszumisten. Meine Hoffnung, daß die Unternehmensberatungen hier hilfreich sein können, hat sich ja leider nicht erfüllt. Daß der Verteidigungshaushalt nicht weiter erhöht wird, ist selbstredend!
kmgeo 07.02.2019
3. Offene Fragen
Die Äusserungen des Kommandanten zu Seemannschaft und Sinn der Ausbildung einschließlich der toten Kadetten möchte ich nicht kommentieren. Allesdings denke ich, dass ein Kommandant über den Zustand seines Schiffs informiert sein sollte. Ich habe einen Zug Infanterie geführt und kannte stets den Stand des Materials. Das habe ich auch von den Führern der SPz verlangt, so dass der Bereitschaftsgrad bei 85 % lag.
großtroll 07.02.2019
4. das Ansehen haha
nicht zu vergessen wären so schöne Seefahrertraditionen, wie Alkoholexzesse, sexuelle Nötigung, Menschenverachtung. Spiegel vom 25.01.2011. Erhellender Artikel!! Der Spaß sollte uns ein paar Milliönchen wert sein. Solch einen Firlefanz kann man sich leisten, wenn die letzte marode Schule saniert ist und kein altes Mütterchen in Elend leben muss. Ahoi.
bajanibash 07.02.2019
5. Niemand sollte
den Wert einer seemännischen Ausbildung auf eine Segelschulschiff infrage stellen. Nach meiner Wahrnehmung steht das auch nicht in der Kritik, sondern die Vorgänge um Kostenexplosion und beharren auf DEM Schiff. Für die Hälfte ein wirklicher Neubau und niemand hätte gemurrt. Zu hinterfragen wäre allerdings auch der Kommandant, der offensichtlich nicht ansatzweise um den maroden Zustand seines Waffensystems wusste und hier nur Wort führt.
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