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Segelschulschiff "Gorch Fock": Ein Kapitän und viele Fragen

Foto: Carsten Rehder/ dpa

"Gorch Fock"-Skandal Käpt'n Unkontrollierbar

Das Schiff war sein Leben, plötzlich musste er gehen: Handstreichartig stellte Karl-Theodor zu Guttenberg "Gorch Fock"-Kapitän Norbert Schatz kalt. Die Umstände sind nebulös. Der Offizier selbst schweigt, doch er dürfte schwer enttäuscht sein - und könnte dem Minister deshalb noch gefährlich werden.

Norbert Schatz

"Gorch Fock".

Berlin - Manchmal birgt das Leben brutale Brüche. Es ist noch nicht lange her, da war auf dem Gipfel seiner Laufbahn. Mitte Januar war das, er hatte erstmals Kap Hoorn umsegelt, jene wilde Meerespassage an Amerikas Südspitze. Es war ein historischer Moment, für ihn und für sein Schiff - die

Ein paar Tage später war Kommandant Schatz ganz unten. In der Heimat wurden plötzlich peinliche Geschichten über die Zustände auf seinem Schiff öffentlich. Von Meuterei war die Rede, von sexueller Nötigung, auch der Todesfall einer 25-jährigen Offiziersanwärterin wurde neu aufgerollt. Am vergangenen Freitag entband Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Kapitän zur See Schatz kurzerhand von seinen Aufgaben. Ohne ihn vorher anzuhören.

Ein Paukenschlag - für Schatz und die Marine.

Seitdem liegt das Schiff in einem argentinischen Hafen. Prüfer sind im Anmarsch, die die Vorfälle untersuchen sollen. Schatz ist abgetaucht. Er schweigt, weil er muss, die Marineführung will das so. Die Lage ist heikel. Äußerte er sich, könnte das in der Politik einiges in Bewegung setzen. Schatz dürfte enttäuscht sein, denn das Schiff war sein Leben. Und Enttäuschung ist bekanntlich die kleine Schwester der Rache.

Vor allem Guttenberg könnte das noch zu spüren bekommen. Die Abberufung des Kapitäns ist Guttenbergs wundester Punkt in seinem derzeitigen Krisenmanagement. Es war ein riskanter Schritt, weil sein Verhältnis zur Truppe zu leiden droht und weil nicht ganz klar ist, ob er den richtigen Mann zur richtigen Zeit getroffen hat.

Widerspruch in Guttenbergs Argumentation

Viele in der Marine sind noch immer geschockt über die spontane Entscheidung des Ministers. Offiziere verstehen die Welt nicht mehr, ehemalige Kadetten verfassen Stellungnahmen, in denen sie versichern, Schatz als "fähigen Kommandanten und passionierten Segler" kennengelernt zu haben. Sie glauben, Guttenberg habe überreagiert. Sie glauben, er habe Schatz zum Bauernopfer gemacht, um selbst nicht tiefer in den Affärenstrudel der Bundeswehr zu geraten.

Keineswegs, kontert der Minister. Er habe Schatz lediglich aus der Schusslinie nehmen wollen. Reine Fürsorge gewissermaßen. Doch es gibt eine andere Version, die ziemlich quer zu der Guttenbergs liegt. Sie war in der "Bild am Sonntag" zu lesen. Diese Version klingt eher nach Frust als nach Fürsorge. "Es reicht!", habe der Verteidigungsminister an jenem Freitagabend gezischt, als er neue Vorfälle von der "Gorch Fock" zu lesen bekam. Dann habe er die Konsequenzen gezogen. Ruckzuck.

Wie die Umstände auch immer waren, für Schatz dürften sie keinen Unterschied machen. Sein Ruf ist schwer beschädigt, egal was die Untersuchungskommission in den kommenden Wochen über die "Gorch Fock" zu Tage fördert.

Schatz ist nicht irgendjemand in der Marine, er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, da kommen Abberufungen nie gut. Der drahtige 53-Jährige lebte förmlich für den berühmten Dreimaster, diese schwimmende deutsche Botschaft. Seit früher Jugend ein Segelfan, sammelte er auf dem Schiff gleich nach Eintritt in die Marine erste Erfahrungen, er lernte das Aufentern, hielt Wache, schlief in Hängematten. Nach dem Studium kehrte er als Segeloffizier zurück, wurde Ende der neunziger Jahre Erster Offizier, Anfang 2006 schließlich Kommandant der "Gorch Fock" - sein Kindheitstraum. Der Job füllte ihn aus, seine Familie, daheim bei Wilhelmshaven, bekam ihn teils Monate nicht zu Gesicht.

Dafür besaß er jetzt Autogrammkarten, er bekam Fanpost, bedankte sich mit Baseballcaps und Mützenbändern, lud zu Empfängen und Gala-Essen. Und um sich fit zuhalten, joggte der Marathonläufer morgens ein paar Runden an Deck.

"Er lag lieber in der Flaute, als den Motor anzuwerfen"

Die "Gorch Fock", das war sein "zweites Zuhause", wie Schatz einmal sagte, das seglerische "Nonplusultra". Nicht wenige danken ihm seinen Einsatz heute noch. Bastian Schmitz, Leutnant zur See der Reserve, zum Beispiel. Schmitz war während seiner seemännischen Grundausbildung 2007 an Bord der "Gorch Fock" und vermag nur Positives über Schatz zu sagen. Dieser habe versucht, "seglerisch stets das Meiste aus der 'Gorch Fock' herauszuholen, ohne unfreundlich im Umgang mit den Soldaten gewesen zu sein. Er lag mit dem Schiff lieber in der Flaute, als den Motor anzuwerfen."

Andere hochrangige Marineoffiziere versichern, Schatz sei ein "ruhiger, sachlicher Mann", ein "geradliniger Typ" und ein "guter Seeoffizier". Ein Mann, der "immer ein offenes Ohr für die Probleme seiner Besatzung" habe. "Ich kenne kaum jemanden, der sich so für die 'Gorch Fock' begeistert hat wie er", sagt ein Offizier, der die Laufbahn bei der Marine gemeinsam mit Schatz 1976 begonnen hat. "Er ist ein hilfsbereiter, verbindlicher Typ. Niemand, der tatenlos bliebe, kämen ihm Verfehlungen an Bord zu Ohren."

Norbert Schatz - ein Vorzeigekapitän.

Ob das stimmt, ist die Frage, über die seit Tagen heftig gestritten wird. Denn es gibt fast täglich Berichte, die nahelegen, dass seine Amtszeit als Kommandant nicht so reibungslos ablief, wie seine Freunde es erzählen. Zwei Todesfälle waren unter seiner Führung zu beklagen, so viel ist sicher: Neben der 25-jährigen Kadettin, die im vergangenen November aus der Takelage auf das Deck stürzte, starb auch eine 18-jährige Soldatin, die im September 2008 während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee fiel. Die Umstände sind noch immer nebulös, die Eltern haben gerade erst eine Neuaufnahme der Ermittlungen gefordert.

Alkoholexzesse und mangelnde Trauerarbeit

Hinzu kommen etliche anonyme Klagen von Kadetten und Offiziersanwärtern. Abenteuerliche Zustände aus dem Jahr 2010 werden da geschildert, zum Beispiel in einem Bericht des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus. Gezeichnet wird das Bild eines Mannes, der zuletzt seine Crew nicht im Griff gehabt und wilde Alkohol-Exzesse gebilligt haben soll und "besonders häufig in Badehose" unterwegs gewesen sei. Schatz, so legen die Klagen nahe, sei ein gefühlloser Kommandant, einer, der nicht mal zur Trauerarbeit fähig war und den tödlichen Sturz der Offiziersanwärterin im November 2010 lapidar mit einem Autounfall und einem Flugzeugabsturz verglichen haben soll. In einem Telefonat mit Marineinspekteur Vizeadmiral Axel Schimpf soll er laut "Leipziger Volkszeitung" sogar eingeräumt haben, Offiziersanwärter an Deck als "minderwertiges Menschenmaterial" bezeichnet zu haben - was das Verteidigungsministerium aber umgehend dementierte.

Norbert Schatz - ein Kommandant außer Rand und Band?

Das scheint jedenfalls Guttenbergs Lesart nahe zu kommen. Ansonsten hätte er ihn nicht fristlos zu abberufen müssen. Die Vorwürfe sollen jetzt in Ushuaia auf Feuerland aufgeklärt werden, Schatz wird dabei helfen müssen, und das könnte noch unangenehm werden für den Minister. Stimmen die Berichte, dürften Fragen laut werden, warum Guttenberg nicht schon im vergangenen Jahr von den Missständen an Bord wusste. Stimmen die Vorwürfe nicht, wäre umso rätselhafter, warum er Schatz von seinem Amt entbunden hat.

Guttenberg hat versprochen, Schatz werde seine Karriere auf der "Gorch Fock" fortsetzen, wenn die Anschuldigungen sich als nicht stichhaltig erweisen sollten. Viele Offiziere halten das für ein "Zurückrudern nach einer vorschnellen Entscheidung".

Ein Marinemann sagt: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er noch Lust auf diesen Posten hat."

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