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07. Februar 2011, 19:29 Uhr

"Gorch Fock"

Staatsanwälte prüfen Dienstfähigkeit der verunglückten Kadettin

Hätte die an Bord der "Gorch Fock" verunglückte Kadettin niemals in die Takelage des Schulschiffs klettern dürfen? Laut einem Pressebericht gibt es Zweifel an ihrer Dienstfähigkeit. Die Staatsanwaltschaft überprüft die Angaben.

Berlin/Glücksburg - War die an Bord der " Gorch Fock" ums Leben gekommene Kadettin dienstuntauglich? Die ermittelnde Kieler Staatsanwaltschaft teilte auf Anfrage mehrerer Nachrichtenagenturen mit, dass die Frage der sogenannten Borddienstverwendungsfähigkeit unter anderem Gegenstand der laufenden Prüfungen sei. Die Anklagebehörde stehe in engem Kontakt zum Verteidigungsministerium und den nachgeordneten Dienststellen, erklärte eine Sprecherin am Montag. Das Presse- und Informationszentrum der Marine im schleswig-holsteinischen Glücksburg lehnte jede Stellungnahme ab.

Die Kieler Staatsanwaltschaft geht derzeit der Frage nach, ob es hinreichende Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden am Tod der Kadettin gibt. Die damals 25-jährige Offiziersanwärterin war im November vergangenen Jahres auf dem Marineschulschiff tödlich verunglückt. Die 1,58 Meter große Soldatin habe 83 Kilo gewogen, berichtet die "Bild"-Zeitung. An der Übung, bei der sie aus der Takelage des Großseglers stürzte, habe sie deshalb nicht teilnehmen dürfen, meldet das Blatt. Die Zeitung beruft sich auf einen ihr vorliegenden Untersuchungsbericht der Marine.

Die Zeitung zitiert aus dem Bericht: "Die Obduktion ergab ein Körpergewicht, welches in Relation zur Körpergröße eine Borddienstverwendungsfähigkeit ausgeschlossen hätte." Außerdem soll ein Ausbilder ein weiteres Aufentern der Kadettin nicht für ratsam gehalten haben.

Nach dem Tod der Offiziersanwärterin war es auf der "Gorch Fock" im November zu einem schweren Zwischenfall gekommen, der mehreren Soldaten den Vorwurf der Meuterei einbrachte. Später wurden dann weitere Details über die Zustände an Bord bekannt. So sollen junge Offiziersanwärter von Mitgliedern der Stammbesatzung drangsaliert, übermäßig unter Druck gesetzt und sogar sexuell genötigt worden sein. Unter noch ungeklärten Umständen war bereits 2008 eine Offiziersanwärterin zu Tode gekommen.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte die Heimkehr der "Gorch Fock" angeordnet, die bis dahin vor Argentinien lag. Außerdem hatte er den Kommandanten Norbert Schatz vorläufig suspendiert.

Derzeit ist das Schiff auf dem Weg nach Deutschland, wo es nicht vor Ende April zurückerwartet wird. Ein Untersuchungsteam der Marine befragt derzeit an Bord die Soldaten, um Vorwürfe unzumutbarer Lebens- und Arbeitsbedingungen an Bord zu klären.

als/dpa/DAPD

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