Marodes Segelschulschiff "Gorch Fock"-Werft hat Insolvenzantrag gestellt

Die Elsflether Werft macht viel Umsatz mit Aufträgen der Marine. Der wichtigste: die marode "Gorch Fock". Nun geht das Unternehmen in die Insolvenz. Was bedeutet das für die Sanierung des Schiffs?

Die "Gorch Fock" im Kieler Hafen (Oktober 2014)
DPA

Die "Gorch Fock" im Kieler Hafen (Oktober 2014)


Die von der Sanierung der "Gorch Fock" belastete Elsflether Werft hat einen Insolvenzantrag gestellt. Ziel sei ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, dem das zuständige Amtsgericht Nordenham grundsätzlich zustimmte, bestätigte ein Unternehmenssprecher der Werft der Nachrichtenagentur dpa. Zuvor hatte der SPIEGEL über die Pläne der Werft berichtet, Insolvenz anzumelden.

Unternehmen, die gute Aussichten auf eine Fortführung des Geschäftsbetriebs sehen, können bei Gericht ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragen. Das ist eine Variante des Insolvenzrechts, die statt einer Abwicklung auf die Sanierung der Firma zielt. Wichtigster Unterschied: Die Geschäftsleitung bleibt dann im Amt, ihr wird allerdings ein sogenannter Sachwalter von außen zur Seite gestellt. Die alte Geschäftsführung behält so große Teile der Verfügungsgewalt über das Unternehmen.

Nach Angaben des neuen Werft-Vorstands Axel Birk war zuvor die Belegschaft über die Lage informiert worden.

Hintergrund der finanziellen Schwierigkeiten sind mutmaßlich veruntreute Gelder in Millionenhöhe, was Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der vor rund drei Wochen geschassten Leitungsriege zuschrieb. "Die alte Geschäftsführung hat, soweit wir das bisher aufklären konnten, Summen in Millionenhöhe, die die Bundeswehr ihr bereits gezahlt hat für die 'Gorch Fock', nicht an die Unterauftragnehmer weitergeleitet", sagte die CDU-Politikerin vor einer Sitzung des Haushaltsausschusses. Sie informierte das Gremium über den Sachstand.

Gegen einen der beiden Ende Januar entlassenen Vorstände ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg wegen des Verdachts der Untreue. Das neue Management sichtete in den vergangenen drei Wochen das Zahlenmaterial.

Die alte Werftführung hatte laut von der Leyen ein Geflecht aus vielen Tochter- und Unterfirmen konstruiert. "Sie hat Millionen aus der Elsflether Werft in dieses Firmengeflecht geleitet", so die Ministerin. Die vor drei Wochen eingesetzte neue Geschäftsführung bringe "sehr konstruktiv und professionell Licht ins Dunkel". Zur Insolvenz der Werft habe die Entnahme von Geldern geführt, sagte von der Leyen - nicht der zwischenzeitlich angeordnete Zahlungsstopp des Verteidigungsministeriums.

"Gorch Fock" im Dock
DPA

"Gorch Fock" im Dock

Die jetzt beantragte Insolvenz in Eigenverwaltung bietet laut von der Leyen den Vorteil, dass Altschulden eingefroren werden und die Unterauftragnehmer alle mit der Werft an einem Strang ziehen müssten. Womöglich könne die Instandsetzung der "Gorch Fock" unbelastet fortgeführt werden. Aber davor gebe es noch viele offene Fragen zu klären.

Die Kosten für die Sanierung des Dreimast-Seglers schnellten über die Jahre rasant die Höhe. Ursprünglich waren zehn Millionen Euro vorgesehen, dann wurde die Summe auf 75 Millionen Euro erhöht, inzwischen ist der Kostenansatz auf bis zu 135 Millionen Euro gestiegen. Bis zum 2. Januar 2019 wurden laut Bundesregierung rund 69 Millionen Euro ausgegeben.

Die Werft in der Wesermarsch macht rund 80 Prozent ihres Umsatzes mit Aufträgen der Marine. Die "Gorch Fock"-Sanierung ist derzeit der wichtigste Auftrag. Allein in der über hundert Jahre alten Werft geht es um rund 130 Arbeitsplätze.

asa/dpa

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BruceWayne 20.02.2019
1. Insolvenz?
Ein Unternehmen, welches hauptsächlich von (fetten) Aufträgen der Marine - also Steuergeldern - lebt, meldet Insolvenz an. Das macht man eigentlich nur, wenn man "zahlungsunfähig" ist, sonst nicht, und schon gar nicht, wenn ein paar Millionen "umgelenkt" wurden. Hm.... warum werde ich den Verdacht nicht los, dass da die Ministerin etwas hat konstruieren lassen, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Das geht nicht gut... in kurzer Zeit ist da die Staatsanwaltschaft an Bord...
eichenbohle 20.02.2019
2. 2 für 1
Man steuert ja Stück für Stück die 100 Mio. Euro Ausgaben an. Hier mal eine Schiff für 50 Mio Dollar. 2 Stück bestellt und als Schulschiffe benutzt, würde man also sogar unter 100 Mio. Euro bleiben. https://www.businessinsider.com/yacht-of-the-week-50-million-yacht-has-a-helipad-2012-8?IR=T Ach ja, die Geldvernichter der Bundeswehr, deren Berater und die anhängige korrupte Bande wird wie immer nicht zur Rechenschaft gezogen. Und wie immer bei deutschen öffentlichen Projekten wird bei den Kosten erst mal tief gestapelt (Stuttgart21, BER, Musikhalle HH) und dann voll in die Geldtöpfe gegriffen. Und dann werden mit Abraumbaggern Steuergelder nachgeschaufelt.
niska 20.02.2019
3.
Nun stellt sich, wie immer in so einem Fall, die Frage, wie man die veruntreuten Mio. zurückbekommt. In der Regel gar nicht, wenn so ein Scheinfirmengeflecht existiert. Einfach nur ärgerlich, wie unprofessionell hier ausgeschrieben wurde. Man muss einfach konsequent die Vergabe von Teilleistungen an Subunternehmer, oder Subsubs, oder... per dafür extra im Vergaberecht vorgesehenem Formular vorab ausschliessen. Denn jeder, der schonmal ausgeschrieben hat weiss, dass das "Versubbeln" immer zu schlechten, oder schlimmstenfalls keinen Ergebnissen führt. So ein Dilletantismus bei solchen Summen könnte fast auf Vorsatz schliessen lassen?
smokiebrandy 20.02.2019
4. Wie lange liegt dieses Schiff schon in dieser Werft? ?
Der Auftraggeber hat keinerlei Kontrolle über die Verwendung und den Verbleib von 70 Millionen ? ? Wer hat in diesem Sauladen bitte den Hut auf ? Eine Kassiererin wird wegen "Unterschlagung" eines Leergutbons fristlos gekündigt...eine Mitarbeiterin hat ein Wurstschnittchen von einem abgeräumten Buffet genommen...entlassen... Und 70 Millionen ? versacken einfach im Nirvana und es passiert was? Sorry... diese Bundesregierung sollte sofort eine schnelle Entscheidung treffen und den oder besser die Verantwortliche sofort beurlauben bzw. fristlos entlassen. Die Glaubwürdigkeit , sofern es diese noch gibt , der gesamten Regierung nimmt hier Schaden. Ist das völlig egal? Wenn die Kanzlerin das durchgehen lässt , prophezeie ich der CDU zur nöchsten Wahl 13%.
archivdoktor 20.02.2019
5. Wow
Da wollte diese Werft nochmals so richtig abzocken - zum Glück kam alles raus und jetzt ist die Werft pleite. Mir tut das schrecklich leid....
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