Grass' Israel-Schelte Dichter im Abseits

Günter Grass ist Schriftsteller - aber auch eine politische Figur. Sein Gedicht zum Konflikt zwischen Israel und Iran hat deshalb in Berlin heftige Reaktionen aus den Reihen von Regierung und Opposition provoziert. Die Zeilen des Nobelpreisträgers stoßen fast ausnahmslos auf Ablehnung.
Günter Grass (hier 2009 bei einer Lesung): Entrüstung quer durch alle Parteien

Günter Grass (hier 2009 bei einer Lesung): Entrüstung quer durch alle Parteien

Foto: dapd

Berlin - Als Günter Grass 80 wurde, vor mehr als vier Jahren war das, kam Angela Merkel nicht umhin, ihn wenigstens ein bisschen zu loben. Der Anlass gebot es, auch wenn die Kanzlerin und der Künstler wahrlich keine Freunde sind. "Petzliese" hat Grass sie einmal verspottet, Merkel ihrerseits kritisierte die späte Offenlegung seiner Waffen-SS-Vergangenheit. Am Ehrentag des Dichters erklärte die Kanzlerin schließlich: "Als politisch engagierter Streiter und Mahner hat sich Günter Grass stets sehr vernehmbar auch auf dem Feld der Politik eingebracht." Ziemlich kühl klang das, und so war es auch gemeint.

An diesem Mittwoch nun hat sich Grass wieder einmal sehr vernehmbar auf dem Feld der Politik eingebracht. Mit einem Gedicht unter der Überschrift "Was gesagt werden muss" holt er zum Schlag gegen Israel und seine Haltung gegen Iran aus, international in mehreren Zeitungen, Verbreitung garantiert.

Angela Merkel hätte dazu sicher eine sehr dezidierte Meinung. Aber sie hat sich schon in den Osterurlaub verabschiedet und schweigt lieber - wohl auch, um den Worten des Dichters nicht noch mehr Bedeutung zu verleihen. Es gelte die Freiheit der Kunst, ließ die Kanzlerin ihren Sprecher nur ausrichten. "Und es gilt glücklicherweise auch die Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder künstlerischen Hervorbringung äußern zu müssen." Ach ja, und noch etwas: Zum Verhältnis der Kanzlerin zu Person und Werk von Grass gebe es nichts Neues mitzuteilen. Wie gesagt: Sie sind keine Freunde - und sie werden auch keine mehr.

Merkel ärgert sich still, ihr FDP-Außenminister Guido Westerwelle erklärte lediglich in sehr allgemeiner Form, "die Gefahren des iranischen Atomprogramms zu verharmlosen, hieße, den Ernst der Lage zu verkennen". Die öffentliche Empörung über die Person Grass überlässt die Bundesregierung anderen. Und derer gibt es an diesem Mittwoch genug im politischen Berlin. Quer durch alle Parteien schütteln sie entrüstet den Kopf über den 84 Jahre alten Künstler und seine Vorwürfe, die Atommacht Israel gefährde den Weltfrieden.

CDU-Generalsekretär Gröhe ist entsetzt

Die schärfsten Töne kommen aus Merkels Partei. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe zeigt sich entsetzt über Ton und Tenor des Grass-Gedichts. Dies verkenne völlig, dass ein nach Atomwaffen greifender Iran das Existenzrecht Israels bestreite, den Holocaust leugne und sich internationaler Kontrolle verweigere. "Das Gedicht ist geschmacklos, unhistorisch und zeugt von Unkenntnis der Situation im Nahen Osten", sagte Unionsaußenexperte Philipp Mißfelder dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Kollege Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, konstatierte in der "Mitteldeutschen Zeitung" über Grass: "Immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben."

Die SPD braucht etwas länger, um auf die heiklen Dichter-Worte zu reagieren. Verständlich, denn Grass war lange Jahre SPD-Mitglied, unterstützte deren Spitzenleute in zahlreichen Wahlkämpfen, von Willy Brandt bis Frank-Walter Steinmeier. Er gehört halt immer noch zur Familie. Doch schweigen können auch die Sozialdemokraten am Mittwoch nicht, am Nachmittag meldet sich Generalsekretärin Andrea Nahles zu Wort. Sie schätze Grass sehr, sagte Nahles SPIEGEL ONLINE, "aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen".

Grünen-Chef Cem Özdemir wird noch deutlicher: "Günter Grass tappt in die Populismusfalle, ein vermeintliches Tabu, Israel nicht kritisieren zu dürfen, zu benennen, um es dann lautstark zu brechen, obwohl es dieses Tabu gar nicht gibt." Er sagte SPIEGEL ONLINE: "Es ist perfide, wenn er den Vorwurf des Antisemitismus vorschiebt, um das angebliche Tabu zu begründen." Im Übrigen empfiehlt Özdemir, Deutschland tue "gut daran, keinen Zweifel zu lassen, wer der Aggressor ist und an wessen Seite es in dieser Situation steht".

Auch Kritik aus der Linkspartei

Selbst in der Linkspartei, in Teilen für einen israelkritischen Kurs bekannt, wird Unverständnis über die lyrischen Zeilen von Grass laut. Dieser unterstelle Israel in seinem Gedicht "einen Vernichtungswillen", sagte der Linken-Abgeordnete Jan Korte - Grass verkenne mit seinen Ausführungen die Situation des jüdischen Staates. "Er verwechselt Ursache und Wirkung." Auch sei die Behauptung des Dichters fragwürdig, dass Kritik an Israel in Deutschland unter dem Verdacht des Antisemitismus stehe. "Es ist gelinde gesagt fragwürdig, dass ausgerechnet ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS ein angebliches Tabu bricht", meinte Korte.

Doch aus der Linkspartei kommt auch Rückendeckung für den Literaturnobelpreisträger. "Grass hat recht", sagte Wolfgang Gehrcke, Außenexperte der Linken-Bundestagsfraktion. Der Schriftsteller habe "den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen wurde". Gehrcke erklärte: "Günter Grass beschämt die deutsche Politik, die weithin damit beschäftigt ist, die diplomatischen Folgen eines israelischen Angriffs auf Iran zu kalkulieren, statt alles zu tun, um diesen Krieg zu verhindern."

Es ist eine der wenigen lobenden Stimmen an diesem Mittwoch voller vorösterlicher Empörung. Vielleicht hätte man auch einfach auf Jerzy Montag hören sollen, den Bundestagsabgeordneten der Grünen. Montag, der Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe ist, findet Grass' Worte zwar politisch verheerend - allerdings nicht als Lyrik-Werk. "Das ist ein Gedicht und kein politischer Beitrag", sagt Montag. "Bei Günter Grass handelt es eben um einen Schriftsteller, und mit dem muss man sich nicht streiten."

Dafür ist es nun zu spät. Der Dichter selbst will sich übrigens vorerst nicht gegen den Sturm der Entrüstung zur Wehr setzen. Seine persönliche Mitarbeiterin richtet am Mittwoch lediglich aus: "Herr Grass hat in seinem Gedicht gesagt, was er zu sagen hat und wird sich wegen gesundheitlicher Probleme bis auf weiteres nicht weiter dazu äußern."