Türkische Nationalisten in Deutschland Die unheimlichen Grauen Wölfe

Sie phantasieren vom großtürkischen Reich und schrecken auch vor Gewalt nicht zurück: Türkische Nationalisten, sogenannte Graue Wölfe, alarmieren die deutschen Sicherheitsbehörden. Die Politik ist erstaunlich nachsichtig mit den Extremisten.
Grauer Wolf in Frankfurt am Main: "Ich steche dich ab wie eine Hure im Park"

Grauer Wolf in Frankfurt am Main: "Ich steche dich ab wie eine Hure im Park"

Foto: Boris Roessler/ picture alliance / dpa

Manchmal reicht eine Begegnung, ein Blick, es fallen wütende Worte, und am Ende zückt einer sein Messer. So wie im März vor einem Jahr in Hannovers Innenstadt, als eine Gruppe türkischer Männer einen kurdischen Info-Stand bemerkt. Aus dem Streit wird eine Schreierei, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Schließlich liegt ein 21-Jähriger am Boden, jemand hat ihm in den Rücken gestochen.

Der Vorfall ist den deutschen Sicherheitsbehörden ein Beleg für die zunehmende Gewaltbereitschaft einer Gruppierung, die Graue Wölfe genannt wird. Unter diesem Sammelbegriff summieren Verfassungs- und Staatsschützer sowohl die Anhänger der rechtsextremen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) als auch andere türkische Ultranationalisten. In Deutschland sollen mindestens zehntausend Personen zu dieser Szene zählen.

Die Grauen Wölfe träumen von der Vereinigung aller Turkvölker zu einer Großtürkei, die vom Balkan bis Zentralasien reichen soll. Die Liste derer, die sie verachten und bekämpfen, ist lang: Kurden, Armenier, Griechen, Juden, Schwule und Christen.

Hohe Gewaltbereitschaft

Doch Sicherheitskreise besorgt nicht nur der Zulauf, den Ankaras Rechtsaußen in Deutschland erfahren, sondern auch deren "Gewaltaffinität". Die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, gibt nun Einblick in die Subkultur der Extremisten. Nach offiziellen Angaben griffen türkische Nationalisten in den vergangenen drei Jahren 15-mal Kurden oder kurdische Einrichtungen an. Auch attackierten sie mehrfach Polizisten und setzten dabei Waffen ein:

  • So schlugen am 24. August 2011 zehn Graue Wölfe drei kurdische Männer zusammen.

  • Am 30. November 2011 kam es in einem Bus zu einem Streit zwischen einem Türken und drei Kurden. Der Ultranationalist verletzte zwei Opfer mit einem Messer schwer und prügelte auf einen Polizisten ein, der einzuschreiten versucht hatte.

  • Bei einem Fußballspiel am 4. November 2012 im sauerländischen Meschede, es spielte Anadoluspor Ramsbeck II gegen den FC Mezopotamya Meschede, skandierten türkische Fans kurdenfeindliche Parolen. Daraus entwickelte sich eine Massenschlägerei.

Vermutlich sind die Auseinandersetzungen zwischen Bozkurtlar, wie die Grauen Wölfe auf Türkisch heißen, und Kurden in Deutschland sogar noch weitaus häufiger als bekannt. "Wir haben das Problem, bestimmte Sachbeschädigungen und Brandanschläge gegen kurdische und linke türkische Einrichtungen nicht eindeutig zuordnen zu können", sagt ein LKA-Staatsschützer. "Graue Wölfe veröffentlichen keine Bekennerschreiben." Und aufgeklärt wird eine Vielzahl der Taten ohnehin nie.

"Wir müssen etwas dagegen tun"

Das weiß auch Sedat*, ein führender Aktivist der Szene. Auf SPIEGEL ONLINE versucht er, deren Anschläge zu rechtfertigen. Seine krude Begründung geht in etwa so: Kurden verdienten in Deutschland Geld, mit dem die Aktivitäten der PKK finanziert würden. "Da wir hier leben, müssen wir hier etwas dagegen tun", behauptet Sedat. Er hält es für legitim, Buttersäure in Geschäfte zu werfen, Scheiben einzuschlagen oder vermeintliche PKK-Kader anzugreifen. "Die haben so viele Türken in unserer Heimat getötet. Das ist doch nichts im Verhältnis", so der Rechtsextreme.

Auch der Attentäter von Paris, Ömer Güney, der im Januar 2013 drei PKK-Aktivistinnen erschossen haben soll, bewegte sich jahrelang im türkisch-nationalistischen Milieu. Ob sich der türkische Geheimdienst MIT seine Fanatisierung zunutze machte, prüfen mittlerweile französische und deutsche Ermittler.

Merkwürdig erscheint vor diesem Hintergrund, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel jedoch offenbar wenig Berührungsängste hat, wenn es um die rechtsextreme MHP geht. Bei einem Ankara-Besuch im März 2010 traf sie sich auch mit deren Parteivorsitzendem Devlet Bahçeli, wie aus der Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken hervorgeht.

Deutsche Ignoranz

In Deutschland sind sich ohnehin viele Politiker wohl nicht im Klaren darüber, mit wem sie es zu tun haben. So ließ sich der frühere Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) mit Grauen Wölfen fotografieren, der grüne Bundestagskandidat Rainer Blum trat im Sommer 2013 als Gastredner in zweifelhafter Gesellschaft auf, und der Berliner Bundestagsabgeordnete Kai Wegner (CDU) posierte vor einer Fahne türkischer Nationalisten. Hinterher zitierte ihn eine Zeitung mit den Worten: "Ich will mit Extremisten nichts zu tun haben."

Für die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke, ist diese Ignoranz unverständlich: "Bei einer Versammlung der Grauen Wölfe zu sprechen, ist keinen Deut besser, als auf einer NPD-Veranstaltung aufzutreten."

Womöglich fällt die Distanz auch deshalb schwer, weil die Grauen Wölfe etablierte Parteien als Einfallstor in das gesellschaftliche System erkannt haben und diese nutzen. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden rufen führende Kader der Bewegung ihre Anhänger seit Jahren dazu auf, in deutsche Volksparteien einzutreten. Offenbar sind erste Extremisten dem bereits nachgekommen. In Sicherheitskreisen heißt es etwas unscharf, die Strategie trage allmählich Früchte.

Viel wichtiger für die Zukunft der Bewegung sind indes die Aktivitäten, die ihre Anhänger im Internet entfalten. Gerade türkischstämmige Jugendliche, auf der Suche nach Halt und Orientierung, fühlen sich von den nationalistischen Botschaften angesprochen.

Auf YouTube etwa verbreiten junge HipHopper ideologisch durchsetzte Videos. In einem Zusammenschnitt mit dem Titel "Bozkurt Jugend" heißt es: "Ich mach dich platt, du kurdischer Nazi, ich steche dich ab wie eine Hure, die im Park liegt." Die Zeilen sind mit Bildern von Pistolen, Messern, Schlagwaffen und einer Fahne der Grauen Wölfe unterlegt. Die Klickzahlen der Videos variieren stark, manche erreichen Hunderttausende Zuschauer.

"Von türkischen Faschisten geht eine direkte Gefahr insbesondere für hier lebende Kurden und Aleviten, aber auch für Juden und Homosexuelle aus", mahnt Innenpolitikerin Jelpke. Es gibt bislang nicht viele, die auf solche Warnungen hören.

*Name geändert