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07. Juni 2015, 19:11 Uhr

Abschied bei der Linkspartei

Gysis Vermächtnis

Von , Bielefeld

Gregor Gysi feiert einen emotionalen Abschied als Fraktionschef. Seinen Genossen trichtert er ein: Traut euch endlich zu regieren! Die mögliche Nachfolgerin Sahra Wagenknecht hält schon dagegen.

Zum Schluss zeigt er noch mal seine rhetorischen Tricks. Wochenlang baute er die Spannung auf, doch dann lässt Gregor Gysi gleich im ersten Satz die Luft raus: "Heute spreche ich letztmalig als Vorsitzender unser Bundestagsfraktion auf einem unserer Parteitage."

Zum Höhepunkt entschuldigt er sich unter Tränen bei Freunden und Familie, er verneigt sich sieben, acht Mal vor den Genossen. Und in den 45 Minuten zwischen nüchternem Einstieg und emotionalem Abgang mutet er seiner Partei noch einmal richtig etwas zu.

Gregor Gysis Entschluss, sich als Fraktionschef zurückzuziehen, ist ein Einschnitt für die Linke. Seit 1990 war er mit kurzen Unterbrechungen Partei- oder Fraktionsvorsitzender von PDS und später Linkspartei. Ohne den großen Erklärer und Entertainer steht sie an der Spitze etwas nackt da. Gysi zu ersetzen, das wird eine Herausforderung.

Der abtretende Fraktionschef präsentierte auf dem Parteitag in Bielefeld sein Vermächtnis. Die Frage ist, ob es die Erben auch annehmen.

Gysi forderte seine Genossen heraus: Traut euch endlich zu regieren! Weg von den Maximalpositionen, weg mit den "Haltelinien", mit denen der linke Teil der Linken jede Annäherung an andere Parteien stoppen will. Das ist nicht ganz neu, doch selten gab es das bislang so deutlich.

Weg vom Totalstopp aller Waffenexporte - hin zum Lieferverbot in Krisenregionen. Weg von der Totalablehnung der Bundeswehr - hin zur Verhinderung neuer Kriege. "Welch ein gewaltiger Fortschritt wäre dies!", sagt Gysi nach jedem Punkt. Da rüttelt er gleich an einem halben Dutzend Linksparteidogmen. Und er sagt: "Macht was draus!" Der Applaus ist verhalten.

Vom 13. Oktober an will der 67-Jährige nur noch ein gewöhnlicher Abgeordneter sein, Wahlkreis Berlin Treptow-Köpenick. Ob er 2017 überhaupt noch einmal für den Bundestag kandidiert, das müsse er sehen.

Gysi als Rentner? Nicht so schnell. Mehrfach hat er seine Lust auf den Bundestagswahlkampf 2017 durchblicken lassen. Ohne die Last des Amtes als Fraktionschef könnte er sich ganz auf diese Aufgabe konzentrieren. Für ihn lauert dort die letzte klitzekleine Chance, es doch noch einmal zum Minister zu bringen. Dass er darauf spekulieren könnte, stritt er natürlich noch in der Rede ab. Und doch ist es wohl so: Man müsste ihn nur bitten.

Die Beschlusslage ist klar: Eine Doppelspitze aus Mann und Frau soll die Fraktion führen. Gysi selbst hatte keine Lust aufs Teilen. Als Nachfolgekandidaten gelten seit Längerem Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, die als Gysis erste Stellvertreter 2014 schon mal Fraktionsmanagement proben durften.

Wagenknecht schaltete sich in diesem Jahr bereits zweimal in die Nachfolgedebatte ein. Im Januar erinnerte sie Gysi daran, dass endlich eine Doppelspitze kommen müsse. Im März gab sie bekannt, sie habe keine Lust mehr auf den Job. Gleich nach Gysis Abtrittsrede folgte nun ihre dritte Wortmeldung zum Thema: "In Sachen Fraktionsvorsitz überlege ich neu", sagt sie. Die Situation habe sich geändert. Aus ihrem Umfeld heißt es, es sei wahrscheinlich, dass sich die 45-Jährige in den kommenden Tagen bereit erkläre.

Auch Vertreter des Realoflügels drängen Wagenknecht. Fraktionsvize Jan Korte, Gysi- und Bartsch-Vertrauter, sagt: "Sahra Wagenknecht würde uns als Fraktionsvorsitzende neben Bartsch helfen, 2017 erfolgreich zu sein. Deshalb hoffe ich - bei allen politischen Differenzen, die wir haben -, dass sie als Fraktionsvorsitzende kandidiert." Ähnlich äußert sich der pragmatische Außenpolitiker Stefan Liebich.

Beide Flügel haben sich auf das Duo Reformer-Bartsch und Fundi-Wagenknecht eingestellt, deshalb dürfte es auch so kommen. Man darf damit rechnen, dass der Parteivorstand das Duo im Laufe der kommenden Tage bittet, Gysis Nachlass zu verwalten.

Für den innerparteilichen Frieden zwischen Pragmatikern und Radikalen ist die Beutegemeinschaft Bartsch und Wagenknecht die naheliegende Lösung. Unersetzbar ist Gysi als Fraktionsmanager nicht: Auch unter ihm lief es zuletzt nicht herausragend. Aus der Rolle als größter Oppositionspartei im Bundestag macht man bislang wenig.

Doch Gysi hielt den Laden zusammen - und glänzte wie eh und je in den Disziplinen Selbst- und Außendarstellung. Wagenknecht ist zwar neben Gysi der einzige Star der Partei, der einen Marktplatz füllen kann. Aber dass sie bislang eine gute Fraktionsmanagerin gewesen wäre, behaupten nicht einmal ihre treuesten Fans.

Gysi, auch wenn er als Wahlkampfzugpferd zurückkehren sollte, dürfte vor allem deshalb fehlen, weil er beides konnte: Kompromisse zwischen den verfeindeten Lagern schließen und gleichzeitig nach außen glänzen. Beides können weder Wagenknecht noch Bartsch - ihre Wette lautet, dass sie es als Duo hinbekommen.

Bartsch versuchte sich in seiner Parteitagsrede schon mal als Integrator, der die Flügel als "Reichtum der Partei" pries. Dabei redete er aber so schnell, dass er sich mehrmals verhaspelte.

Wagenknecht hingegen zeigte wie gewohnt nur eine schwach ausgeprägte Bereitschaft zum Zwischenton. Am Samstag widersprach sie schon vorsorglich Gysis Appell zum Nachdenken über Kompromisse und Bündnisse. Sie dozierte über die "trübe Brühe" der SPD, über terroristische Kriege Amerikas und die "ukrainischen Nazis". Die Delegierten dankten es mit johlendem Applaus.

Gysi baute ihr dann auch keine Brücke. Seinen alten Gefährten Bartsch erwähnte er mehrfach und dankte ihm ausdrücklich. Der Name Sahra Wagenknecht kam Gregor Gysi in seiner letzten großen Rede nicht über die Lippen.

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