Gregor Gysi im Interview "Ich bin kein Phantast"

Kandidiert er oder nicht? Schon seit August 2000 wird spekuliert, ob Gregor Gysi in Berlin für die PDS ins Rennen geht, um Nachfolger des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen zu werden. Doch erst nächste Woche will er sich entscheiden. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Gysi, warum er zaudert - und eigentlich doch nicht will.

Von Holger Kulick


Es darf gewettet werden: Gregor Gysi kandidiert wahrscheinlich nicht
DPA

Es darf gewettet werden: Gregor Gysi kandidiert wahrscheinlich nicht

SPIEGEL ONLINE:

Herr Gysi, Ihre Entscheidung dauert erstaunlich lange. Tun Sie sich schwer oder Ihre Partei?

Gregor Gysi: In diesem Fall - glaube ich - liegt das an mir.

SPIEGEL ONLINE: Zögern Sie, weil es Sie nicht reizt, in ein Boot einzusteigen, in dem SPD-Mann Klaus Wowereit längst klar Schiff gemacht hat, dass er der eigentliche Herausforderer Eberhard Diepgens ist?

Gysi: Nun entscheidet nicht die Person, die sich dafür erklärt, wer die Nummer eins als Herausforderer ist. Das entscheiden in unserer Gesellschaft die Medien, die Öffentlichkeit und der konkrete Wahlkampf. Das ist aber auch nicht mein eigentliches Problem.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Gysi: Zum einen hab ich im letzten Jahr bestimmte Lebensentscheidungen getroffen. Obwohl diese neue Situation herausfordernd und spannend ist, muß ich überlegen, ob ich nun alles wieder über Bord werfe. Noch wichtiger ist aber für mich, dass ich mich nicht an der Verbreitung der Illusion beteiligen will, es gehe um ein Duell Gysi gegen Diepgen und die Leute könnten darüber ernsthaft entscheiden. Wir haben aber keine Direktwahl in Berlin. Mich müsste das Parlament wählen. Und wären Sie sicher, dass ich dort eine Mehrheit finden würde? Ich bin Realist und kein Phantast.

Nur ein Ressortleiter im Senat? "Das muss man sich gut überlegen"

SPIEGEL ONLINE: Wären sie denn bereit, nur als Senator und Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters in die Berliner Regierung einzutreten?

Gysi: Da muss ich überlegen, ob ich dafür geeignet bin. Denn was entsteht für eine Situation in einem solchen Senat? Gibt es ein Grundvertrauen des Regierenden, oder ist der misstrauisch und betrachtet mich als lauernde Konkurrenz? Da muss man gut überlegen, ob man sich dass antut, praktisch nur ein Ressortleiter zu sein. Für die Stadt eine neue Vision zu entwickeln und eine harte Sanierung durchzuführen, das wäre in erster Linie Aufgabe eines Regierenden, aber wenn man nur für ein bestimmtes Ressort zuständig ist, sollte man das genau durchdenken. Das alles geht mir zur Zeit durch den Kopf und dazu brauche ich noch ein paar Gespräche. Aber dann werde ich mich unmissverständlich erklären.

"In der CDU gibt es ähnlich falsches Denken wie in Teilen der PDS"

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn erwartet, dass die CDU nun so stark auf das Thema PDS abfährt?

Gysi: Hier macht die CDU einen Fehler, unbedingt die letzte Schlacht des Kalten Krieges führen zu wollen - aus dem Freund-Feind-Denken ihrer verbrauchten Generation heraus. Da gibt es ein ähnlich falsches Denken, wie ich es auch noch in Teilen der PDS antreffe. Man befriedigt einen Teil seiner Klientel, aber diesen Teil hast du ohnehin. Stattdessen wird der Zugang zu den neuen Generationen versperrt. Denn die wollen nicht mehr die Schlachten der fünfziger und sechziger Jahre, sondern Zukunftsprojekte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, eigentlich war Ihre neue Lebensplanung gerade abgeschlossen. Sollte das Ihre erneute Kandidatur für den Bundestag werden?

Gysi: Nein. Es geht eher darum, dass ich eigentlich wild entschlossen bin, im September in eine Rechtsanwalts-Sozietät einzutreten und eventuell auch eine publizistische und damit öffentlichkeitswirksame Tätigkeit zu übernehmen. Das wäre eigentlich so als Mischung ganz gut gewesen. Und ob dazu noch ein Mandat kommt, das wollte ich ganz freimütig nach mehreren Kriterien im Sommer entscheiden. Da kommt das Ding jetzt richtig dazwischen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.