Linkspartei Gysi lässt sie alle zappeln

Tritt Gregor Gysi als Fraktionschef der Linken ab? Seit Wochen facht er Spekulationen an - auf dem Parteitag am Wochenende will er sich endlich erklären. Die Genossen grübeln bereits, wie man einen Unersetzlichen ersetzt.

Fraktionschef Gysi: Geht er oder bleibt er?
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Fraktionschef Gysi: Geht er oder bleibt er?


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Alles dreht sich wieder einmal um ihn. Hat er genug? Oder kann er doch nicht loslassen? Gregor Gysi überlegt, sich als Fraktionsvorsitzender der Linken zu verabschieden. Dass er sich diese Gedanken macht, ist mittlerweile bis in die kleinsten Ortsverbände vorgedrungen.

Denn Gysi zelebriert das Nachdenken über die Zukunft von Gysi, wie es nur Gysi kann. "Ich weiß gar nicht, wie dieser Erwartungsdruck entstehen konnte", schwindelte er zuletzt im Interview mit der "Leipziger Volkszeitung".

Am Wochenende trifft sich die Linke zum Parteitag in Bielefeld. Geht es nach den Parteivorsitzenden, dreht sich das Treffen um die frische Kampagne zur Bundestagswahl und um das junge Thema Grundeinkommen. Nach ihnen geht es aber nicht. Es geht nach Gysi.

Verabschiedet sich der Starpolitiker nach 25 Jahren an der Spitze von Partei und Fraktion aus der ersten Reihe? Diese Frage wird über dem Parteitag schweben, wahrscheinlich bis zum Tagesordnungspunkt "Bericht des Fraktionsvorsitzenden", Sonntagmittag, 13 Uhr.

So lange rätseln die Genossen, so lange plant eine Partei im Konjunktiv. In der Fraktion sprechen Realos schon bei Fundi-Vertretern vor - sollte sich Gregor zurückziehen... Der Parteivorstand spielte in seiner letzten Sitzung Szenarien durch - für den Fall, dass… Partei und Fraktion tanzen noch einmal nach der Choreografie Gysis.

Gysi hält sich jede Tür offen

Und der? Gibt Interview um Interview, mit einer Anspielung hier, mit einem Halbsatz dort. Er werde ja zuletzt sehr gut behandelt in der Fraktion. Man dürfe allerdings auch nicht zu spät abtreten. Solche Sätze. Der 67-Jährige hält sich jede Tür offen.

Er feile an seiner Rede, heißt es. Um die "Widersprüche der Linken" soll es gehen. Die Parteichefs, Katja Kipping und Bernd Riexinger, will Gysi offenbar noch vor der Rede über seinen Entschluss informieren. Jan Korte, Abgeordneter und Gysi-Freund, der den Fraktionschef kürzlich ans mögliche Rentnerhobby Angeln heranführte, sagt: "Ich glaube, es ist noch offen."

So flüchtet sich die Partei in Kaffeesatzleserei: Gysi habe seine Ex-Frau zum Parteitag eingeladen? Es wird eine Abschiedsrede! Gysi werde ein Plädoyer für Regierungsverantwortung handeln? Er bleibt also an Bord!

Konkret geht es darum, ob Gysi im Herbst noch einmal antritt als Fraktionschef. Und wenn nicht, in welcher Form er der Partei erhalten bleibt. Von einem kompletten Rückzug ist nicht auszugehen. Gysi träumt davon, dass Rot-Rot-Grün zumindest eine Option im Wahlkampf 2017 wird. Ohne ihn dürfte das nichts werden.

"Eigentlich nicht zu ersetzen"

Gysi ist, unbestritten, immer noch der Star der Linkspartei, einer von nur zwei A-Promis, die die Partei zu bieten hat. Sollte er gehen, wäre es ein Einschnitt. Und wer bitteschön sollte ihm folgen? Korte sagt: "Gysi ist nun mal die berühmteste, beliebteste Figur, die wir haben. Eigentlich ist er gar nicht zu ersetzen."

Die Linke, die aus ihrer Rolle als "Oppositionsführerin" selbst unter Gysi bislang nicht allzu viel gemacht hat, braucht aber eine Fraktionsführung, die der Koalition etwas entgegenzusetzen hat. Das heißt: Gysi, der eigentlich nicht zu ersetzen ist, muss ersetzt werden.

Es gibt ein Modell, das für den Fall eines Gysi-Abtritts vorgesehen war. Die Partei beschloss, eine Doppelspitze solle die Fraktion führen. Im Sinne des Flügelgleichgewichts sollten Realo Dietmar Bartsch und Fundi Sahra Wagenknecht übernehmen. Doch dann blieb und blieb Gysi, und Wagenknecht verging die Lust an einer Doppelspitze, die sie sich womöglich mit ihm teilen müsste. Es ist gerade einmal drei Monate her, dass sie verkündete, sie wolle nicht mehr.

Geht Gysi, dann müsste Wagenknecht eine Kehrtwende machen. Ihre Leute berichten bereits, dass sie hofiert werde, es sich bitte noch einmal anders überlegen möchte. Einige aus dem Reformerlager sprachen bei Wagenknecht vor. Denn die 45-Jährige ist neben Gysi nun mal der andere A-Promi der Partei. Dass sie schnell wieder bereitstünde, bezweifelt kaum jemand.

Parteichefin Kipping, der ebenfalls Ambitionen nachgesagt werden, stritt diese zuletzt am Mittwoch ab. Auch ein paar andere Namen kursieren, Martina Renner etwa, die sich im NSA-Untersuchungsausschuss einen Namen gemacht hat, oder der Außenpolitiker Jan van Aken. Doch es sind Bartsch und Wagenknecht, die erste Wahl bleiben, für den Fall der Fälle.

Mehr wissen alle Beteiligten am Sonntag, gegen 14 Uhr, nach Gysis großem Auftritt.


Zusammengefasst: Linken-Fraktionschef Gregor Gysi lässt offen, ob er im Herbst abtritt. Ein kompletter Rückzug ist aber unwahrscheinlich. Für eine Nachfolge in der Fraktion bleibt ein Duo mit Sahra Wagenknecht erste Wahl, auch wenn die vor Kurzem ihren Verzicht bekannt gab.

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Seite 1
Olaf 04.06.2015
1.
Man wird bei den Linken keine Probleme haben einen andern Schnacker zu finden. Gysi wird schnell vergessen sein.
brotherandrew 04.06.2015
2. Der Dampfplauderer ...
... und systemtreue Rechtsanwalt der sog. DDR", Gregor Gysi, sollte sich doch in den Ruhestand begeben. Es bleiben der Linken dann ja noch so moralinsauer Menschen wie Riexinger und Ramelow, die zum Lachen in den Keller gehen müssen. Nicht zu vergessen die ebenfalls humorbefreite Lafontainebraut Sahra, die noch wacker das kommunistische Banner hochhält. Wer wählt so was eigentlich?
anke.bennewitz 04.06.2015
3.
Er sollte zur SPD wechseln.
Unternehmerunternimmtwas 04.06.2015
4. ich dachte
er kandidiert zum Bundeskanzler und regiert unser Land nach dieser andauernden dunklen Periode an der Spitze einer rot-rot-grünen Koalition mit, auf ihre Werte rückbesonnenen Grünen und einer komplett neuen SPD-Spitze, die sich ebenfalls an die Statuten ihrer Partei erinnert.
megamekerer 04.06.2015
5. Unersetzlich ist er nicht!
Jeder Mensch, der gutes Herz hat, politisch etwas versteht, das Volk vertreten will und den Lobbyisten nicht verfallen ist, der kann den Gysi ersetzen, ach ja, der muss auch eine große Klappe haben!
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