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DDR-Grenzer 1989: "Macht den Schlagbaum auf!"

Foto: Maurice Weiss/ OSTKREUZ

Grenzöffnung am 9. November 1989 "Macht den Schlagbaum auf!"

Am Abend des 9. November 1989 steckt Harald Jäger in der Klemme: Er soll den Grenzübergang Bornholmer Straße bewachen, und Tausende DDR-Bürger wollen gen Westen - was nun? Schließlich öffnet er den Schlagbaum ohne Genehmigung von oben. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den historischen Moment.

SPIEGEL: Herr Jäger, als Sie am 9. November um 18.54 Uhr im Fernsehen die Übertragung der Pressekonferenz Schabowskis sahen, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Jäger: Was redet der da, habe ich gedacht. Der liest etwas vor, was er gar nicht überblickt in seinen Auswirkungen. Der wirkte selbst sehr überrascht, als er das vortrug, wie jemand, der es vorher noch nie gelesen hat.

SPIEGEL: War Ihnen klar, was in den nächsten Stunden passieren würde?

Jäger: Nein, in dem Ausmaß nicht, aber mir war klar, dass nun in den nächsten Stunden Ausreisewillige vor unserer Übergangsstelle auftauchen würden. Das hat bei mir keine Panik und auch keine Angst ausgelöst. Es hat bei mir nur ausgelöst: Jetzt musst du erfahren, ob die sofort reisen dürfen oder nicht. Konfrontiert mit der Lage sind ja nicht irgendwelche Regierungsorgane, sondern die Passkontrolleinheiten an den Grenzübergangsstellen. Ich habe sofort mit meinem Vorgesetzten im Operativen Leitzentrum in Berlin-Treptow telefoniert, der hatte die Fernsehübertragung auch gesehen und war genauso überrascht wie wir alle. Die Leute wegschicken, das war seine Anordnung.

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SPIEGEL: Wann kamen die ersten Leute, die rüber wollten?

Jäger: Das ging ganz schnell, dann standen die ersten vorn an der Vorkontrolle. Aber die hielten noch Abstand, die waren noch unsicher.

SPIEGEL: Im Jargon der Grenzer wurden Leute, die ohne entsprechende Papiere über die Grenze wollten, "Wildschweine" genannt.

Jäger: Ja, das stimmt, die hießen bei uns so, damit waren Leute gemeint, die nachts, oft auch betrunken, bei uns an der Grenzübergangsstelle auftauchten und rüber wollten. Aber an diesem Abend war es natürlich etwas anderes, das waren Leute, die wollten rüber, weil sie auf die Ankündigung eines Politbüromitglieds Bezug nahmen. Das waren für mich keine Wildschweine.

SPIEGEL: Ab wann wurde es brenzlig an diesem Abend?

Jäger: Es kam ein Funkstreifenwagen der deutschen Volkspolizei, machte mit einem Megafon eine Durchsage an die wartenden DDR-Bürger und teilte ihnen mit, dass sie sich zu einer Meldestelle begeben könnten. Man werde ihnen entsprechende Dokumente ausstellen, und dann dürften sie ausreisen. Die DDR-Bürger begaben sich zu den Volkspolizeiinspektionen. Das nächste Polizeirevier war nicht weit von uns, also fünf Minuten hin, fünf Minuten zurück höchstens. Die DDR-Bürger, nicht alle, aber ein Teil, begaben sich dorthin, nach zehn oder zwölf Minuten erschienen die wieder und waren sehr erzürnt. Die Dienststellen waren geschlossen. Die DDR-Bürger kamen sich veralbert vor, und das haben sie lautstark kundgetan. "Ihr verscheißert uns ja! Wir fordern jetzt unsere Ausreise." Schabowski hatte das im Fernsehen durchgesagt, und die wollten das jetzt durchsetzen bei uns.

SPIEGEL: Haben Sie versucht, Ihrem Vorgesetzten die Lage klarzumachen?

Jäger: Ich habe die Situation dem Oberst Ziegenhorn im Leitzentrum geschildert, und der sagte: "Du kennst die Weisung, es gibt nichts Neues." Ich sagte: "Ich will Sie nur in Kenntnis setzen, dass Hunderte Bürger vor uns stehen, und dass die Verordnung nach der Durchsage der Volkspolizei etwas problematischer wird." Er sagte: "Schick sie nach wie vor zurück." Ich sagte: "Zurückschicken kann ich nicht, nur absperren." Man musste an diesem Abend ständig damit rechnen, dass die DDR-Bürger die Grenze stürmen könnten. Man musste damit rechnen.

SPIEGEL: Haben sich solche Gespräche über den Abend wiederholt?

Jäger: Ja, immer wieder. Ich habe von ihm gefordert: "Es muss eine Lösung gefunden werden." Und da sagte er dann irgendwann zu mir: "Hör mal zu, ich ruf oben an, im Ministerium, du kannst mithören. Da ist entweder der Minister dran, oder einer seiner Stellvertreter." Er wollte mir zu diesem Zeitpunkt vorführen, was für ein Durcheinander schon herrschte, dass es von oben keinen Befehl geben wird. Das wollte er mir kundtun - soweit kannte ich Oberst Ziegenhorn, darum sollte ich sein Telefongespräch mit ganz oben mithören. Ich konnte dann mithören, wie aus dem Ministerium die Frage kam, ob denn der Genosse Jäger überhaupt in der Lage sei, die Lage real einzuschätzen oder ob er aus Angst handele. Und das reichte mir. Da hab ich in den Hörer gebrüllt: "Wenn Sie mir nicht glauben, dann hören Sie doch hin." Und dann hab ich den Hörer genommen und aus dem Fenster des Dienstzimmers gehalten.

SPIEGEL: Haben Sie die Lage auch mit Ihren Mitarbeitern an den Grenzübergangsstellen besprochen?

Jäger: Ich habe mit allen verantwortlichen Offizieren mehrmals an diesem Abend gesprochen. Auf der Straße, aber auch im Dienstzimmer. Die forderten: "Harald, du musst was tun!" Sag ich: "Was soll ich denn tun?" Ich wollte hören: Was sagen die? Im Zimmer des Leiters standen sie beisammen, und ich wollte von ihnen wissen, was ich tun soll. "Das musst du doch wissen, du bist der Chef." Ich sagte: "Soll ich die DDR-Bürger ausreisen lassen? Oder soll ich schießen lassen?" - "Um Gottes Willen!" Das war klar, mit dem Schießen lassen war von mir eine Provokation, ich wollte von denen wissen, ob sie mich unterstützen, wenn ich die DDR-Bürger ausreisen lasse. Dass ich es verantworten muss hinterher, das war mir klar, aber ich wollte die Unterstützung haben. Aber da kam nichts. Damit war die Dienstversammlung beendet.

SPIEGEL: War das denn möglich, schießen zu lassen?

Jäger: Nein, wir hatten die Order, auch bei Grenzdurchbrüchen nicht von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, es sei denn, unser eigenes Leben ist in Gefahr.

SPIEGEL: Auf die Leute vor dem Schlagbaum zu schießen war zu keiner Zeit an diesem 9. November eine Option?

Jäger: Nein, aber auch ohne Schüsse hätten Leute zu Schaden oder gar zu Tode kommen können. Bei Rangeleien, beim Ausbrechen von Panik zwischen den inzwischen Tausenden am Grenzübergang. Darum habe ich dann meinen Leuten den Befehl gegeben: Macht den Schlagbaum auf!

Das Interview führte Cordt Schnibben
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