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21. März 2019, 16:57 Uhr

Klimareligion

Das erste Buch Greta

Eine Kolumne von

Für Greta Thunberg ist die Atomkraft eine Option. Was heißt das für die Bewegung, die sie als Prophetin verehrt? Und was machen jetzt die vielen Journalisten, die sich als Thunberg-Fans zu erkennen gegeben haben?

Und der Mensch entfache wieder das ewige Feuer, sprach die Prophetin. Er hege und hüte es, damit sich das Klima beruhige und das Wasser nicht mehr über die Ufer trete und Mensch und Getier ohne Sorge unter Gottes wärmender Sonne leben können.

Greta Thunberg hat sich zur Atomkraft geäußert. "Atomenergie kann ein kleiner Teil einer neuen kohlenstofffreien Energie-Lösung sein", schrieb sie vor wenigen Tagen auf der Verkündungsplattform Facebook. "Auch wenn Atomenergie sehr gefährlich, teuer und zeitraubend ist, können vor allem Länder und Regionen ohne große Möglichkeiten für erneuerbare Energieträger von der Atomenergie profitieren."

Muss man Thunbergs Bekenntnis zur Atomenergie ernst nehmen? Unbedingt. Dass sie eine Prophetin ist, das hat gerade Katrin Göring-Eckardt, die Frau, die mit den Bienen spricht, bestätigt. In einer Rede in der evangelischen Salvatorkirche in Duisburg verglich die Fraktionsvorsitzende der Grünen Greta Thunberg mit Amos, dem ersten Propheten, dessen Worte in Schriftform überliefert sind, und der den Zeitgenossen ein schreckliches Strafgericht verkündete, sollten sie sich nicht zu einem gottgefälligen Leben bekehren.

Es bleibt abzuwarten, ob die Ökobewegung auch den Worten der Prophetin Greta folgt. Mit der Atomkraft hadert man hierzulande bekanntermaßen, sie gilt als Teufelszeug. Aber was ist der Prophet wert, dessen Botschaften man in den Wind schlägt? Nicht viel, würde ich sagen. Dass die Weissagung gelegentlich dunkel oder widersprüchlich ausfällt, liegt in die Natur der Sache. Auch der Heiland hat seinen Jüngern einiges zugemutet. Über manche seiner Sätze zerbrechen sich die Gelehrten bis heute die Köpfe.

Der Aufstieg von Greta Thunberg hat eine Begeisterung ausgelöst, die an Heilserwartung grenzt. Das religiöse Element, das sich auch ikonografisch ausdrückt, ist von aufmerksamen Beobachtern früh registriert worden. Da ist der ernste Blick, in dem sich das Leiden an der Welt spiegelt; die in die Stirn gezogene Wollmütze, die mit der gesellschaftlichen Kälte korrespondiert, der sie zu trotzen versucht; der zarte Körper, der besser zu einem Kind als zu einer jungen Frau passt; der Hinweis auf die Krankheiten als Äquivalent zum Wundmal.

Petra Kelly, die mythische Gründungsfigur der Umweltbewegung, hatte nach eigener Aussage wegen des Krebstods ihrer Schwester zum Ökoglauben gefunden. Was bei Kelly der Krebs war, das ist bei Thunberg der Autismus, der sie die Dinge klarer sehen lässt als andere.

Man kann über die religiöse Dimension spotten, aber das ändert nichts daran, dass Tausende in Thunberg eine Figur von biblischer Kraft sehen. Vom "Wunder des Engagements" sprach Göring-Eckardt in Duisburg, das fasst es gut zusammen. Die Ungläubigen werfen der schwedischen Schülerin vor, ihre Argumente seien nicht durchdacht genug, die Vorschläge zur Weltenrettung zu simpel, der apokalyptische Ton übertrieben - das zielt alles am Kern ihrer Botschaft vorbei. Aus Thunberg spricht nicht die Sprache der Politik, sondern die Sprache des Herzens. Deshalb ist sie der Politik auch weit überlegen.

"Szenen aus dem Herzen: Unser Leben für das Klima", heißt das Buch der Thunberg-Familie, dessen deutsche Ausgabe der Fischer-Verlag diese Woche in einer Ad-hoc-Pressemitteilung annoncierte. Spötter würden anmerken, dass das Klima unverwüstlich ist, egal wie sich der Einzelne anstrengen mag. Aber auch das hieße, den eigentlichen Punkt zu verfehlen.

Man muss nur einen Blick auf den Klappentext werfen, und man erkennt, dass es sich nicht um ein Sachbuch, sondern um eine Passionsgeschichte handelt. "Wie Greta erstmals vom Klimawandel hörte und seitdem nicht mehr aufhören konnte, darüber nachzudenken", heißt es in der Ankündigung. "Wie sie ihre kleine Schwester Beata und ihre Eltern davon überzeugt, für das Klima zu kämpfen. Wie die Eltern beschließen, nicht mehr zu fliegen."

Es wäre Unsinn, den Jugendlichen, die sich freitags auf den Straßen und Plätzen der Republik zur Kommunion versammeln, ihre Begeisterung zum Vorwurf zu machen. Jede Generation kennt charismatische Erlöserfiguren, die sie verehrt. Vor gut 40 Jahren hängte die Jugend im Westen ihr Herz an einen argentinischen Arztsohn, der sich im Dschungelkrieg gegen den Imperialismus als neuer Jesus stilisierte. Andere suchten ihr Heil in Esalen, Poona oder den palästinensischen Ausbildungslagern für den bewaffneten Kampf. Der Messianismus ist seither fester Bestandteil von Jugendbewegungen, er wechselt nur die Erscheinungsform.

Was die Thunberg-Bewegung so besonders macht, ist die Entzückungsbereitschaft von Menschen, zu deren Jobbeschreibung es gehört, einen kühlen Kopf zu bewahren. Wer der medialen Begleitung von "Fridays for Future" folgt, muss feststellen, dass die Grenze zwischen Berichterstattung und Herzensergießung hier fließend ist. Einige Twitteraccounts schreibender Kollegen gleichen einer Fanseite: Jeder Tweet ein Rosenkranz, jeder Retweet ein Segenswunsch.

Wehe dem, der sich lustig macht! Es reicht schon, dass man anlässlich der Nominierung von Thunberg zum Friedensnobelpreis darauf hinweist, dass solche Nominierungen auch gänzlich ungeeignete Kandidaten treffen können, letztes Jahr zum Beispiel angeblich Donald Trump. Genauso gut könnte man ein Faible für die Robbenjagd zu erkennen geben. Wie kaputt und krank müssen Menschen sein, die so etwas schreiben, heißt es zur Antwort.

Meine Auffassung von Journalismus ist dezidiert eine andere. Ich würde immer sagen, die Aufgabe von Journalisten ist nicht Ermunterung oder Anfeuerung, auch wenn einen das dem Verdacht aussetzt, kalt und herzlos zu sein. Aber das ist offenbar Geschmackssache. In Zeiten, in denen der Signetbegriff von auszeichnungswürdigem Journalismus "Haltung" lautet, muss man den Journalisten als Fan als eine konsequente Fortschreibung des Medienmenschen als Aktivist begreifen.

Anmerkung der Redaktion: Zwischen der Recherche und dem Erscheinen dieser Kolumne hat Greta Thunberg ihren Facebook-Post ergänzt. Der Satz zur Atomenergie lautet danach wie folgt: "Ich persönlich bin gegen Atomenergie, aber laut IPPC kann sie ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energie-Lösung sein." Diese Änderung ist redaktionell nicht mehr berücksichtigt worden. Wir bitten dies zu entschuldigen.

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