Finanzkrise Tsipras lädt Merkel nach Griechenland ein 

In Griechenland wird der Besuch von Ministerpräsident Tsipras in Berlin als Erfolg gefeiert. Die erwarteten Reformvorhaben sollen nun am Montag vorgelegt werden - darin gehe es um strukturelle Veränderungen und nicht um Sparmaßnahmen.

Merkel und Tsipras in Berlin: Stellenweise heiter
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Merkel und Tsipras in Berlin: Stellenweise heiter


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Berlin - Griechenland will der Euro-Gruppe in Kürze sein Reformpaket präsentieren. "Das wird bis spätestens Montag geschehen", sagte Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis dem Fernsehsender Mega TV am Dienstag. Es werde um strukturelle Veränderungen und nicht um Sparmaßnahmen gehen.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras ist derzeit in Berlin. Am Montagabend war er mit Angela Merkel zusammengetroffen. Laut Sakellaridis lud er bei dieser Gelegenheit die Bundeskanzlerin nach Athen ein. Ein Datum für den Besuch nannte er nicht.

Während das Medienecho in Deutschland zumeist verhalten ist, schreibt die griechische Presse positiv. Die Zeitungen in Athen sehen einen gelungenen Versuch, die Eiszeit zwischen Deutschland und Griechenland zu beenden, der Weg für Verständigung sei geebnet:

  • Merkel habe den roten Teppich ausgerollt, Tsipras habe seine Realpolitik entfaltet - das schreibt die Zeitung der politischen Mitte "Ta Nea". Tsipras habe klargestellt, dass man einen anderen politischen Mix brauche. Er habe aber auch zugegeben, dass durch die von den Geldgebern durchgesetzten Reformen in Griechenland auch Positives geschaffen wurde. Dies dürfe nicht "niedergerissen werden".
  • Das Boulevardblatt "Ethnos" titelt: "Das Eis ist gebrochen." Das Treffen habe den Weg für die Verständigung geebnet. Merkel habe klargestellt, dass die Griechen die Reformen selbst in die Tat umsetzen müssen. Die Bewertung und damit auch die Entscheidung für weitere Hilfen treffe nicht Berlin, sondern die Euro-Gruppe.
  • In Berlin sei alles sei auf den Tisch gelegt worden, schreibt die linke "Efimerida ton Syntakton" unter dem Titel "Lebenspartnerschaftsabkommen". Die Reparationen seien besprochen worden, aber auch die Korruption, in die auch deutsche Firmen verstrickt seien. Tsipras habe Merkel dennoch gestanden, dass viele Probleme hausgemacht seien.
  • Die konservative Traditionszeitung "Kathimerini" überschreibt die Titelgeschichte so: "Versuch das Eis zu brechen." Tsipras habe versprochen, dass Griechenland die Auflagen erfüllen werde. Merkel habe betont, die Institutionen werden die Entscheidung für weitere Hilfen treffen. Im Leitkommentar ist dann von der "Stunde des Realismus" die Rede. Über Tsipras schreibt der Kommentator: "Griechenland würde in einer viel besseren Position sein, wenn er von Anfang an die gestrige Taktik gehabt hätte." Athen habe bislang in der Falle ihrer früheren Oppositionsrhetorik gesteckt. Tsipras müsse den antieuropäischen Populismus einiger Regierungsmitglieder beenden: Es sei die Stunde für alle gekommen, reif zu werden.

Das Urteil der deutschen Medien hingegen klingt weniger optimistisch: Die Süddeutsche Zeitung schreibt online von einer "lärmenden Sprachlosigkeit", "Woran Merkel scheitert" dröselt die "F.A.Z." online auf, "Streitet Euch endlich", fordert unser Kommentator David Böcking auf SPIEGEL ONLINE, "Ein Anfang, mehr nicht", schreibt Philipp Wittrock.

Was bei dem Treffen in Berlin passierte

Merkel und Tsipras besprachen fast fünf Stunden lang die Lage in Griechenland und die Beziehungen in der EU, sagte Regierungssprecher Sakellaridis. Tsipras habe Merkel noch keine genaue Liste der geplanten griechischen Reformen vorgelegt. Alle Themen seien aber angesprochen worden, hieß es. Die Liste, die am Montag vorgelegt werden soll, werde keine Maßnahmen beinhalten, die den Bürger finanziell belasten werden.

Auch Regierungssprecher Steffen Seibert teilte in der Nacht zum Dienstag mit: "Die Bundeskanzlerin und der griechische Ministerpräsident hatten in guter und konstruktiver Atmosphäre eine umfassende Aussprache über die Situation Griechenlands, die Arbeitsweise der Europäischen Union und die künftige deutsch-griechische Zusammenarbeit." Nähere Angaben machte Seibert nicht. Das Gespräch hatte gegen 19 Uhr begonnen und endete kurz vor Mitternacht.

Zuvor waren Merkel und Tsipras bei dessen Antrittsbesuch trotz versöhnlicher Töne in wesentlichen Fragen der Schuldenkrise nicht vorangekommen.

Am Dienstag trifft sich Tsipras auch mit Vertretern der Oppositionsparteien. Am Vormittag will er zunächst die Parteichefin der Linken, Katja Kipping, und den Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion, Gregor Gysi, treffen. Am Nachmittag ist unter anderem eine Begegnung mit den beiden Parteivorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir und Simone Peter, geplant.


Zusammengefasst: Griechenland will die Liste seiner geplanten Reformen bis spätestens Montag vorlegen. Der Besuch des Regierungschefs Tsipras in Berlin wurde von den griechischen Medien gefeiert. Tsipras lud Kanzlerin Merkel zum Gegenbesuch nach Athen ein.

Im Video: Kuss-Flashmob zum Tsipras-Besuch vor dem Kanzleramt.

SPIEGEL ONLINE

ler/Reuters/dpa/AFP

insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
toscana57 24.03.2015
1. Listenquatsch
Was soll der Quatsch mit den ewigen Listen. Sollen die Griechen doch machen, was sie wollen, Hauptsache ist, dass sie sich an Vereinbarungen halten, die getroffen wurden und nicht jede neue Regierung in Athen wieder alles in Frage stellen kann. Wenn alle Vereinbarungen eingehalten worden sind, sollte Griechenland anschl. in die Eigenverantwortung entlassen werden. Sie können - wie in der Vergangenheit auch - tun und lassen, was sie wollen, den Preis hierfür müssen sie aber selbst zahlen, und nicht hierfür die europäischen Partner in Anspruch nehmen und dann - wenn man feststellt, dass das alles nicht bezahlbar ist, frech einen Schuldenschnitt fordern, mit anderen Worten: wir haun die Kohle raus und lassen andere zahlen.
mützelpütz 24.03.2015
2.
So, so, Tsipras wird erst am Montag, dem 30.03.2015, die Reformliste vorlegen. Dann hat er noch 1 Woche Zeit, um die Europartner davon zu überzeugen. Am 08.04.2015 ist GR dann womoglich pleite. Das ist die hinterhältigste Erpressung, weil Tsipras nun dank unserer großartigen Kanzlerin genau weiß, daß dann doch noch die Geldschleusen geöffnet werden. Sie und ihre CDU/CSU wollen GR ja unbedingt und mit allen Mitteln im € halten. Wann hat eigentlich die Mehrheit der Abnicker soviel Rückgrat, hier einmal NEIN zu sagen. Aber dann wären womöglich die Pfründe und Abgeordnetendiäten futsch, was aber bei den Wahlen 2017 mit Sicherheit geschehen wird. Die einzige Hoffnung die bleibt, daß die restlichen 18 €-Staaten mit Mehrheit gegen dieses Ansinnen unserer Kanzlerin sind und ihr einmal ihre Grenzen aufgezeigt werden.
ka117 24.03.2015
3.
"Die erwarteten Reformvorhaben sollen nun am Montag vorgelegt werden". Wie viele Male schon sollte diese Liste "vorgelegt werden"? Wie lange noch soll dieses Spiel gehen?
notorischernörgler 24.03.2015
4. Zunächst einmal ...
... möchte ich eine Liste sehen, in welcher akribisch aufgeführt wird was für Listen Griechenland vorhat zu erstellen. Zuvor aber muss man sich darauf einigen, wann diese Liste vorgelegt wird. Vielleicht auch noch eine Liste, wer all die Listen überbringt? Ich hoffe, auf den Computern der griechischen Regierung sind die neuesten Listenverarbeitungsprogramme installiert.
ralf37 24.03.2015
5. Das ist Theater erster Güte
"Griechenland will der Eurogruppe in Kürze sein Reformpaket präsentieren. "Das wird bis spätestens Montag geschehen", sagte Regierungssprecher Gabriel Sakellaridis dem Fernsehsender Mega TV am Dienstag. Es werde um strukturelle Veränderungen und nicht um Sparmaßnahmen gehen." Wochenlang nichts passiert, aber jeden Winkel suchen um irgendwie Geld zu erpressen (erst die durchaus diskutierbaren Reparationen, jetzt Strafverfahren gegen deutsche Unternehmen, die bereits in D wegen Bestechhung verurteilt wurden). Vielleicht sollte die griechische Regierung endlich mal die aktuellen Probleme angehen und nicht immer Nebelkerzen werfen. Kein Wunder das sich damit das Vorurteil vom "faulen" Griechen verfestigt. Schade, denn ich kenne viele hart arbeitenden Griechen in D, die absolut nicht in dieses Bild passen.
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