Griechischer Premier in Berlin Tsipras hält Hof

Außenminister, Vizekanzler, die Oppositionsspitzen - ein Treffen mit Griechenlands Premier in seiner Hotel-Suite jagt das andere. Aber was bringt dem griechischen Premier die Charme-Offensive?

Tsipras mit Linken-Politikern Kipping und Gysi: Ein Termin nach dem anderen
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Tsipras mit Linken-Politikern Kipping und Gysi: Ein Termin nach dem anderen

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Berlin - Mancher Gast dürfte am Dienstag die Buchung im Marriott-Hotel am Potsdamer Platz bereut haben. Von der gediegenen Ruhe einer Luxusherberge ist im Foyer und vor dem Eingang wenig zu spüren: Ständig fahren neue Limousinen vor. Mal mit, mal ohne Blaulicht, beobachtet von zig Kamerateams und Fotografen. Tag zwei des Besuchs von Griechenlands Premier Alexis Tsipras in Berlin gleicht einem Speeddating-Event.

Seine Gäste in einer Suite des Marriott im vierten Stock geben sich mitunter buchstäblich die Klinke in die Hand: Als Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) das Hotel am Vormittag wieder verlässt, betreten es gerade Linken-Chefin Katja Kipping und der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi. Und so geht es weiter, unterbrochen von einem Tsipras-Besuch beim Holocaust-Mahnmal unweit des Potsdamer Platzes. Anschließend empfängt er den SPD-Vorsitzenden und Vizekanzler Sigmar Gabriel in seiner Suite, danach die Grünen-Chefs Simone Peter und Cem Özdemir sowie die Europa-Abgeordnete Ska Keller.

Ob Tsipras, Chef des griechischen Linken-Bündnisses Syriza, als Athener Regierungschef wirklich ein "Glücksfall für Europa ist", wie es Gysi nach dem gemeinsamen Gespräch ausdrückt, dürften in Deutschland viele bezweifeln. Zu groß sind die aktuellen Probleme zwischen Griechenland und dem Rest der EU, zu groß das Misstrauen gegenüber der Regierung. Aber als eine Art Popstar darf sich Tsipras an diesem Tag mit Sicherheit fühlen. So viel Aufmerksamkeit bekommt als Politiker sonst wohl nur noch ein US-Präsident, wenn er in Berlin zu Gast ist.

Tsipras wollte in Berlin um Verständnis werben

Die griechische Seite hat allerdings auch eine Menge dafür getan. Nach der Einladung durch Kanzlerin Angela Merkel war klar, dass es am Montagabend zu einem ausgedehnten Treffen der beiden kommen würde - am Ende dauerte es sieben Stunden. Aber Tsipras wollte mehr: Bis Dienstagmorgen telefonierten seine Leute herum, um nach dem Merkel-Termin weitere Treffen zu organisieren. Der Athener Regierungschef ist ein guter Kommunikator, dafür wollte er auch seinen Berlin-Besuch maximal ausnutzen.

Es ging ihn darum, seinen Gesprächspartnern einen anderen Blick auf Griechenland zu zeigen, um Verständnis zu werben. Bei den Linken muss er das nicht, die halten ohnehin fest zu ihrem Parteifreund - aber schon bei den Grünen, der zweiten Oppositionspartei im Bundestag, gibt es auch eine Menge Skepsis gegenüber Athen. In der Koalition noch viel mehr. Wenn also Vizekanzler Gabriel nach seinem Tsipras-Date von der "Normalisierung des Verhältnisses zwischen Griechenland und Deutschland" spricht, ist das wohl schon ein Erfolg für den Gast. Auch Außenminister Steinmeier lobte die versöhnlichen Töne zwischen beiden Ländern.

Und Tsipras scheint, so jedenfalls der Eindruck manches Gesprächspartners am Dienstag, seinen Ausflug in die Bundeshauptstadt durchaus als Punktsieg wahrzunehmen. Erstaunlich gelassen habe der Syriza-Chef außerdem gewirkt, trotz des enormen Drucks, heißt es. Über die miserable Lage seiner Regierung und des Landes mache er sich gleichwohl keine Illusionen.

Kein Treffen mit Fraktionschefs der Koalitionsparteien

Aber nicht alles lief reibungslos. So hatten sich ursprünglich auch die Fraktionsvorsitzenden der Koalition auf ein Treffen mit dem Ministerpräsidenten am Dienstag eingestellt - dem Vernehmen nach ebenfalls von der griechischen Seite angeregt. Dann aber ließ das Tsipras-Büro wissen, dass Volker Kauder (CDU), Gerda Hasselfeldt (CSU) und Thomas Oppermann (SPD) mit dem griechischen Staatskanzleichef Vorlieb nehmen müssten. Der allerdings war den Spitzenkoalitionären eine Nummer zu klein, sie ließen das Gespräch sausen.

Dieses Hin und Her habe aber nicht für Verärgerung gesorgt, wurde in der Unionsfraktion versichert - wobei ein Treffen angesichts der Bedeutung des Bundestags für mögliche weitere Griechenland-Hilfen "sicher nicht verkehrt" gewesen wäre, wie es heißt. Tsipras' Regierungs-Manager traf sich stattdessen mit den SPD-Fraktionsvizes Carsten Schneider und Axel Schäfer.

Und längst sind die atmosphärischen Spannungen zwischen Berlin und Athen nicht ausgeräumt. Tspiras' Koalitionspartner und Verteidigungsminister Panos Kammenos, Chef der rechtspopulistischen Partei Anel, polterte am Dienstag erneut gegen Deutschland und forderte Gelder wegen Rüstungskorruption zurück.

Bei allem Charme ihres Chefs Tsipras ist aber vor allem weiter unklar, was die griechische Regierung denn nun in den kommenden Wochen unternehmen und welche Reformen sie konkret umsetzen will. Dazu ist auch nach dem Gespräch Tsipras' mit den Grünen nichts zu erfahren. Denn, so Parteichef Özdemir: "Über die Details haben wir Stillschweigen vereinbart."


Zusammengefasst: Der griechische Premier Alexis Tsipras nutzte den zweiten Tag seines Berlin-Besuchs für zahlreiche Treffen mit Vertretern von Regierung und Opposition - er warb um Verständnis für die Position Athens. Aber konkrete Fortschritte gab es keine.

insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
epiktet2000 24.03.2015
1. Hofhaltung
Was hat der Spiegel plötzlich gegen "Hofhaltung"? Die ganze Zeit macht Spiegel doch "Hofberichterstattung".
ficino 24.03.2015
2. Wann, du lieber Himmel,
fängt dieser jugendliche Held nebst Kabinett denn an, endlich einmal zu regieren, statt eine Medien-Show nach der anderen abzuziehen? Einzige Erklärung dafür: Sie können es einfach nicht ...
MarkusH. 24.03.2015
3. verständnis ist gut?
? taten sind besser ich hoffe Tsipras wird aktiv und bewegt etwas
Dr. Kilad 24.03.2015
4. Was heißt hier
Von den Fakten her, lässt sich nicht seriös über Korruption in GL sprechen, ohne deutsche Firmen zu erwähnen (allen voran Siemens). Aber Seriosität scheint im Falle von Tsipras hier im Land etwas zu sein, was sehr, sehr schwer fällt.
noregrets 24.03.2015
5. Tsipras spendiert einen Ouzo auf's Haus
Und alle lassen sich einlullen, verkehrte Welt! Mal wieder nur Show ohne greifbare Ergebnisse, wie leicht sich doch Politiker umgarnen lassen... Alle drängeln sich um den jungen Wilden der außer Beschwichtigungen nichts zu bieten hat. Die "Reförmchen" bringen Griechenland 0,0 weiter.
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