Große Koalition Union erbost über Schröders Attacke auf Merkel

Erst Thierse, jetzt Schröder. In der Union sorgt erneut eine Äußerung eines prominenten Sozialdemokraten für Wut und Empörung: Altkanzler Schröder hatte Merkels Außenpolitik kritisiert, ihr indirekt zu große Emotionalität vorgeworfen und dies mit ihrer DDR-Biographie begründet.


Passau - Aufschrei in der Union: Altbundeskanzler Gerhard Schröder hat mit einer Attacke auf die Russland-Politik seiner Nachfolgerin, Angela Merkel, für Empörung gesorgt, berichtet die "Passauer Neue Presse" heute. "Peinlich", "nicht ernst nehmen", lauten die erbosten Kommentare.

Gerhard Schröder: "Verständnis für die Besonderheit von DDR-Biografien"
DDP

Gerhard Schröder: "Verständnis für die Besonderheit von DDR-Biografien"

Was war passiert? Schröder hatte am Freitag bei einem Galadiner im Lichthof des Martin-Gropius-Baus in Berlin vom Rednerpult aus eine Attacke gegen die Kanzlerin gestartet. Er warf ihr indirekt vor, sie lasse sich in der Außenpolitik von größerer Emotionalität leiten, die auf den Erfahrungen in kommunistischen Systemen beruhe. Laut "Handelsblatt" sagte er bei der Veranstaltung der Quandt-Stiftung: "Man kann ja über eine wertegebundene Energiepolitik philosophieren. Aber das Gas wird ganz real gebraucht." Das Aufbauen neuer rhetorischer Mauern gegen Russland sei deshalb gefährlich, bei allem "Verständnis für die Besonderheit von DDR-Biografien", stichelte der Altkanzler dem Bericht zufolge weiter. "Ich als freier Mensch bin davon überzeugt, dass dies nicht klug ist." Soll heißen: Hier argumentiert ein Realist gegen eine ideologiegetriebene Fantastin.

Dem Redemanuskript zufolge, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, sagte der Altkanzler - offensichtlich in Richtung seiner Nachfolgerin: "Wenn man die Diskussionen der letzten Zeit verfolgt, gewinnt man den Eindruck, dass manche für eine Distanzierung, ja sogar eine Gegnerschaft zu Russland eintreten."

CSU-Außenpolitiker Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg nannte Schröders Kritik "stillos und peinlich". "Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Schröder sollte sich besser daran erinnern, dass er sich als Altbundeskanzler nicht alles erlauben kann", sagte zu Guttenberg.

"Jeder weiß, von wem Herr Schröder bezahlt wird", verwies der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Eckart von Klaeden, auf das Engagement des Altkanzlers für den russischen Energiekonzern Gasprom. "Es ist auch in seinem Interesse, wenn man seine Äußerungen nicht mehr ernst nimmt", sagte der CDU-Außenpolitiker.

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach (CDU), wies Schröders Vorwürfe zurück: "Wer so grandios gescheitert ist wie Gerhard Schröder, sollte sich mit Ratschlägen besser zurückhalten", sagte er. "Angela Merkels pragmatischer Kurs gegenüber Russland unterscheidet sich wohltuend von dem ihres Vorgängers. Die Kumpelei und Kumpanei hat endlich ein Ende", sagte Bosbach.

In der CDU-Spitze herrsche zudem deutlicher Unmut über den designierten Vizekanzler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): Steinmeiers offene Kritik an Merkel wegen ihres Empfangs des Dalai Lama im Bundeskanzleramt müsse von der Regierung in Peking geradezu als Bestätigung ihrer Proteste gesehen werden, habe CDU-Schatzmeister Eckart von Klaeden am Montag in der Sitzung des CDU-Präsidiums in Berlin gerügt und dafür breite Unterstützung erhalten, hieß es aus Teilnehmerkreisen. Auch Schröder hatte den Empfang als Fehler bezeichnet.

Erst letzte Woche hatte es in der Großen Koalition großen Zwist über eine Interview-Äußerung von Bundestagsvize-Präsident Wolfgang Thierse gegeben. Dieser hatte laut "Leipziger Volkszeitung" mit Blick auf den Rücktritt von Vizekanzler Franz Müntefering wegen der schweren Erkrankung seiner Frau gesagt: "Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal." Hannelore Kohl litt unter schwerer Lichtallergie und hatte sich 2001 das Leben genommen. Die Äußerungen Thierses hatten Entrüstung bis hin zu Rücktrittsforderungen ausgelöst. Schließlich entschuldigte sich Thierse bei Kohl.

ler/ddp



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