Grün feiert Parteitag "Schwarze Chaoten nicht hoffähig machen"

Wenn grüne Politiker und Basismitglieder aus der ganzen Republik zu einem Parteitag zusammenkommen, gerät dieser gern zu einem Selbstfindungsseminar, wenn nicht gar zu einem Selbstzerfleischungsspektakel. Doch das will die Parteispitze diesmal um jeden Preis verhindern. In zwei Wochen sind Wahlen.

Von Dominik Baur, Stuttgart


Parteichef Fritz Kuhn beschwört die Einheit der Grünen
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Parteichef Fritz Kuhn beschwört die Einheit der Grünen

Stuttgart - "Wer ist eigentlich dieser Erwin?" fragt der blonde Jüngling mit nacktem Oberkörper. "Ein Ex. Glaub mir: nichts als ein Ex", antwortet die ebenso leicht bekleidete Dame in seinen Armen. Gemeint ist Erwin Teufel, und das Paar turtelt auf einer Postkarte der grünen Jugend, die auf den Biertischen in Stuttgart ausliegt. Es ist Wahlkampf in Baden-Württemberg. Aber nicht nur da. In Hessen stehen Kommunalwahlen an, und in Rheinland-Pfalz wollen die Grünen dem bundesweiten Unikum eines "sozialliberalen Biotops", wie es Spitzenkandidatin Ise Thomas gerne nennt, den Garaus machen. Bisher hatte es die streitbare Partei nicht gewagt, einen Bundesparteitag zu einem solchen Termin anzusetzen. Doch inzwischen, so ist die Parteispitze überzeugt, sind die Grünen erwachsen geworden, aus der ehemaligen Müsli-Partei ist eine moderne Öko-Partei geworden. Nicht zuletzt dank BSE. Drum feiern sich die Grünen gerade jetzt in Stuttgart.

Der Mann hat sich schon heiser geredet, bevor er seine Rede überhaupt begonnen hat. Parteichef Fritz Kuhn gibt sich alle Mühe, gleich mit seiner Auftaktrede den Parteitag zu einer Demonstration der Geschlossenheit werden zu lassen. Das Image einer Chaoten-Partei kann sich der Junior-Partner der Bundesregierung nicht leisten. Das überlässt Kuhn lieber der CDU. Als einer der ersten, die seinerzeit schwarz-grüne Gedankenspiele aufgestellt hatten, erteilt er nun einer solchen Vision mit deutlichsten Worten eine Absage: "Wir dürfen diese schwarzen Chaoten nicht hoffähig machen", warnt der Grünen-Chef und schimpft über Vertreter dieser Partei wie Roland Koch, "den größten Lügner in der deutschen Geschichte". Wie sehr die CDU verkommen sei, sehe man ja schon daran, dass Kochs Durchhaltevermögen in der Spenden-Affäre als Qualifikation für eine Kanzlerkandidatur gelte.

Auch wenn Kuhn sich erneut für eine Fortsetzung der Ökosteuer in der nächsten Legislaturperiode stark macht, will er auf keinen Fall den Eindruck entstehen lassen, die Grünen könnten eine neue Regierungskrise heraufbeschwören. Deshalb betont er gleich mehrmals, dass das Thema absolut nicht zu einem Koalitionsstreit tauge. Jetzt bleibe sowieso alles wie beschlossen, und im Wahlkampf 2002 könnten die beiden Parteien dann erneut über ihr unbeliebtes Kind streiten. "In einem kann ich die SPD jedoch beruhigen: Wir verstehen die Koalition nicht als Steueranhebungsregierung." Aus dem Fünf-Mark-Fiasko beim Magdeburger Parteitag 1998 habe man durchaus eine Lehre gezogen. Drum hackt der Schwabe auch nicht auf Gerhard Schröder ein, der seine Ökosteuer-Pläne mit ein paar Worten vom Tisch gefegt hat, sondern lobt ihn eifrig: "Wir haben einen guten Kanzler." Und: "Die Koalition steht gut da." Und überhaupt: Herzlichen Dank an die SPD für die Solidarität, als sich die Opposition auf den einstmals militanten Bundesaußenminister Joschka Fischer eingeschossen hatte.

Einig grüne Welt. Mehr noch als die Übereinstimmungen mit der Regierung betont Kuhn den parteiinternen Frieden. Er lässt es sich auch nicht nehmen, immer wieder seine künftige Kollegin im Parteivorsitz, Claudia Roth, verbal in den Arm zu nehmen. Als wolle er alle Kassandra-Rufe Lügen strafen, die behaupteten das Gespann mit der Parteilinken Roth könne niemals so erfolgreich sein wie das mit der zur Landwirtschaftsministerin avancierten Renate Künast. Jüngst wettete er gar mit dem Parteienforscher Joachim Raschke um eine Kiste Wein. Roten, denn gegen Weißwein sei Claudia allergisch. Jetzt spricht Kuhn von "meiner Claudia" und entschuldigt sich bei seiner "Ex": "Ein bisschen wehmütig ist mir's schon, Renate..." Und die Delegierten bittet er um ein "saugutes Ergebnis" für Roth. Das gewährten diese ihr mit 91 Prozent auch. Doch um Kuhn seinen Optimismus voll und ganz abzunehmen, dafür waren es ein paar Lobpreisungen zuviel.



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