Grünenfraktionschef Hofreiter stößt mit Aussagen zu Eigenheimen auf scharfe Kritik

Ein Bezirksamtsleiter in Hamburg entschied gegen Einfamilienhäuser, Fraktionschef Hofreiter sekundierte: Die Grünen ernten für wohnpolitische Aussagen Kritik aus CDU, SPD und FDP.
Wohnsiedlung in Erfurt (Symbolbild)

Wohnsiedlung in Erfurt (Symbolbild)

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Martin Schutt / dpa

In vielen Städten ist der Wohnraum knapp, die Mieten sind für viele Normalverdiener kaum noch bezahlbar. Umgekehrt gibt es Landstriche, in denen viele Häuser leer stehen. Ist es da sinnvoll, weiter Einfamilienhäuser zu bauen? Grünenfraktionschef Anton Hofreiter hat in einem SPIEGEL-Interview Zweifel angemeldet – und sieht sich jetzt gemeinsam mit seiner Partei scharfer Kritik ausgesetzt.

»Einparteienhäuser verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr«, sagte Hofreiter dem SPIEGEL. In Städten gebe es »gigantische Wohnungsnot«, in anderen Regionen rausche der Wert von Häusern »in den Keller«. Deshalb sollten Kommunen durch Bebauungspläne dafür sorgen, dass der knappe Raum in Ballungsgebieten bestmöglich genutzt werde, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Hintergrund ist die Entscheidung eines grünen Bezirksamtsleiters in Hamburg-Nord, wonach keine Einfamilienhäuser mehr in neuen Bebauungsplänen vorgesehen sind. Das wurde nicht nur in Hamburg zum Politikum. Und die Reaktionen auf Hofreiters Äußerungen sind eindeutig.

»Die Grünen sind an Populismus und Scheinheiligkeit wieder einmal nicht zu überbieten«, sagte SPD-Fraktionsvize Sören Bartol dem SPIEGEL. Natürlich brauche es mehr Innenentwicklung und Nachverdichtung in Städten und Gemeinden, anstatt auf die grüne Wiese auszuweichen.

Bartol kritisierte aber, dass Hofreiter auf Bundesebene »populistisch die vollständige Abkehr vom Einfamilienhaus« fordere, während das grün regierte Baden-Württemberg einer der Spitzenreiter dabei sei, den schnellen Bau von Einfamilienhäusern im Außenbereich zu ermöglichen. Zudem habe Hessens grüner Bauminister Tarek Al-Wazir im Bundesrat gegen die Erleichterung von Baugeboten gestimmt.

Hirte wirft Grünen »gestörtes Verhältnis zum Eigentum« vor

Auch aus der CDU kommt Kritik. Der Bundestagsabgeordnete und thüringische Landesvorsitzende Christian Hirte sagte, Hofreiter zeige »wieder einmal exemplarisch für die Grünen deren gestörtes Verhältnis zum Eigentum und der Lebensrealität im ländlichen Raum«.

Der Hamburger CDU-Vorsitzende Christoph Ploß sagte dem SPIEGEL: »Die Grünen wollen die Freiheit von immer mehr Bürgern einschränken! Jetzt sprechen sie sogar ganz ungeniert von Enteignungen.« Er sei nicht bereit, das hinzunehmen und werde »gegen diese Ideologie kämpfen«, sagte der CDU-Landeschef.

Ohne auf Hofreiter Bezug zu nehmen, hatte auch Christian Baldauf, Spitzenkandidat der CDU in Rheinland-Pfalz, zuvor die Regelung im Hamburger Norden kritisiert. »Es geht aber nicht, Häuslebauern vorzuschreiben, welches Haus sie zu bauen haben«, sagte Baldauf dem SPIEGEL. »Das ist für mich das Beispiel einer familienfeindlichen und ideologischen Politik. Das ist rot-grüne Verbotspolitik auf dem Rücken junger Familien!«

Der bau- und wohnungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Daniel Föst, sagte laut Nachrichtenagentur AFP: »Die Grünen wollen den Menschen den Traum vom Eigenheim madig machen.« Die eigenen vier Wände und vor allem das Einfamilienhaus seien ein Wohlstandsversprechen und die beste Altersvorsorge. »Statt Bürgerinnen und Bürger in DDR-Plattenbauten zu pferchen, müssen wir endlich mehr Menschen den Weg ins Eigenheim ebnen.«

Föst erklärte, mehr Wohneigentum mindere die Ungleichheit in der Gesellschaft. »Grüne Besitzstandswahrer, die längst ihre Schäfchen im Trockenen und ein Eigenheim haben, haben da leicht reden.«

Für die Grünen könnte sich die Debatte über Einfamilienhäuser als gefährlich erweisen. Mit unpopulären Forderungen haben sie so schlechte Erfahrungen gemacht wie kaum eine andere Partei. Unter dem Stichwort »Veggie Day« sollten Kantinen einmal in der Woche vegetarisches Essen anbieten – diese alte Grünenforderung schaffte es 2013 ins Programm für die Bundestagswahl. Manche in der Partei glauben bis heute, dass die Grünen auch deshalb mit 8,4 Prozent der Stimmen damals weit hinter den Erwartungen zurückblieben.

kev/cte/til/mes/ulz/AFP
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