Neuanfang bei den Grünen Anton wer? Simone wie?

Es wird Zeit, zwei Namen bei den Grünen zu lernen: Anton Hofreiter soll Chef der Grünen-Bundestagsfraktion werden, Simone Peter ist im Gespräch als künftige Parteivorsitzende. Die Nachfolger der Generation Trittin stehen von Anfang an unter Druck.

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Berlin - Soll er sich eine neue Handy-Nummer zulegen? Auch das sind Fragen, die Anton Hofreiter, 43, dieser Tage zu entscheiden hat. Seit Dienstagnachmittag ist sein Mobiltelefon nur noch am Brummen und Bimmeln, er kann sich vor Anrufen und SMS nicht mehr retten: Hofreiter, von allen Toni genannt, wird künftig einen der beiden Chefposten in der Grünen-Bundestagsfraktion besetzen.

Natürlich nur, wenn keine Überraschungen mehr passieren, was bei den Grünen immer möglich ist. Aber nach Lage der Dinge darf sich Hofreiter relativ sicher sein, dass ihn nach dem Abgang des bisherigen Fraktionschefs Jürgen Trittin die Grünen-Abgeordneten zu einem ihrer beiden neuen Vorsitzenden wählen werden. Der Mann vom linken Parteiflügel ist Trittins Wunschnachfolger, zudem genießt er in der gesamten Fraktion Respekt - also auch bei den Parlamentariern vom Realo-Flügel und den ungebundenen Abgeordneten.

Mit dem Abgang der Generation Trittin nach der Wahlpleite - außer ihm verabschieden sich auch seine bisherige Co-Fraktionschefin Renate Künast und die Parteivorsitzende Claudia Roth aus der ersten Reihe - stehen die Grünen vor einem Umbruch. Trittin und die anderen haben die Partei über Jahre geprägt, sie gaben die Richtung vor, sie saßen in Talkshows und auf Podien. Und sie bestimmten über Jahre den Ton der Grünen.

Einen Ton, der sich möglicherweise überlebt hat. Aggressiv, von moralischer Überheblichkeit geprägt, immer alles besserwissend.

Simone Peter wird als Parteichefin gehandelt

Das soll nun einer wie Hofreiter ändern, vielleicht gemeinsam mit der saarländischen Grünen Simone Peter als möglicher künftiger Parteichefin.

Simone wer?

Genau das ist das Problem.

Der promovierte Biologe Hofreiter ist in seiner Partei bekannt und als Chef des Verkehrsausschusses ein versierter Fachpolitiker, der sich in der Debatte um Stuttgart 21 profilierte. Das Gleiche gilt für die frühere saarländische Umweltministerin Peter, sie baute zuvor die Agentur für Erneuerbare Energien in Berlin mit auf.

Aber für die breite Öffentlichkeit sind beide politische Nobodys.

Ähnlich ist es mit einer Realo-Frau wie Kerstin Andreae, die sich eine Kandidatur um den zweiten Fraktionschefposten offenhält, hier gilt Katrin Göring-Eckardt als Favoritin. Ein bisschen prominenter ist Grünen-Geschäftsführerin Steffi Lemke, der wie Peters Ambitionen auf die Roth-Nachfolge als Parteichefin nachgesagt werden, aber auch sie stand bisher in der zweiten Reihe.

Kann man sich vorstellen, dass Toni Hofreiter bei Generaldebatten im Bundestag künftig auf die Kanzlerin antwortet? Der Oberbayer Hofreiter ist ein zünftiger Bursche mit Vollbart und einer stattlichen blonden Mähne, einer Menge Witz und viel Verstand - aber ist er dieser Aufgabe gewachsen? Hofreiters erste Fernsehinterviews als designierter Fraktionschef holperten jedenfalls ganz ordentlich.

Wohin entwickeln sich die Grünen?

Die Grünen stehen nicht nur personell vor einer Zäsur, sondern auch inhaltlich. Noch kämpfen die beiden Parteiflügel um die Deutungshoheit, welche Gründe es für das miese Wahlergebnis gab. Aber die spannendere Frage wird sein, in welche Richtung sich künftig der grüne Sound entwickelt und wohin es programmatisch geht.

Dass die Partei in die Opposition geht und den möglichen Avancen der Union widersteht, gilt als sicher. Doch mittelfristig wollen die Realos genau das: Die Grünen für die Union anschlussfähig machen, sie wieder näher an die Wirtschaft rücken, der Partei ein neues Image geben - nach dem Vorbild des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Vielen Parteilinken graut vor dem, was sie als Kretschmann-Okö-Spießertum wahrnehmen, sie werden sich nicht so leicht geschlagen geben.

Toni Hofreiter schweigt zu dieser Debatte. Aber spätestens im Fall seiner Wahl zum Fraktionsvorsitzender am 8. Oktober wird er sich einschalten müssen. Als Chef der grünen Bundestagsabgeordneten wird Hofreiter ein mächtiger Mann in seiner Partei sein. Er soll die Richtung mitbestimmen, in die sich die Grünen entwickeln.

Und kein Jürgen Trittin wird mehr da sein, keine Claudia Roth und keine Renate Künast, hinter der man sich verstecken kann.

insgesamt 75 Beiträge
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birao 25.09.2013
1.
Ich glaube, dass sich die Grünen mit Frau Lemke ein Eigentor schießen würden. Bisher scheint ihre einzige Daseinsberechtigung ja patziges Auftreten in Talkrunden gewesen zu sein.
dejavu 25.09.2013
2. Herr und Frau 68 verlassen den Ground
Das muss man erst mal verdauen. Da hat sich eine ganze Generation von "Anführern", das lächerliche "und innen" oder wie auch immer lass ich weg, stets als Berufsjugendliche von unglaublicher Dauerhaftigkeit darstellen dürfen und waren in all ihrer Hybris unfähig überzeugende Nachfolger aufzubauen. Ein tolles Bild, diese alternden Späthippies in all ihrer 70er Jahre-Spießigkeit, endlich vom Acker ziehen zu sehen! Aber vorher werden natürlich noch schnell die Posten verteilt, nach dem Motto: Vom Bafög in den Vorruhestand. Genau dies hat man den damals Tonangebenden verübelt und wollte doch alles so viel besser machen.
Askan 25.09.2013
3. optional
Simone Peter habe ich kennengelernt. Als Umweltministerin kompetent und sympatisch. Ich würde es ihr gönnen, die Führung der Partei zu übernehmen.
belohorizonte 25.09.2013
4. Toll
Äusserlich stehen die Ur-Grünen vor der Tür, holt Jutta ins Boot und schon kommt ruckizucki Toskana-Joschka mit ins Boot, sogar mit neuen Turnschuhen. Aber mit einem guten Roten im Schlepptau.
Hajojunge 25.09.2013
5. In diesem Zustand sind die Grünen kein Verhandlungspartner
Erst einmal gilt es, die Wunden zu lecken und Ursachenforschung zu betreiben. Danach muß eine Neuausrichting erfolgen, es müssen Inhalte her. Das alles ist in den wenigen verbleibenden Tagen nicht zu schaffen. Es ist im Prinzip so, als wären sie unter die 5 %-Marke gefallen.
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