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12. November 2012, 12:17 Uhr

Erneute Kandidatur für Parteivorsitz

Grüne bejubeln Roths Kampfeswillen 

Claudia Roth will trotz ihrer Schlappe bei der Urwahl zur Bundestags-Spitzenkandidatur erneut als Grünen-Vorsitzende kandidieren. Kollegen sind erleichtert - und beschwören Roths Bedeutung für die Partei.

Berlin - Sie macht weiter, auch wenn sie ihr schlechtes Ergebnis bei den Urwahlen zu den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahlen 2013 als "herbe Klatsche" bezeichnet. Claudia Roth will erneut für den Parteivorsitz kandidieren - und erntet dafür Beifall aus den eigenen Reihen: Spitzen-Grüne loben ihre Rolle in der Partei. Sie sind auch froh, weil sie jetzt nicht mit einem Personalstreit in den Wahlkampf ziehen müssen.

"Wir brauchen Claudia Roth in der Partei, in diesem Wahlkampf", sagte die am Wochenende zur Spitzenkandidatin gekürte Katrin Göring-Eckardt. Den Grünen stehe ein harter Wahlkampf bevor, "da ist sie einfach wichtig, da sie die Partei kennt und die Partei zusammenhalten kann".

Der Co-Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, sagte, er könne Roths Enttäuschung über ihr schlechtes Abschneiden bei der Urwahl zur Bundestags-Spitzenkandidatur verstehen. Umso mehr freue er sich, dass sie beim Parteitag am Wochenende in Hannover trotzdem erneut für den Vorsitz kandidiert. "Die Rückmeldungen aus der Partei waren sehr deutlich", sagte Özdemir.

Auch Fraktionschef Jürgen Trittin räumte ein, dass es für Roth eine "schwierige Entscheidung" gewesen sei, beim Hannoveraner Parteitag am kommenden Wochenende erneut für den Vorsitz zu kandidieren. Er sei umso erleichterter, dass Roth seinem Wunsch und dem Wunsch vieler anderer in der Partei nachkomme, erneut anzutreten. Es habe eine große "Solidaritätswelle" für die Parteichefin gegeben. Trittin war zusammen mit Göring-Eckart bei der Urwahl zur Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl nominiert worden, während Roth mit nur 26,2 Prozent weit abgeschlagen blieb.

Roth: "Ich habe einen regelrechten Candystorm erlebt"

Nach dem schlechten Ergebnis für Roth hatte es Spekulationen gegeben, sie wolle sich aus der Parteiführung zurückführen. Am Montagmorgen aber machte Roth schließlich klar, dass sie erneut für den Vorsitz kandidieren wolle. Sie begründete die Entscheidung, im Amt bleiben zu wollen, mit dem Zuspruch, den sie aus weiten Teilen der Partei am Wochenende erhalten hatte.

"Es geht jetzt in erster Linie nicht um mich und um meine Enttäuschung, sondern es geht um etwas Wichtigeres", sagte Roth. Es gehe um die Ablösung von Schwarz-Gelb. So viel Unterstützung wie am Wochenende nach ihrer Niederlage habe sie noch nie bekommen. Viele namhafte Parteivertreter hätten ihr glaubhaft versichert, bei der Urwahl der Spitzenkandidaten sei es nicht um den Parteivorsitz gegangen. Sie habe einen regelrechten "Candystorm" erlebt, also eine große Unterstützung aus der Partei sagte Roth.

Roth räumte ein, sie habe ein bitteres Ergebnis zu verkraften. Zweifel und große Zerrissenheit hätten sie durchgerüttelt. "Da war Licht und Schatten." Einerseits sei der Mitgliederentscheid ein großer Erfolg gewesen. "Ich würde immer wieder für eine Urwahl eintreten." Roth hatte sie auf den Weg gebracht. Doch es habe auch Schatten gegeben, "weil das Ergebnis eine herbe Klatsche war und natürlich auch eine bittere Enttäuschung". Roth weiter: "Direkte Demokratie, das kann auch mal schiefgehen."

Sie habe sich zwar gefragt, ob sie ihr Amt behalten könne, sagte Roth. Doch sie sei zu dem Ergebnis gekommen: "Es geht darum, geschlossen alle Kräfte zu mobilisieren und zu bündeln." Roth: "Deshalb ziehe ich meine Kandidatur nicht zurück." Sie habe lange überlegt. Nun hätten die Delegierten des Parteitags das Wort.

Mit Roths erneuter Kandidatur fällt für die Partei eine große Sorge weg: Die Grünen hätten es schwer, eine andere Kandidatin für den Parteivorsitz aufzubieten. So ist Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke, deren Name intern genannt worden war, zugleich die oberste Managerin des Wahlkampfs. Würde sie jetzt Roths Nachfolgerin, entstünde dort eine große Lücke.

anr/dpa/AFP/dapd

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