SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. September 2005, 18:58 Uhr

Grüne

Fraktion wählt "Stachel-Duo" an die Spitze

Von Yassin Musharbash

Renate Künast und Fritz Kuhn werden die neuen Gesichter der Grünen im Bundestag sein. Mit ihnen schickt die Fraktion zwei ihrer erprobtesten Kräfte an die Front: eine leidenschaftliche Regierungslinke und einen kühlen Strategen.

Kuhn und Künast: Potentielle Fischer-Nachfolger
DPA

Kuhn und Künast: Potentielle Fischer-Nachfolger

"Wir werden im Team arbeiten, was zwischen uns nicht Neues ist", versprach der Baden-Württemberger Kuhn. Künast und er hatten 2000 für ein halbes Jahr gemeinsam die Partei geführt; damals galten beide als verlässliche Partner, die persönlich gut miteinander können. Vielleicht war das einer der ausschlaggebenden Gründe für die Wahl des "Stachel-Duos", wie die beiden schon damals wegen ihrer nicht unähnlichen Steh-Frisuren genannt wurden. Die Grünen erneuern damit auf dem Parkett des Bundestages die "k.-u.-k."-Ära - noch so eine Begriffsprägung aus jener Zeit.

Künast ging im Anschluss an die Fraktionssitzung auf die gemeinsame Führungserfahrung ein: "Der Fritz und ich haben uns natürlich nicht aus den Augen verloren in den letzten Jahren", sagte sie. "Für uns gibt es jetzt einen Schritt zu tun, und das ist der in die Opposition", kündigte sie weiter an - und tat den ersten dann selbst: Sie erklärte, dass sie den Bundeskanzler darum bitten werde, sie als Bundesministerin für Verbraucherschutz zu entlassen, damit klar sei, dass sie fortan nur noch für die Fraktion spricht.

Generationenwechsel versäumt

Mit dem Duo haben die Grünen-Abgeordneten eine bewährte Mischung gewählt; zudem erfüllt die Kombination das parteiinterne Proporzdenken: Künast war einmal erklärte Parteilinke, gilt heute als strömungsunabhängig und pragmatisch, vor allem aber als herzlich und beliebt. Kuhn ist Realo der ersten Stunde, ein Vordenker und Stratege, der auf Botschaften und Konzepte baut. Die Wahl beider war erwartet worden. Dass Künast dennoch von einer "spannenden Wahl" sprach, erklärt sich damit, dass sie einen zweiten Wahlgang benötigt hatte: Im ersten erreichte sie gegen Umweltminister Jürgen Trittin, der das Label des wahren Linken für sich in Anspruch nahm, nur ein Patt mit je 18 Stimmen.

Amtsinhaberin Katrin Göring-Eckart kam auf 15 Stimmen; sie zog daraufhin zurück, und Künast setzte sich dann problemlos gegen Trittin durch - der wiederum darauf verzichtete, für den zweiten Chefposten zu kandidieren- im Gegensatz zu Göring-Eckart. Doch die Thüringerin hatte dann gegen Kuhn keine Chance. Mit nur 10 gegen 37 Stimmen musste sie dem Favoriten weichen. Damit vergaben die Grünen eine Chance, den Generationenwechsel fortzuschreiben: Göring-Eckardt ist gut zehn Jahre jünger als Kuhn und Künast.

Sieger und Verlierer: Grüne Sager, Trittin, Göring-Eckardt, Kuhn, Künast
DPA

Sieger und Verlierer: Grüne Sager, Trittin, Göring-Eckardt, Kuhn, Künast

Besonders für Kuhn dürfte die Wahl eine Erlösung sein: In den letzten Jahren war er chronisch unterbeschäftigt, seitdem er den Parteichefposten wegen der Unvereinbarkeit von Amt und Mandat nicht weiterführen durfte. Zuletzt war er wegen des Rücktritts von Ludger Volmer Sprecher der Fraktion für Außenpolitik und dann erfolgreicher Wahlkampfmanager gewesen. Jetzt hat er eine Chance, endlich wahr zu machen, was ihm oft prophezeit worden war: die Grünen zu führen. "Das erbt alles der Fritz ", soll Joschka Fischer einmal gesagt haben. "Der wird den Laden übernehmen."

Lob von allen Seiten

Kuhn stammt aus dem Allgäu und ist Mitbegründer der Grünen. Er war Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg und führte in den frühen Neunzigern auch als einer der ersten Sondierungsgespräche mit der Union über eine schwarz-grüne Koalition. Dass die Grünen gerade dabei sind, sich in diese Richtung zu öffnen, spielt ihm in die Hände. Sein Nachteil ist, dass er - im Gegensatz zu Künast - nicht sonderlich beliebt ist; er könne scharf bis an die Grenze der Verletzlichkeit sein, wird ihm von nicht wenigen Abgeordneten bescheinigt.

Dafür gilt er als eine Art Politik-Wunderkind, der neue Themen für die Grünen vor jedem anderen wittert. Rhetorisch gilt er als begabt - ein Vorteil für die anstehenden Debatten im Bundestag. Allerdings neigt er manchmal zur abstrakten Formulierung, so wie heute, als er davon sprach, "neue Strategien hegemonial zu halten".

Renate Künast, gebürtig aus Recklinghausen, kam über die Berliner "Alternative Liste" zu den Grünen, die sie lange in der Landesregierung vertrat. Die ausgebildete Sozialarbeiterin und Rechtsanwältin war schon für viele Posten im Gespräch: Als EU-Kommissarin wurde sie gehandelt, als Uno-Botschafterin, sogar als Außenministerin für den Fall, dass Joschka Fischer nach Brüssel gegangen wäre. Ihr Amt als Verbraucherschutzministerin erhielt sie über Nacht, als ihre grüne Kollegin Andrea Fischer wegen Versäumnissen in der BSE-Krise gehen musste. Sie führt ihr Haus seitdem ebenso energisch wie öffentlichkeitswirksam, weshalb sie heute die bekannteste und beliebteste Politikerin der Partei ist.

Die heute getroffene Entscheidung hat eine große Tragweite. Weil Joschka Fischer angekündigt hat, künftig nicht mehr für Partei- und Fraktionsämter zur Verfügung zu stehen, wird aller Voraussicht nach einer der beiden Fraktionschefs oder einer der beiden Parteivorsitzenden - das sind Claudia Roth und Reinhard Bütikofer - Spitzenkandidat der Grünen bei der nächsten Bundestagswahl werden - und damit der oder die neue heimliche Obergrüne.

Künast und Kuhn kündigten heute "harte" und "konstruktive" Oppositionsarbeit an. Die Fraktion solle zur "Ideenwerkstatt" werden, sagte Kuhn. Auf jeden Fall starten die beiden mit viel Vorschussvertrauen in ihr neues Amt. Sie seien das beste denkbare Team, hieß es selbst von linken und ostdeutschen sowie jungen Abgeordneten nach der Wahl - obwohl doch deren natürliche Kandidaten, Trittin und Göring-Eckardt, durchgefallen waren.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung