Grüne Hochburg Ströbeles fremde Heimat

Im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg konnte Hans-Christian Ströbele 2002 als einziger Grüner ein Bundestagsdirektmandat gewinnen. Doch der durch eine Verwaltungsreform entstandene Bezirk ist zerrissen. Im Westen ist der Kandidat ein Politik-Star, im Osten muss er um jede Stimme kämpfen.

Von Jens Todt


Wahlkämpfer Ströbele: Volksheld in Szenekiezen
DDP

Wahlkämpfer Ströbele: Volksheld in Szenekiezen

Berlin - Hans-Christian Ströbele kommt zu spät. "Das macht der immer", zischt eine Zuschauerin, "das ist so respektlos." Aber der Bundestagsabgeordnete der Grünen kann erklären, wieso er gut 20 Minuten später als geplant in der Alten Feuerwache in Berlin-Friedrichshain eintrifft. Er sei zunächst in einem Lokal gleichen Namens in Kreuzberg gewesen und habe erst bemerkt, dass er am falschen Ort ist, nachdem er alle Räume durchsucht hatte. Ströbeles Wahlkreis ist kompliziert, man kann sich leicht vertun.

Nirgendwo in Berlin prallen so viele unterschiedliche Welten aufeinander. Friedrichshain und Kreuzberg sind arm, mehr als 25 Prozent der Menschen sind hier arbeitslos - das ist Negativrekord in Berlin. Jedes Jahr am 1. Mai ziehen marodierende Autonome durch Kreuzbergs Straßen, während wenige hundert Meter weiter die überwiegende Mehrheit der Einwohner das friedliche "MyFest" feiert. Der Spannungsbogen ist enorm; am Mariannenplatz gehen türkische Mütter seit kurzem nachts auf Streife, um die allgegenwärtigen Drogendealer zu verscheuchen, während die Besserverdiener in sanierten Altbauwohnungen in Prenzlauer Berg gediegenes Wohnen mit morbidem Charme favorisieren.

Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost ist zudem der einzige Wahlkreis Deutschlands, in dem ein Grüner direkt in den Bundestag gewählt wurde. 31,6 Prozent der Erststimmen hat Ströbele bei der letzten Bundstagswahl bekommen. In den Szenekiezen Kreuzberg und Prenzlauer Berg waren es teilweise bis zu 50 Prozent, dort ist der Rechtsanwalt Ströbele so etwas wie ein Volksheld. Hier in Friedrichshain hingegen, im alten Osten, mitten in den bestenfalls aufgehübschten Plattenbau-Landschaften, erkennt der Medienprofi sofort, dass er kein Heimspiel hat.

Das "Komitee für Gerechtigkeit" hat in ein kleines Theater geladen; gut hundert Gäste haben sich leise murmelnd im Zuschauerraum niedergelassen. Auf der Bühne stehen ein Tisch und vier Stühle für die Teilnehmer der Diskussion. Ventilatoren in den Ecken des Zuschauerraumes verwirbeln die abgestandene Luft, Abkühlung bringen sie nicht. In einem Faltblatt des Komitees steht, dass man mit "ProPalast" zusammenarbeite, einer Organisation zum Erhalt des Palastes der Republik.

Diskussion in Friedrichshain: Geist der untergegangenen DDR
SPIEGEL ONLINE

Diskussion in Friedrichshain: Geist der untergegangenen DDR

Im Vorraum des Theaters liegen Prospekte der Volkssolidarität auf zwei Plastiktischen neben Freiexemplaren des "Neuen Deutschland". Die Betreiber des Lokals "Alpenwirt" gegenüber der Feuerwache führen auch die Theatergastronomie, an der Theke im Theatersaal kann man Rotkäppchensekt bestellen und Staropramen, ein tschechisches Bier. Es ist ein weiter Weg von den angesagten Kneipen Kreuzbergs mit ihrem Multi-Kulti-Gewimmel bis in die Alte Feuerwache Friedrichshain.

Ahmet Iyidirli von der SPD sitzt in einem roten T-Shirt auf der Bühne, neben ihm die Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer. Die Kandidatin der Linkspartei schaut mit einer Miene ins Publikum, als wollte sie dessen Probleme ganz allein auf ihre schmalen Schultern nehmen. Christiane Reymann, die Moderatorin der Veranstaltung, sagt, dass man einen Video-Mitschnitt der Diskussion kaufen könne. Der Großteil der Besucher hat das Rentenalter längst erreicht, grauhaarige Männer und Frauen sitzen in karierten Hemden und beigefarbenen Stoffhosen geduldig da und nicken beflissen, wenn auf der Bühne von Hartz IV und den Auswüchsen des Kapitalismus die Rede ist.

Der Geist der untergegangenen DDR weht durch den Raum, und man ahnt, dass es vielen Leuten im Publikum nicht gut ergangen ist nach der Wende. Hans-Christian Ströbele erntet den größten Applaus des Abends, als er fordert, dass nicht nur Stasi-Akten zugänglich sein sollten, sondern auch die Dokumente der westlichen Geheimdienste aus dem Kalten Krieg. Als sich mehrere Besucher über die jüngsten Neonazi-Aufmärsche in Berlin beschweren, nutzt der Grünen-Abgeordnete die Chance und erzählt, wie er kürzlich nach einer Veranstaltung von einem Rechtsextremen angegriffen worden sei. Ströbele hatte den Mann verfolgt und gestellt, woraufhin dieser verhaftet wurde. "Aber nur, weil Sie ein Promi sind", ruft jemand, "sonst reagiert die Polizei doch nicht." Ströbele sagt, dass er zu jeder Anti-Nazi-Demo gehe, weil man "denen nicht die Straße überlassen darf."

Medienprofi Ströbele: Das personifizierte gute Gewissen
DPA

Medienprofi Ströbele: Das personifizierte gute Gewissen

Jemand beklagt sich, dass er von der Polizei festgenommen worden sei, als er sich gegen zwei Nazis zur Wehr gesetzt habe. Ströbele ist etwas ratlos, er arbeitet nicht bei der Polizei. Cornelia Reinauer rät, sich an die Vorgesetzten zu wenden. Bewegung kommt in den Theatersaal, immer mehr Hände werden in die Höhe gereckt, aber der Protest bleibt merkwürdig diffus. Hartz IV und Vermögensteuer, NPD-Verbot und Sicherung der Renten. Ströbele sagt, er fürchte, dass die Renten sinken könnten, die Alterspyramide und so. Reinauer möchte über alles reden und die direkte Demokratie stärken. SPD-Mann Iyidirli hat den schwersten Stand, seine Partei steht für Hartz IV. Die Stimmung im Saal ist bedrückt und bedrückend. Die neue Zeit ist nicht besonders pfleglich mit den Menschen in der Alten Feuerwache umgegangen, und die Kandidaten auf der Bühne haben keine Antworten.

Hans-Christian Ströbele muss wieder das Direktmandat erringen, wenn er im nächsten Bundestag sitzen will - er hat keinen sicheren Listenplatz. Manchmal lächelt er bei Redebeiträgen anderer, aber nur kurz, man könnte es hier falsch verstehen. In Kreuzberg rennt Ströbele offene Türen ein, fährt mit dem Fahrrad vor und führt Demonstrationen an - das personifizierte gute Gewissen des Kiezes. Hier in dem kleinen Friedrichshainer Theatersaal muss er die Stimme der 76-jährigen Frau gewinnen, die aufsteht und von ihrem vergeblichen Kampf für den Erhalt des Lenin-Denkmals am Platz der Vereinten Nationen erzählt, von der schweren Zeit und von unsicheren Renten. "Das Herz ist voll", sagt die ergraute Dame und blickt zu Boden.



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