Grüne Direktmandate im Osten 144 Stimmen fürs Geschichtsbuch

Erstmals haben die Grünen bei Wahlen im Osten Direktmandate ergattert. In Potsdam gewann Marie Schäffer ihren Wahlkreis - und das gegen Klara Geywitz, Spitzenkandidatin auf den SPD-Vorsitz.

Marie Schäffer am Tag nach der Wahl: "Die Wähler wollten Erneuerung"
Monika Skolimowska/ DPA

Marie Schäffer am Tag nach der Wahl: "Die Wähler wollten Erneuerung"

Von , Potsdam


Marie Schäffer ist überrascht - vom eigenen Erfolg. Die 28-Jährige sitzt in einem Café in der Innenstadt von Potsdam und versucht zu verarbeiten, was am Sonntag passiert ist. "Dass ich gewinnen würde, habe ich nicht erwartet", räumt sie ein. Schäffer hat etwas geschafft hat, was keine Kandidatin der Grünen vor ihr in Brandenburg geschafft hat: Sie hat ein Direktmandat für den Landtag gewonnen. Ausgerechnet in Potsdam, der SPD-Hochburg, dem Wahlkreis von Klara Geywitz.

Am Tag nach der Wahl hängen noch die Plakate gegen rechte Parteien an Bauzäunen, Touristen schlendern zum Museum Barberini, ein paar Studenten liegen im Park in der Sonne. Die AfD hatte hier, im Wahlkreis Potsdam I, zu dem unter anderem Babelsberg und die Potsdamer Innenstadt gehören, keine Chance. 9,4 Prozent holten die Rechtspopulisten - und landeten damit weit unter dem Landesergebnis. Hier leben Menschen in Stadtvillen mit schick restaurierten Fassaden, ein paar Superreiche, viel obere Mittelschicht. Keine typisches AfD-Klientel.

Aber bislang auch keine typischen Grünen-Wähler: Seit 2004 hat Klara Geywitz bei den Landtagswahlen drei Mal hintereinander das Direktmandat geholt, mal vor der Konkurrenz von der Linken, mal vor jener der CDU. Die Grünen-Bewerberinnen? Jeweils abgeschlagen auf Platz vier.

Das hat sich nun gewandelt. Marie Schäffer hat Geywitz den Wahlkreis abgeluchst, mit nur 144 Stimmen Vorsprung. "Es war ein absolutes Zittern bis zum letzten Wahlbezirk", sagt die grüne Gewinnerin. Die Verliererin dagegen steht plötzlich ohne Landtagsmandat da. Der Zeitpunkt ist denkbar unglücklich: Vor Kurzem erst hat Geywitz angekündigt, gemeinsam mit Vizekanzler Olaf Scholz für den SPD-Vorsitz zu kandidieren.

Kann eine Wahlverliererin an die SPD-Spitze?

Bis vor ein paar Tagen fuhr sie noch auf ihrem Lastenrad durch die Stadt und nannte den Wahlkreis "einen der grünsten" Brandenburgs, wollte die Schlossgärten schützen, nachhaltig bauen, Verpackungsmüll vermeiden. Die SPD-Politikerin versuchte in einer SPD-Hochburg zu gewinnen - mit angegrünter Politik. Am Ende hat das nicht gereicht. Kann eine Verliererin trotzdem an die SPD-Spitze?

"Es war klar, dass es verdammt knapp werden würde", sagt Geywitz am Telefon. Sie ist unterwegs von Berlin nach Potsdam. Die S-Bahn fährt nicht, Geywitz ist in Zeitnot. Auch sie führt jetzt viele Gespräche mit Menschen, die wissen wollen, wie es jetzt weitergeht.

Landtagswahl Brandenburg 2019

Endgültiges Ergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
SPD
26,2
-5,7
CDU
15,6
-7,4
Die Linke
10,7
-7,9
AfD
23,5
+11,3
Grüne
10,8
+4,6
BVB / Freie Wähler
5
+2,3
FDP
4,1
+2,6
Sonstige
4,1
+0,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 88
Mehrheit: 45 Sitze
10
25
10
5
15
23
Quelle: Landeswahlleiter

Schon bei der Europawahl war die SPD in Potsdam abgesackt, holte knapp 18 Prozent der Stimmen, die Grünen 23. Potsdam habe sich stark verändert in den vergangenen Jahren, sagt Geywitz. Und die Grünen feiern gerade im ganzen Land Erfolge - auch wenn das Ergebnis bei der Landtagswahl hinter den Erwartungen blieb. Die "Fridays for Future"-Bewegung dürfte viele junge Wähler für die Grünen mobilisiert haben, und in Brandenburg durften auch 16-Jährige ihre Stimme abgeben. Die Niederlage war deshalb vielleicht nicht ganz so überraschend für Geywitz.

SPD-Generalsekretär Klingbeil und Geywitz beim Wahlkampf: Unterwegs mit Lastenrad
Monika Skolimowska/ DPA

SPD-Generalsekretär Klingbeil und Geywitz beim Wahlkampf: Unterwegs mit Lastenrad

Die SPD-Politikerin wirkt gefasst. Natürlich sei sie traurig, dass sie künftig nicht mehr im Landtag sitzen werde. Doch Geywitz guckt jetzt nach vorn: Sie findet nicht, dass der Wahlausgang eine Absage an sie als eine mögliche SPD-Chefin ist. Es sei für die SPD zurzeit überall schwer, Direktmandate zu gewinnen. Und: "Ich habe 2000 Stimmen dazugewonnen", sagt Geywitz - und wirkt dabei ein bisschen trotzig.

Machen da zwei Sozis grüne Politik?

Letztlich hätten die Wahlergebnisse bewiesen, dass ihr Kurs der richtige sei: "Ein Grund, warum die Grünen im Wahlkreis so stark waren, war das Thema Ökologie. Olaf Scholz und ich wollen Investitionen in den Klimaschutz mit sozial-gerechten Lösungen verbinden." Scholz hat die Klimapolitik inzwischen zur Koalitionsfrage erklärt: Wenn die Große Koalition weiter die Berechtigung haben wolle, das Land zu führen, brauche sie einen "großen Wurf in der Klimapolitik", sagte er dem SPIEGEL. Für seine Mitbewerberin findet Scholz tröstende Worte: Das Ergebnis sei nicht schön - "aber es ist auch ein Ansporn".

Wenn auch nicht mit ihrem eigenen Ergebnis, so ist Geywitz doch zufrieden mit dem der SPD. Schließlich habe ihre Partei eine enorme Aufholjagd hingelegt, die ihr viele nicht zugetraut hätten. Von den oft prognostizierten 17 auf 26 Prozent. Sie haben die AfD auf Abstand gehalten und die Erwartungen übertroffen - anders als die Grünen.

Auch deshalb wird Marie Schäffer jetzt nicht übermütig. Vor der Wahl hatte die Spitzenkandidatin ihrer Partei, Ursula Nonnemacher, bereits erklärt, sie sei auch bereit, Ministerpräsidentin zu werden. Davon war sie am Ende weit entfernt.

Schäffer hat die grünen Prognosen nicht glauben können

Mit verschränkten Armen sitzt Schäffer im Café. Zwischen den Interviewterminen rufen immer wieder Verwandte an, um zu gratulieren. Ihre Eltern sind zu Besuch, Schäffer stammt eigentlich aus Niedersachsen. 2010 kam sie zum Studium nach Potsdam. Heute arbeitet sie als Informatikerin für die Landesbeauftragte für Datenschutz. Seit zehn Jahren engagiert sie sich bei den Grünen.

Schäffer sagt, sie habe die guten Prognosen vor der Wahl ohnehin nicht glauben können. Vor einem Jahr hätten die Grünen noch darüber nachgedacht, ob sie acht Prozent als Ziel ausgeben könnten. Und jetzt hätten sie ihre Stimmenzahl (10.957) im Vergleich zur Landtagswahl 2014 (5557) nahezu verdoppelt. Ein Sieg.

Sind die Grünen im Osten angekommen? Ja, sagt die 28-Jährige. Weil sie in allen Landkreisen Mitglieder dazugewonnen hätten. Weil sie ihre Stimmen fast verdoppelt hätten. Weil es ein "größerer Wahlkampf als je zuvor" gewesen sei. "Die Wähler wollten Erneuerung."

Auch in Sachsen drei Direktmandate

Und Potsdam ist nicht der einzige Wahlkreis im Osten, in dem Grüne ein Direktmandat gewonnen haben. In Sachsen holte die Partei in insgesamt drei Wahlkreisen die meisten Erststimmen. Die Grünen-Landesvorsitzende Christin Melcher und ihre Parteifreundin Claudia Maicher gewannen in Leipzig, in Dresden setzte sich Thomas Löser durch.

Bleibt die Frage, was die Grünen jetzt daraus machen. Schäffer betont, wie wichtig es sei, nah bei den Menschen zu sein, realistisch einzuschätzen, was machbar ist und was nicht. Sie will bezahlbaren Wohnraum in Potsdam schaffen, mehr Radwege, einen raschen Kohleausstieg vorantreiben. Die großen Linien, die mögliche rot-rot-grüne Koalition? Dazu will sich Schäffer lieber noch nicht äußern.

Man spürt, sie muss noch ankommen in ihrer neuen Rolle. Eine Rolle, von der sich Klara Geywitz nun verabschiedet. Sie hofft darauf, bald eine noch größere zu haben.

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