Grüne in Hessen Al-Wazir fürchtet die Möllemann-Falle

Selbstbewusstsein gewonnen, jede Bescheidenheit verloren: Hessens Grüne bezeichnen sich als neue zweite Kraft im Lande. Parteichef Özdemir will Al-Wazir gar zum Ministerpräsidenten-Kandidaten ausrufen. Doch der Spitzenkandidat wiegelt ab - er will nicht größenwahnsinnig erscheinen.

Fulda - Cem Özdemir hat keinen guten Tag erwischt. Die Rede des neuen Grünen-Chefs war mit Spannung erwartet worden, erzeugt jedoch wenig Begeisterung bei den hessischen Parteifreunden. Die Grünen wirken enttäuscht ob der ausdruckslosen und teils fahrigen Ansprache.

Hessens Grünen-Chef Al-Wazir: "Wir waren ja alle sehr erstaunt"

Hessens Grünen-Chef Al-Wazir: "Wir waren ja alle sehr erstaunt"

Foto: Getty Images

Erst am Ende seiner Redezeit gelingt es Özdemir, die Hessen aus ihren Sesseln zu reißen. Da fordert der prominente Gast, jede falsche Bescheidenheit abzulegen: "Es würde Hessen gut tun, wenn der nächste Ministerpräsident Tarek Al-Wazir hieße." Die Tradition, dass in einer Koalition immer die stärkere Partei die Führung übernehme, solle "umweltgerecht entsorgt werden".

Die Mitglieder in der Esperantohalle jubeln. Es entspricht ihrem neuen Selbstverständnis - nach der gescheiterten Regierungsübernahme und dem katastrophalen Zustand der hessischen Sozialdemokratie. Doch Spitzenkandidat Al-Wazir, der mit mehr als 95 Prozent Zustimmung auf Platz zwei der Landesliste gewählt wurde, sieht den neuen Übermut seiner Partei mit Sorge. Er weiß um die Gefahr von Höhenflügen. Und warnt gleich zu Beginn seiner Rede: "Nicht dass irgendwer jetzt auf die Idee kommt, die Schrottplätze nach dem Guidomobil abzusuchen."

Gelächter und Nicken allerorten. Viele erinnern sich plötzlich an die hochfliegenden "Projekt 18"-Pläne der FDP im Bundestagswahlkampf 2002. Damals versuchten Jürgen W. Möllemann und Parteichef Guido Westerwelle, die Liberalen zur Volkspartei umzumodeln. Der Parteichef forderte gar - allerdings vergeblich -, als Kanzlerkandidat am TV-Duell von Schröder und Stoiber beteiligt zu werden.

Nach einer zunächst durchaus beachtlichen medialen Resonanz kippte die Stimmung, die FDP erntete Hohn und Spott von allen Seiten. Ein ähnliches Schicksal dürfte Al-Wazir drohen. Schließlich fuhr er im Januar das drittschwächste Ergebnis der Grünen in Hessen ein - gerade einmal 7,5 Prozent. Nur 1983 und 1999 schnitt die Partei schwächer ab. Vor allem dass die FDP die Grünen als dritte Kraft ablöste, schmerzte die Parteiseele.

Al-Wazir will verdrossene SPD-Wähler einsammeln

Nun ist allerdings die Lage bei den Neuwahlen eine andere: Die Chancen stehen tatsächlich nicht schlecht, dass sich die Grünen deutlich verbessern. Grund dafür ist allerdings weniger die eigene Stärke als vielmehr der katastrophale Zustand der Sozialdemokraten nach dem Ypsilanti-Debakel. Al-Wazirs Ziel ist es, enttäuschte SPD-Wähler einzusammeln.

Doch eine allzu aggressive Strategie, wie sie vor allem Daniel Cohn-Bendit vorschlägt, könnte die Wahlchancen schmälern. Der Europaabgeordnete hält in Fulda eine offensive, vor Eigenlob strotzende Rede: Er habe ja als Erster - auf SPIEGEL ONLINE - gesagt, "dass die Hessen Koch gegen Tarek sehen wollen".

Die SPD lebe "in einer Zeit, die es nicht mehr gibt", und sei als führende Kraft "ausgefallen". Daher müssten die Grünen nun die Führung übernehmen und den Sozialdemokraten die Gelegenheit bieten, sich "in einer rot-grünen Koalition zu erneuern" - als Juniorpartner wohlgemerkt.

"Nur mit Gülle wird es nicht funktionieren"

Diese Konstellation ist - das wissen dann doch die meisten in Fulda - reichlich unwahrscheinlich. Daher fürchtet so mancher Besucher der Landesmitgliederversammlung eine Enttäuschung am Wahlabend. "Wir haben keine Machtoption", erklärt ein erfahrener Lokalpolitiker seine Skepsis. Die SPD sei zu schwach, und mit Koch gehe nichts.

Warum, erklärt Al-Wazir am Beispiel der Energiepolitik: "Wir waren ja alle sehr erstaunt, als Koch Hessen auf einmal zum Musterland für erneuerbare Energien machen wollte." Doch jetzt sage der CDU-Mann, er wolle dafür weder auf Windkraft noch auf Solarenergie setzen. "Da muss ich sagen", so Al-Wazir maliziös, "nur mit Gülle wird es nicht funktionieren, Herr Koch!"

Ein wirklich grundlegendes Problem haben die Grünen jedoch mit Kochs Wahlkämpfen, in denen er sich, 1999 wie 2008, Ressentiments gegen Minderheiten zunutze machen wollte – einmal mit Erfolg, einmal ohne.

Eine Koalition mit Koch kommt nicht in Frage

Daniel Mack, 22, ist seit drei Jahren Mitglied bei den Grünen und sagte SPIEGEL ONLINE, wieso eine Koalition mit dem CDU-Mann "einfach nicht in Frage kommt".

Mack hat eine dunkle Hautfarbe, sein Vater kommt aus Sri Lanka, doch er ist in Hessen geboren, aufgewachsen und politisch aktiv geworden. Der Student sagt, Kochs Attacken im Wahlkampf hätten ihn "auch persönlich verletzt". Aufgrund seiner Hautfarbe erlebe er Fremdenfeindlichkeit am eigenen Leib: "Als ich kürzlich in der U-Bahn meinen MP3-Player zu laut aufgedreht habe, bekam ich zu hören, dass ich das vielleicht in meiner Heimat machen könne, aber nicht in Deutschland."

Seine Heimat ist Bad Orb im Main-Kinzig-Kreis.

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