Grüne Kanzlerkandidaten-Debatte Operation Joschka

Braucht ihn seine Partei doch noch? Den Grünen geht es so gut wie nie - aber die Bewunderung für Joschka Fischer ist ungebrochen. Vor allem in der Bevölkerung. Die Debatte um eine Kanzlerkandidatur ist deshalb nicht zu stoppen. Einziger Schönheitsfehler: Er will partout nicht.

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Berlin - Natürlich hat er wieder gebrummelt. Dazu gehört das zerknautschte Joschka-Gesicht, das ein Dialektiker wie der ehemalige grüne Außenminister Joseph Martin Fischer am liebsten dann zeigt, wenn es was zu feiern gibt. So wie an diesem Abend im Mai, da der Film seines Lebens in die Kinos kommt. Premiere des Dokumentarstreifens "Joschka und Herr Fischer", roter Teppich, Dutzende klickende Fotoapparate, das tollste Kino der Hauptstadt, danach Party über den Dächern Westberlins.

Großes Kino, Fischer-Kino.

Da ist Joschka Fischer, 63, in seinem Element.

Fischer hier, Fischer da. Der Elder-Green-Man steht derzeit wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Vor allem wegen der Debatte um seine mögliche Kanzlerkandidatur bei der Bundestagswahl 2013. "Joschka zieht am stärksten", musste der selbstgewählte Politik-Pensionär unlängst im "Stern" lesen, der aktuelle "Focus" fragt: "Kommt Fischer zurück?"

Fischer will einfach nicht

Die Grünen sind im Aufwind, in Baden-Württemberg schnappten sie sich gerade zum ersten Mal eine Staatskanzlei, im Herbst soll das auch in Berlin klappen. Und dann ist auch schon beinahe Bundestagswahl. Deshalb ist die Diskussion um einen grünen Kanzlerkandidaten 2013 keine Phantasiedebatte mehr - und Joschka Fischer aus Sicht der Öffentlichkeit der beste Mann für den Job. Das sagen alle Umfragen der vergangenen Wochen.

Nur: Joschka Fischer will nicht. Punkt. Aus. Vorbei.

Er hat das auch öffentlich erklärt, beispielsweise in der "Bild am Sonntag", als Fischer sagte: "Ich fühle mich geehrt, dass man mir das zutraut. Aber das ist es dann auch." Doch die Debatte hört nicht auf.

Was auch am inoffiziellen Fischer-Fan-Club liegt: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich für den Ex-Außenminister als Kanzlerkandidaten ausgesprochen, auch der ehemalige grüne Vizeregierungschef von Nordrhein-Westfalen, Michael Vesper, zeigte an der Idee Gefallen. Und es gibt kluge Leute bei den Grünen, die mit Blick auf die Debatte sagen: "Joschka wäre der Game-Changer." Also der, mit dem sich die Partei ernsthaft Hoffnungen auf das Kanzleramt machen könnte.

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Doku "Joschka und Herr Fischer": Zeitzeuge in eigener Sache
Klar, es würde so gut passen in die Fischer-Exegese: Da ist ein Mann, der immer neue Herausforderungen suchte, mit einem Leben voller Brüche. "Wann immer Joschka Fischer ein neues Kapitel im Buch seines Lebens aufgeklappt hat, schlug er das alte zu. Zuweilen so lautstark, dass es jeder hören musste. Sonst hätte er nichts Neues beginnen können. Er braucht den radikalen Schnitt." So stand es im SPIEGEL, als Fischer nach der verlorenen Bundestagswahl 2005 seinen Abgang aus der Politik verkündet hatte.

Warum also nicht ein weiterer radikaler Schnitt? Weil er keine Lust mehr hat auf Politik. So sieht das Fischer.

Die Leute sollen endlich einsehen, dass ihm das wirklich reicht: lukrative Beratungsaufträge, eine Villa im Grünen, Zeit für seine Frau und die Familie - und ab und an mal eine publizistische Spitze. Er genieße seine Freiheiten, betont der Ex-Außenminister bei jeder Gelegenheit.

Und wenn er es sich doch noch mal anders überlegen würde? Die Hindernisse wären groß.

Zunächst einmal sind da Interessen der aktuellen Führungsleute, an erster Stelle Jürgen Trittin: Fischers ewiger Kontrahent ist nach dessen Abgang der starke Mann bei den Grünen geworden - der Chef der Bundestagsfraktion möchte 2013 selbst als Spitzenkandidat antreten. Gleiches gilt für Co-Fraktionschefin Renate Künast, sollte sie im Herbst nicht Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Dann ist da Parteichef Cem Özdemir, dem ebenfalls Ambitionen auf die Spitzenkandidatur in zwei Jahren nachgesagt werden. Und auch seine Mit-Vorsitzende Claudia Roth möchte dann eine prominente Rolle im Wahlkampf spielen.

Auch das Alter spielt eine Rolle

Kaum vorstellbar, dass auch nur einer von ihnen zugunsten von Fischer verzichtete. Dabei müssten, um ihn zurückzuholen, eigentlich alle vier gemeinsam vor seiner Villa niederknien und Fischer die Kanzlerkandidatur antragen, erzählt man sich in der Partei - und lacht sich dann schlapp angesichts dieser Vorstellung.

Dann ist da das Alter. Der Turnschuh-Minister von einst wäre 2013 schon 65 Jahre alt. Andere Vertreter dieser Generation haben keine Zweifel an ihrer Kanzlerkandidaten-Fähigkeit, beispielsweise der Sozialdemokrat Peer Steinbrück. Fischer schon. Bereits im Wahlkampf müsste er an seine Grenzen gehen - danach stünde möglicherweise der Job des Kanzlers. Mehr Stress geht nicht in der deutschen Politik.

Und wie würde die Öffentlichkeit auf Fischer reagieren, wenn er wirklich wieder da ist? Manchem fällt in diesem Zusammenhang das klägliche Comeback des ehemaligen Formel-1-Champions Michael Schumacher ein. "Der war aber früher viel besser." Nein, das sollen jetzt mal die Jungen machen. Zu denen aus Sicht von Fischer natürlich auch einer wie Parteichef Özdemir gehört.

Zum Fischer-Mythos, so schrieb Kurt Kister 2005 in der "Süddeutschen Zeitung", gehöre "der Sponti-Nahkampf, die Turnschuhe, die Griesgrämigkeit sowie die an- und abschwellenden Körpervolumina nebst Lebensabschnittskrisen". Am Ende von "Joschka und Herr Fischer" sagt der wieder mal füllige Hauptdarsteller, er fange möglicherweise auch wieder zu laufen an.

Aber dabei wird es dann wohl auch bleiben.

insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
mitwisser, 26.05.2011
1. wir haben schon zuviele Ungelernte
Zitat von sysopBraucht ihn seine Partei doch noch?*Den Grünen geht es so gut wie nie - aber die*Bewunderung für Joschka Fischer ist ungebrochen. Vor allem in der Bevölkerung. Die Debatte um eine*Kanzlerkandidatur ist deshalb nicht zu stoppen. Einziger Schönheitsfehler: Er will partout nicht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,764823,00.html
Gut so, sonst macht er weitere 4 Millionen zu Deutschen und wir haben einen neuen Visa-Skandal in Ost-Europa. Mag sein, dass die Grünen ihn brauchen, dieses Land braucht ihn nicht. Und wenn ich lachen will, schaue ich H. Schmidt - der kann das besser!
loncaros 26.05.2011
2. t
Wenn jemand nicht will, dann ist das ein sehr positives Zeichen. Denen die Macht aufbürden, die sie nicht wollen.
plenum 26.05.2011
3. Operation Joschka SHOW
Zitat von sysopBraucht ihn seine Partei doch noch?*Den Grünen geht es so gut wie nie - aber die*Bewunderung für Joschka Fischer ist ungebrochen. Vor allem in der Bevölkerung. Die Debatte um eine*Kanzlerkandidatur ist deshalb nicht zu stoppen. Einziger Schönheitsfehler: Er will partout nicht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,764823,00.html
Legendenbildung und Wirklichkeit http://www.heise.de/tp/artikel/34/34795/1.html
blitzunddonner 26.05.2011
4. nun haben sie ihre meinung gesagt ...
Zitat von mitwisserGut so, sonst macht er weitere 4 Millionen zu Deutschen und wir haben einen neuen Visa-Skandal in Ost-Europa. Mag sein, dass die Grünen ihn brauchen, dieses Land braucht ihn nicht. Und wenn ich lachen will, schaue ich H. Schmidt - der kann das besser!
zum glück benötigt ein kanzler nicht die stimmen aller bundesbürger, sondern nur die der mehrheit der abgeordneten im bundestag.
Ex-Kölner 26.05.2011
5. Lächerlich!
Fischer hat allem Anschein nach ausgesorgt, sieht, wie Hinz und Kunz - oft genug zu recht - über seine aktiven Kollegen stänkern, kennt die Arbeitsbelastung. Warum soll er sich das noch mal antun? Gewiß war und ist er eitel. Aber ob sein Masochismus so weit reicht? Ich bezweifle es. Und wenn die Grünen tatsächlich sonst niemanden mehr aufzubieten haben - dann sollten sie ihre Partei gleich wieder auflösen.
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