Pädophilie-Debatte bei den Grünen "Ignoranz und mangelnde Souveränität"

Welchen Einfluss hatten Pädophile auf das Programm der Grünen? Die Göttinger Politikwissenschaftler um Franz Walter haben ihr Forschungsprojekt abgeschlossen. Erstaunt hat sie die Reaktion mancher Alt-Grüner.
Parteitag der Grünen 1980: Mitglieder der Indianerkommune besetzen das Präsidium

Parteitag der Grünen 1980: Mitglieder der Indianerkommune besetzen das Präsidium

Foto: imago

Hamburg/Berlin - Für die Göttinger Parteienforscher war es ein schwieriges Thema, gibt Franz Walter zu. Anderthalb Jahre haben die Wissenschaftler die Pädophilie-Debatte bei den Grünen untersucht. In den Wochen vor der Bundestagswahl war das nicht nur für die Ökopartei eine heikle Angelegenheit: "Eine Zeit lang war der Druck der Öffentlichkeit hoch und auch für uns regelrecht riskant", sagt Walter. Am Mittwoch hat er die knapp 300 Seiten lange Studie in Berlin vorgestellt.

Die Parteiführung der Grünen hatte Walters Institut im Frühjahr 2013 beauftragt, die Historie zum Thema Pädophilie zu erforschen. Angesichts eines Buchbeitrags von Daniel Cohn-Bendit  und SPIEGEL-Recherchen war die Partei im Wahljahr öffentlich unter Druck geraten. Es ging um die Frage, ob die Grünen in ihren frühen Jahren offen für Pädophile und ihre Forderungen waren.

Das Ergebnis der Studie fasst Stephan Klecha, neben Walter einer der Herausgeber, wie folgt zusammen: "Die Debatte um Pädosexualität ist ein Teil der grünen Geschichte, und es ist klar, dass die Grünen an dieser Stelle mehr Offenheit gezeigt haben, als ihnen heute recht ist."

"Die damals gefassten Beschlüsse waren nicht akzeptabel", sagt die Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter. "Bündnis 90/Die Grünen distanzieren sich in aller Entschlossenheit von diesen Forderungen. Wir bedauern, dass es in der frühen Parteigeschichte zu solchen Entscheidungen kommen konnte." Klar sei, dass die Partei "viel zu spät auf die Debatte reagiert" habe, sagt Peter. "Aber wir hätten den Prozess gerne in Ruhe außerhalb des Wahlkampfs geführt."

Für Unmut bei Anhängern und Mitgliedern der Grünen sorgte im vergangenen Jahr, dass die Göttinger Forscher bereits während des Wahlkampfs Ergebnisse veröffentlichten. Walter betonte aber stets, es sei vertraglich festgelegt, dass die Grünen keinen Einfluss auf die Vorgehensweise nehmen: "Wir legen fest, was wir wann und wie publizieren." Bei der Vorstellung in Berlin lobt Walter die Grünen: "Wir haben selten mit so wenig Einflussnahme geforscht." Nur ab September seien "die Gesichter etwas verbiestert" gewesen, scherzt er.

"Eine stinknormale Partei"

Erstaunt habe ihn allerdings "die Ignoranz und mangelnde Souveränität, mit der manche Alt-Grüne reagiert haben, als die Pädophilie-Debatte wieder aufflammte", sagt Walter. Das Schweigen der Beteiligten sei verblüffend gewesen: "Kaum einer sagt etwas, wenige versuchen zu erläutern. Etliche machten die Schotten dicht, legten bei Telefonaten auf, drohten sogar."

Ein Grund für die mangelnde Offenheit sei, dass die Parteihistorie der Grünen stets als Erfolgsgeschichte erzählt wurde, so Walter: "Tatsächlich aber gibt es, da sind die Grünen eine stinknormale Partei, eben auch problematische Stellen, die sich weder abhaken noch verdrängen lassen."

Laut den Wissenschaftlern gelangten propädophile Positionen auf zwei Wegen in die Programme der Grünen:

  • Zum einen war da die Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Transsexuelle und Päderasten (SchwuP). Diese trat ab 1984 vehement für eine Aufhebung des gesamten Sexualstrafrechts ein, schreiben Walter und Klecha. Ihre Position sei allerdings bei einigen schwulenpolitischen Landesarbeitsgruppen umstritten gewesen. "Zudem hatte die SchwuP keine Möglichkeit, sich gegen die recht starke Phalanx der frauenpolitischen Arbeitszusammenhänge bei den Grünen durchzusetzen."

  • Zum anderen habe es Aktivisten gegeben, "die sich in der Partei für Kinderrechte einsetzten". Diese hätten in der Tradition der Anti- und Reformpädagogik argumentiert, man dürfe sich den Wünschen der Kinder nicht verschließen. Besonders lautstark meldete sich die Nürnberger Indianerkommune zu Wort, eine der ersten Organisationen der Pädophiliebewegung. Die Grünen sahen in der Gruppe einen "Teil ihres organisatorischen Vor- und Umfelds", schreiben Walter und Klecha. Anträge der Kommune hätten es immer wieder zu Landes- und Bundesversammlungen geschafft und Diskussionen sowie gesonderte Kongresse ausgelöst.

So schaffte es die Forderung, Sex mit Kindern straffrei zu stellen, den Wissenschaftlern zufolge in folgende Programme von Grünen und Grünen Wählergemeinschaften: Köln 1979, Nordrhein-Westfalen 1980 und 1985, Göttingen 1981, Berlin 1981 und 1985, Bremen 1983, Rheinland-Pfalz 1983, Hannover 1981 und Hamburg 1982. Als Teil einer Minderheitsposition plädierte das erste Grundsatzprogramm der Partei 1980 für eine Legalisierung von pädosexuellen Kontakten.

Interessant zu sehen sei gewesen, sagt Walter, "wie fassungslos Jüngere, auch mit expliziten Grünen-Sympathien, auf die Sexualdebatte der Grünen in den frühen Achtzigerjahren reagieren. Sie verstehen einfach nicht, wie man seinerzeit auf so einen Unsinn kommen konnte, dass Kinder und ältere Erwachsene 'einvernehmlichen' Sex haben können."

Bei der Vorstellung der Studie macht Walter deutlich, dass die Debatte noch nicht beendet sei: "Nichts ist vollständig, nichts ist abgeschlossen. Es kann durchaus sein, dass übermorgen oder nächstes Jahr noch was kommt."

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