Grüne wählten neue Parteichefin "Ich will ich sein"

Mit einer enthusiastisch gefeierten Rede meldete die neue Grünen-Vorsitzende Claudia Roth ihren moralischen Führungsanspruch in der Partei an. Die regierenden Pragmatiker nahmen es notgedrungen hin, die Parteiseele bekam Futter - und die neue Spitzenfrau 91,5 Prozent.

Von Harald Schumann


Claudia Roth: Von der Gefühlspolitikerin zur Strategin?
DPA

Claudia Roth: Von der Gefühlspolitikerin zur Strategin?

Stuttgart - Joschka Fischer wurde Angst und Bange. Skeptisch mit geneigtem Kopf und zusehends genervt folgte er der Rede, mit der sich die langjährige Menschenrechtsaktivistin, Europa- und Bundestagsabgeordnete Claudia Roth an die Spitze seiner Partei redete.

Was Fischers langjährige innerparteiliche Gegnerin am Rednerpult einige Meter vor dem heutigen Außenminister und altgedienten Paten der Partei zum Besten gab, verhieß ihm Probleme, die längst überwunden schienen.

Mit rhetorischem Feuer und demonstrativem Kampfesmut meldete sich mit Roth die alte grüne Seele zu Wort, die sich mit der Schlechtigkeit der Welt ganz grundsätzlich nicht abfinden will, gleich ob mit oder ohne Regierungsbeteiligung. In einem wahren Parforce-Ritt eilte die bisherige Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag quer durch den ganzen Kanon der einst so genannten grün-alternativen Bewegung.

Das "gesellschaftliche Engagement für den Atomaustieg", so versicherte sie den knapp 700 Delegierten, sei mit dem ausgehandelten Atomkonsens mit den Stromkonzernen, "keineswegs beendet". Demonstrationen auch gegen die Atomkraft blieben weiterhin notwendig.

Im internationalen Wettlauf zur Beseitigung legaler und ethischer Schranken zur Anwendung der Gentechnik drohe "die Entwertung des Menschen zum biomedizinischen Rohstoff", der Körper der Frauen werden "zum Austragungsort von Allmachtsphantasien", mahnte Roth in lange ungehörter grüner Eindringlichkeit. Gegen diese schleichende Einführung der Eugenik, der Selektion von Menschen nach genetischen Merkmalen, gelte es den Artikel eins des Grundgesetzes zu verteidigen, "die Würde des Menschen ist unantastbar".

Joschka Fischer: Wachsende Skepsis gegenüber der neuen Parteivorsitzenden
REUTERS

Joschka Fischer: Wachsende Skepsis gegenüber der neuen Parteivorsitzenden

Die Globalisierung, die es zu zivilisieren gelte, das Wachstum, das "nicht monetär sondern kulturell und qualitativ zu messen sei", die soziale Gerechtigkeit, ohne die "Deutschland nichts ist" - Roth ließ keines der grünen Herzensthemen aus und die grüne Basis dankte es ihr mit stehenden Ovationen und einem fulminanten Wahlergebnis. Mit 91 Prozent der abgegebenen Stimmen krönten die Delegierten sie zur neuen Retterin der eigentlichen grünen Sache. "Ich will ich sein, anders will ich nicht sein", zitierte im Gegenzug die frühere Managerin der Kultband Ton, Steine, Scherben einen der alten Erfolgssongs von Rio Reiser.

Kaum ein Wort über die Mühen des Regierens

Das Versprechen durfte vor allem der Regierungsprominenz auf dem Podium auch als Drohung geklungen haben. Zwar schienen für einen Moment die Qualen der trockenen Ebene voll fauler Koalitionskompromisse vergessen. Doch dies war nur erreichbar, indem die neue Vorsitzende der kleineren Regierungspartei in ihrer halbstündigen Rede über die praktische Arbeit des Regierens kaum ein Wort verlor.

Um Gutes an Fischers Außenpolitik zu finden, musste sie bis zu den neuen Lageberichten des Auswärtigen Amtes graben, die "endlich die nicht mehr der Flüchtlingsabwehr dienen, sondern die tatsächliche Situation bei Verletzungen der Menschenrechte beschreiben". Dem Lob folgte jedoch sogleich die Mahnung, die Amerikaner seien zu überzeugen, dass deren geplante Raketenabwehr nur einen neuen Rüstungswettlauf in Gang setze und keine Sicherheit schaffe - ein Ansinnen, das Fischer auf seinem Stuhl noch ein paar Zentimeter tiefer sinken ließ.

Fischer und Roth beim Parteitag in Stuttgart: Claudia Roth wird sich bescheiden müssen
DPA

Fischer und Roth beim Parteitag in Stuttgart: Claudia Roth wird sich bescheiden müssen

Nicht das Regieren, so signalisierte die neue grüne Ko-Chefin, sondern die Profilierung der Partei trotz der Regierungsbeteiligung versteht sie als ihre künftige Aufgabe. Sich angesichts der Schwierigkeiten bei der Durchsetzung radikaler Reformen zu bescheiden, sei "nicht pragmatisch, sondern dumm", die Partei müsse vielmehr als Pfadfinder dienen, der Regierung neue Wege aufzuzeigen.

Doch ob die profilierte Linke, die als Pressesprecherin der ersten Bonner Grünen-Fraktion ihre Parteikarriere begann, mit diesem Ansatz erfolgreich sein wird, ist mindestens fraglich. Von der "Gefühlspolitikerin zur Strategin" sei es ein weiter Weg, bekannte einer der Altgedienten aus der grünen Führungsriege sorgenvoll. Im richtigen Moment durch den richtigen Vorstoß Wahlerfolge und Macht zu erwerben, dafür reiche Prinzipientreue aber nicht aus.

Gewiss sei Claudia Roth die Richtige, um den Großparteien Feuer zu machen, wenn sie mal wieder auf Kosten von Minderheiten mit dem dumpfen Volkempfinden argumentieren. "Aber wird Kanzleramtsminister Steinmeier mit ihr aushandeln, wie eine Koalitionskrise zu managen ist? Bestimmt nicht!", weiß einer der Praktiker der Regierungsarbeit.

Gleichwohl, so hofft nicht zuletzt der seit einem Jahr amtierende Grünen-Chef Fritz Kuhn, könnte auch diese Doppelspitze ähnlich gut funktionieren wie zuvor seine Führungspartnerschaft mit der zur Chef-Landwirtin aufgestiegenen Renate Künast. Das Aufleben der alten Strömungskämpfe, wie sie der Parteiforscher Raschke mit Roths Wahl vorhersagte, will auch die neue Vorsitzende nicht. Zu diesem Zweck wird sich die alte Kämpferin aber vermutlich doch bescheiden müssen aufs Mahnen und Reden. So könnte Claudia Roth die Parteiseele warm und die Basis bei der Stange halten. Aber der eigentliche Parteivorsitzende wird wohl Kuhn heißen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.