Grüne Wenn der Patriarch geht...

Spätestens im nächsten Jahr wird Joschka Fischer seinen Job als Bundesaußenminister an den Nagel hängen, glaubt Grünen-Experte Joachim Raschke. Schon stellen sich die Grünen auf die Nach-Fischer-Ära ein: Potenzielle Erben bringen sich in Position.

Von Dominik Baur


Könnte sich schon bald nach Brüssel verabschieden: Außenminister Fischer
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Könnte sich schon bald nach Brüssel verabschieden: Außenminister Fischer

Hamburg - Die Gerüchte verdichten sich: Den deutschen Außenminister drängt es nach höheren Weihen - nach Brüssel. Die Vermutung, dass Fischer ein neues Karriereziel ansteuert, ist freilich nicht neu: "Wird Joschka Fischer jetzt Papst?", fragte die "taz" schon zu Anfang des Jahres. Damals waren Spekulationen laut geworden, der Minister habe es auf den 2004 frei werdenden Posten von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi abgesehen. Und selbst für die Frage, ob er neuer Uno-Generalsekretär werde, hatte Fischer nur Spott übrig: "Ich bin katholisch. Ich kann auch Papst werden", zitierte die Zeitung Fischer.

Papst wird Joschka Fischer wohl nicht werden. Aber die Gerüchte, dass er noch während der laufenden Legislaturperiode sein Amt als Bundesaußenminister zugunsten eines Postens in Europa aufgeben könnte, werden täglich lauter. Den Job, von dem neuerdings die Rede ist, gibt es allerdings noch gar nicht. Schon bald jedoch, nämlich bei der Bildung der nächsten Kommission 2004, könnte auch ein Europäischer Außenminister berufen werden, so ist dieser Tage aus Brüssel zu vernehmen. Wenn Fischer das Amt übernähme - und der Grüne kann sich berechtigte Chancen auf den Job ausrechnen -, müsste sich Kanzler Gerhard Schröder wohl schon im nächsten Jahr nach einem neuen Außenminister und Vizekanzler umsehen.

Für den auf die Grünen spezialisierten Parteienforscher Joachim Raschke aus Hamburg gibt es keinerlei Zweifel, dass es auch so kommen wird. Alles deute darauf hin, dass Fischers nächstes Karriereziel in Brüssel liegt. Dass der heimliche Vorsitzende der Grünen dafür seine Partei und die deutsche Politik hinter sich lassen müsste, wird den nicht sonderlich stören, glaubt Raschke. Das entspräche nicht seinem Sponti-Charakter: "Spontis suchen immer nach neuen, noch größeren Herausforderungen."

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Und da der Kanzlerstuhl in Deutschland einem Grünen versperrt ist, kommt für Fischer nur Europa als nächste Etappe in Frage. Durch seine Mitwirkung im EU-Konvent setzt sich Fischer auch schon eifrig dafür ein, dass das neue Amt entsprechend seinen Vorstellungen mit genügend Kompetenzen und Budget ausgestattet wird.

"Eine glänzende Besetzung", lobt auch Kanzler Schröder seinen Mitstreiter im SPIEGEL-Interview. Aber weder sei sicher, zu welchem Zeitpunkt die Diskussion über das Amt zu Ende gebracht werde, noch sollte man jetzt über Personen diskutieren - "es sei denn, man wollte sie kaputtmachen". Und bestimmt macht sich Schröder, derzeit gefangen im partei-internen Reformstreit, nicht gerne Gedanken darüber, wie er seinen größten Trumpf im Kabinett ersetzen kann.

"Der geborene Kandidat"

Die Koalition brächte Fischers Abgang nicht in Gefahr, glaubt Raschke. "Das wäre eine zu sehr auf Personen fixierte Politikbetrachtung. Sicher, es war für Schröder bequemer mit Fischer, weil der die Grünen bei manchen Fragen auch zu den nötigen Mehrheiten geprügelt hat, beispielsweise beim Atomausstieg." Aber derzeit gebe es ohnehin keine grünen-spezifischen Themen, bei denen diese Disziplinierung nötig sei. "Auch ein Fischer ist ersetzbar."

Ambitionen aufs Auswärtige Amt: Jürgen Trittin
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Ambitionen aufs Auswärtige Amt: Jürgen Trittin

Schon bringen sich mögliche Nachfolger für das Amt des Außenministers ins Spiel. Besonders Jürgen Trittin scheint auf den Job zu spekulieren. Neuerdings, so stellen viele seiner Parteifreunde irritiert fest, redet der Umweltminister nicht mehr über Dosenpfand, Abgasverordnungen und Naturschutzlinien, sondern nur noch über den Irak-Krieg, das transatlantische Verhältnis und Weltpolitik im Großen und Ganzen.

Seinen Zweckweggefährten Fischer lobt Trittin über den grünen Klee. Keiner vertrete die europäische Außen- und Sicherheitspolitik so glaubwürdig wie er, er sei schlicht der "geborene Kandidat" für das Amt in Brüssel. Mit anderen Worten: Je früher Fischer seinen Platz in Berlin räumt, desto besser.

"Künast kann wirklich für die Partei sprechen"

Ob Trittin trotz seiner Selbsteinschätzung als "zweiter Mann" bei den Grünen wirklich eine Chance aufs Außenministeramt hat, ist sehr fraglich. Raschke hält den wohl prominentesten Vertreter des linken Flügels nicht für mehrheitsfähig in der Partei. Und der für einen Außenminister wichtige Rückhalt in der Bevölkerung fehlt Trittin sowieso. Auf der Beliebtheitsskala deutscher Politiker tümmelt sich der Umweltminister mit Regelmäßigkeit auf den unteren Plätzen. Einziger Pluspunkt bei einer Bewerbung: Trittin versteht sich gut mit dem Kanzler.

Verstärktes Interesse für Weltpolitik: Trittin und Künast bei einer Demonstration gegen den Irak-Krieg
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Verstärktes Interesse für Weltpolitik: Trittin und Künast bei einer Demonstration gegen den Irak-Krieg

Aber auch andere Möchtegern-Kandidaten bringen sich in Stellung. So soll auch das dritte grüne Kabinettsmitglied im Bunde, Verbraucherschutzministerin Renate Künast, nicht uninteressiert sein. Und selbst der noch unerfahrenen und eher blass wirkenden Fraktionschefin Katrin Göring-Eckart werden Ambitionen nachgesagt.

Künast räumt Raschke bei der Erbfolge wesentlich größere Chancen ein als Trittin. Die Ministerin ist eine Integrationsfigur bei den Grünen. "Künast könnte im Gespann mit Schröder durchaus Fischers Rolle übernehmen", findet der Politologe. "Sie genießt bei Schröder Respekt und kann im Gegensatz zu Trittin auch wirklich für die Partei sprechen." Für diesen Fall freilich könnte sich der Dosenpfand-Minister, der mangels großer Themen wie dem Atomausstieg derzeit in seinem eigenen Ressort nicht ausgelastet ist, zum Troublemaker der Grünen entwickeln.

Noch haben die Grünen jedoch ihren "heimlichen Vorsitzenden". Vorstellbar ist daher auch, dass der noch mal kräftig mitmischt, wenn es um seine Nachfolge geht, und beispielsweise versucht, einen eigenen Zögling wie Ex-Parteichef Fritz Kuhn im Amt zu installieren.

Der Reformmotor stockt

Viel schmerzlicher als die Lücke im Auswärtigen Amt dürfte jedoch jene sein, die Fischer in der Partei hinterlässt. Mit Fischer verlöre der Junior-Regierungspartner seinen wichtigsten Politiker. Fischer ist das Aushängeschild der Grünen, Deutschlands beliebtester Politiker und hinter der Fassade eben immer noch der unangefochtene Patriarch, der zwar in der basisdemokratisch ausgerichteten Partei immer wieder für antiautoritäre Reflexe gesorgt hat, aber gleichzeitig die Partei hinter sich schloss wie kein anderer.

Das jedoch sieht Raschke durchaus als Chance für die Partei. Ohne ihren Patriarchen könnten die Grünen endlich zu einer wirklich demokratischen Partei werden. Doch die Zukunft der Grünen dürften Inhalte bestimmen.

Wenn die Grünen nach Fischer eine Chance haben wollen, müssen sie neue Themen besetzen, sagt Raschke. Schließlich hört man zurzeit recht wenig von der Partei, die sich in der vergangenen Legislaturperiode gerne als "Reformmotor der Regierung" gerierte. Haben die Grünen erst mal neues Terrain gefunden, auf dem sie sich inhaltlich profilieren können, so Raschke, sei es zweitrangig, mit welchem Führungspersonal sie dies tun. "Jedenfalls werden die Grünen nicht untergehen, wenn Fischer abtritt."



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