Grüne nach Urwahl Kleine Partei spielt Gigant

Sie sprechen von einer Öko-Weltbewegung und werfen Sahra Wagenknecht "National-Chauvinismus" vor: Die neuen Spitzenkandidaten der Grünen geben sich sehr selbstsicher - und ignorieren unangenehme Fragen.

Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt
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Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt


Wer gerade über die Probleme der Menschheit grübelt, wird sich von den Grünen verstanden fühlen. Ein "gutes Klima für die Natur und für die Gesellschaft", wünscht sich Katrin Göring-Eckardt, frisch gewählte Spitzenkandidatin.

"Vielleicht wird irgendwann ein Kind syrischer Flüchtlinge Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin", fährt sie fort, und nennt ihre Partei die "weltweit größte grüne Bewegung", während Donald Trump in den USA eine "Zeitenwende" einläutet.

Cem Özdemir, ebenfalls neuer Spitzenkandidat der Grünen, setzt nicht weniger auf Pathos: "Wir wissen, welche Hoffnungen auf uns projiziert werden. Dass wir diesen Planeten unseren Kindern in einem besseren Zustand übergeben werden, als wir ihn vorgefunden haben."

Geht's nicht eine Nummer kleiner? Wäre etwas mehr Bescheidenheit nicht angemessen für eine Partei, die seit mehr als zehn Jahren in der Opposition sitzt?

Nein, an diesem Mittwoch ist bei den Grünen gar nichts zurückhaltend. Es ist der Tag, an dem das Urwahlergebnis verkündet wurde. Jetzt steht fest, dass Özdemir und Göring-Eckardt die Partei im Bundestagswahlkampf nach außen vertreten werden. Auf diese Form der Mitbestimmung sind die Grünen stolz. Schließlich tut sich keine andere Partei eine nervige Briefwahl an.

"Bei der SPD machen das die Männer unter sich aus. Unser Stil ist das nicht", lästerte Göring-Eckardt beim ersten gemeinsamen Auftritt mit Özdemir in Berlin. Die SPD bedankte sich, indem sie zwei Gewinnern, "die schon mal nicht Kanzlerkandidat werden", via Twitter gratuliert. Die Attacken des nahenden Wahlkampfs, noch sind sie harmlose Nickeligkeiten.

Endlich ein Grund zum Feiern

Tatsächlich gehört die demonstrative Selbstsicherheit des Spitzenduos zum ersehnten Erholungsprogramm. Nach Streitigkeiten über Steuern, Asylpolitik und Polizeieinsätze brauchte die Partei endlich einen Grund zum Feiern. Einen Neustart, nicht nur symbolisch.

Denn Göring-Eckart ("KGE", wie sie oft abgekürzt wird) und Özdemir (für viele Grüne "der Cem") sollen nicht nur auf Plakaten und in Talkshow-Sesseln grinsen. Sie sollen die Grünen aus dem Umfragetief holen und sie regierungsfähig machen. Sie sollen die Grünen retten.

Dieses Ziel wird ihnen nicht von außen diktiert, sie formulieren es selbst: "Wir müssen wachsen", sagte Özdemir am Mittwoch, Göring-Eckardt ging noch einen Schritt weiter: "Wir müssen über uns hinauswachsen." Die Grünen müssten "mit all denen ins Gespräch kommen, die das Kreuz nicht bei uns machen, oder sogar nirgendwo".

Zwei Profis unter Erwartungsdruck

Ganz schön viele Erwartungen an zwei Spitzenkandidaten. Aber kann das Duo wirklich etwas reißen? Zumindest hat sich die Basis die maximal pragmatische Kombination ausgesucht - beide Kandidaten sind Profis. Göring-Eckardt stand als einzige Frau im Rennen fest, aber sie hätte wohl auch sonst gute Chancen gehabt. Özdemir gewann mit nur 75 Stimmen Vorsprung gegenüber seinem Konkurrenten Robert Habeck, gehört aber zu den bekanntesten Politikern Deutschlands.

Die 50-Jährige Göring-Eckardt hat Bundeserfahrung und kennt Verhandlungsrunden mit der Kanzlerin. Sie schweigt meist, wenn sich die Parteiführung zerlegt und gilt als Vermittlerin zwischen den Parteiströmungen. Ihre Geschichte als Christin und ostdeutsche Bürgerrechtlerin begleitet sie bei öffentlichen Auftritten, manchmal streut sie Persönliches ein ("Mein Glück: Das Meer. Meine Enkel. Tom Waits").

Özdemir hat ebenfalls eine interessante Biografie: Sein Weg vom Arbeiterkind zum ersten türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten taugt für viele Wahlkampfbotschaften über Gerechtigkeit und Integration. Innerhalb der Partei ist Özdemir wegen wirtschaftsfreundlicher Positionen oder seiner Haltung zu Waffenlieferungen umstritten. Darauf deutet auch sein knappes Gewinnen hin. Nach den Gründen gefragt, wich Özdemir am Mittwoch aus. Sein Ergebnis betrachte er als Sieg.

Wagenknecht betreibt "National-Chauvinismus"

Auch in der leidigen, aber wichtigen Koalitionsfrage - mit wem würden die Grünen am ehesten zusammen regieren wollen? - kommt man mit dem neuen Spitzenduo bislang keinen Schritt weiter. Beide gelten als Schwarz-Grün-Fans, wollten sich das aber nicht zu sehr anmerken lassen. Also zeterten sie routiniert über CSU-Chef Horst Seehofer.

Zu viel Nähe zur Linkspartei wollten sie sich auch nicht nachsagen lassen: Göring-Eckardt warf Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht "National-Chauvinismus" vor. Wagenknecht hatte Angela Merkel eine Mitschuld am Berliner Terroranschlag gegeben. Die Kritik klang am Tag der Urwahlverkündung schön entschlossen - brachte die Koalitionsdebatte aber auch nicht voran.

Immerhin werden die Allianzen innerhalb der Grünen immer klarer. Die Realos sind auf dem Vormarsch, die Linken stark geschwächt. So erklärte Özdemir die künftige Rolle der Linksgrünen Simone Peter erst auf Nachfrage: "Sie ist Parteichefin." Mehr gab es dazu kaum zu sagen.

Dafür würdigte Göring-Eckardt den populärsten Realo-Grünen, Winfried Kretschmann. Der Ministerpräsident Baden-Württembergs habe am Telefon gratuliert. Das Spitzenduo freue sich "auf seine Unterstützung im Wahlkampf".

Mitarbeit: Magdalena Seidenspinner

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
madtv 18.01.2017
1. benennt euch bitte um
ich möchte nicht daran erinnert werden, dass ich diese Partei wiederholt gewählt habe, denn was haben diese Leute mit den Zielen zu tun mit denen die Grünen mal gegründet wurden? Fast nichts, wie wär es mit FDPmM ?
Berg 18.01.2017
2.
Bevor es die Grüne Partei gab, waren Energieeffizienz, Materialökonomie, Anlagensicherheit, Abgasreinigungen, Sonnen-/Wind-/Wasserenergie weitgehend Ingenieuraufgaben innerhalb des Industrieanlagenbaus. Der Kohle-, Gas-, Ölverstromung waren schon einmal das Ende vorher gesagt worden, es sollte durch die friedliche Nutzung der Kernenergie ersetzt werden. Alles Aufgaben der Wirtschaft, der Technik, der Forschung - aber nicht Aufgabe einer politischen Partei. Die "Politik" wirkte mit bei den Baugenehmigungen, den TÜV-Kontrollen, den Emissionsgrenzwerten. Eigentlich hätte jeder Grünen-Politiker lieber in der Indusrie an entsprechender Stelle mitarbeiten sollen. Nun als Grüne Politik als Regierungsform, als Weltenretter, als Menschheitsanführer. Heute geht es um die Finanzen, Schulden, Guthaben, Staatsaufgaben (Landschaftsrückgestaltung, Atomendlager). Deswegen sollten Grüne in jeder Regierung mitarbeiten und sich nicht selber nur als "Anhängsel" der großen Parteien einstufen.
knok 18.01.2017
3. Wenn die Grünen
wieder drittstärkste Kraft werden wollen, dann sollten sie sich auf ihre Kernthemen Pazifismus, soziale Gerechtigkeit und vor allem Umweltschutz zurückbesinnen! Und nicht über Unsinnigkeiten diskutieren. Letzteres ist das, was mir an Kretschmann Stil so gefällt, auch wenn er mir ansonsten deutlich zu konservativ ist.
shotaro_kaneda 18.01.2017
4.
--Zitat--"Cem Özdemir, ebenfalls neuer Spitzenkandidat der Grünen, setzt nicht weniger auf Pathos: "Wir wissen, welche Hoffnungen auf uns projiziert werden. Dass wir diesen Planeten..."."--Zitatende-- Nach diesem Absatz konnte ich einfach nicht mehr weiterlesen. Die grünen auf einem Größenwahntrip. Ich hoffe für die Grünen, dass sie noch vor der Bundestagswahl in der Realität ankommen, ansonsten gibt es vielleicht einen Realitätsschock zum Wahlabend.
querdenker22 18.01.2017
5. Es ist schade, dass die Grünen wichtige ökologische Themen
in einen unwählbaren, verrufenen Status verholfen haben, weil sie mit anderen kontroversen gesellschaftlichen Themen, wie völlige Gleichstellung von Beziehungsformen, Gender und der ursprünglich aus der linken Ecke kommenden Belehrungsmentalität alle abschreckt, die zwar gern für den Schutz der Schöpfung eintreten, aber ansonsten doch im konservativen Raum zu finden sind. Denen die klassische Familie sehr wichtig ist und die den Eindruck haben, die ist inzwischen bei den Grünen ein Störfaktor - beispielsweise... Oder, die nicht verstehen, dass die kleine Fledermaus an der Großbaustelle schützenswerter ist, als die entstehenden Arbeitsplätze, aber eine Abtreibung möglichst völlig liberal gehandelt werden soll - wo es doch um einen Menschen geht.
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