Kampf um Grünen-Fraktionsspitze Die Frau, die alle überraschte

Sie sitzt erst seit zwei Jahren im Bundestag, ist bundesweit bisher kaum bekannt. Nun will sie an der Seite von Cem Özdemir die Fraktion der Grünen führen. Wer ist Kirsten Kappert-Gonther?

Kirsten Kappert-Gonther: ihre Kandidatur überraschte fast die gesamte Partei
Kay Nietfeld / DPA

Kirsten Kappert-Gonther: ihre Kandidatur überraschte fast die gesamte Partei

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Mit Kirsten Kappert-Gonther hat niemand gerechnet. Nicht jetzt, nicht in diesem Zusammenhang. Doch die Frau, die niemand wirklich auf dem Zettel hatte, will nun Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag werden.

Sie kandidiert völlig überraschend an der Seite des prominenten Cem Özdemir gegen Anton Hofreiter, den letzten echten Linken in einflussreicher Position, und gegen Katrin Göring-Eckardt, die zum pragmatisch-konservativen Realo-Flügel der Partei zählt und sich seit Jahren trotz eher magerer Wahlergebnisse in der ersten Reihe der Grünen hält.

Kappert-Gonther kommt aus Bremen, sitzt erst seit zwei Jahren im Bundestag, gehört zum linken Flügel der Partei. Doch selbst für diesen kam die Kandidatur aus dem Nichts. Offenbar hatte sie sich nur mit wenigen Abgeordneten im ganz kleinen Kreis abgestimmt. Entsprechend irritiert zeigten sich in den Tagen danach die Parlamentarier.

Unbekannt - aber nicht chancenlos

Aus den Reihen der Parteilinken kann sie auch deswegen nur auf wenige Stimmen bei der Fraktionsvorsitzendenwahl in gut zwei Wochen hoffen. Die Abgeordneten des linken Flügels unterstützen in breiter Mehrheit Hofreiter, der die Fraktion gemeinsam mit Göring-Eckardt seit sechs Jahren führt. Chancenlos ist Kappert-Gonther trotzdem nicht.

Das liegt daran, dass sie mit Özdemir im Team kandidiert. Özdemir war zehn Jahre Parteivorsitzender, ist einer der profiliertesten und bekanntesten Köpfe, die die Grünen haben, ein konservativer, wirtschaftsfreundlicher Realo, der stets um seine eigene Profilierung bemüht ist. Genau deswegen polarisiert er in der Fraktion - zu diesem Zeitpunkt vorauszusagen, ob er bei der Wahl eine Chance hat, ist kaum möglich.

Aufgewühlt hat die Kandidatur die zuletzt so auf Harmonie bedachten Grünen aber auf jeden Fall. Entsprechend groß ist das Interesse an Özdemirs Tandempartnerin Kappert-Gonther. Wie ist sie, wer ist sie?

Im Gespräch drängt sich der Eindruck einer durchsetzungsstarken Frau auf. Sie erzählt von ihrem Tanzkurs. "Ich stehe nirgendwo am Rand und warte darauf, dass mich jemand auffordert", sagt sie. Soll heißen: Sie hat nicht auf Özdemir gewartet. Offenbar war sie so unzufrieden mit der aktuellen Fraktionsspitze, dass sie ein alternatives Angebot schaffen wollte. Und zwar mit ihrer eigenen Person.

Katrin Göring-Eckardt unterhält sich mit ihrer Herausforderin - im Hintergrund Cem Özdemir
Kay Nietfeld / DPA

Katrin Göring-Eckardt unterhält sich mit ihrer Herausforderin - im Hintergrund Cem Özdemir

Die Wahl ihres Partners ist dennoch erstaunlich: Denn Kappert-Gonther steht selbst in ihrem Flügel weit links. "Ich bin davon überzeugt, dass es unsere wichtigste politische Aufgabe ist, in Verteilungsfragen für mehr Gerechtigkeit zu sorgen", steht auf ihrer Website. Özdemir stimmt inhaltlich mit ihr in vielen Fragen nicht überein.

Selbstbewusste Aufsteigerin

Kampfabstimmungen sind für Kappert-Gonther übrigens nicht neu. 2011 wurde sie, die Psychiaterin ist, Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft. Nur eineinhalb Jahre später forderte sie bei der Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl Marieluise Beck heraus, die seit 1980 Mitglied der Grünen ist und seit 1994 durchgängig für die Grünen im Bundestag saß. Eine Urgrüne also.

Kappert-Gonther verlor die Abstimmung um den ersten Listenplatz - aber denkbar knapp: 103 Delegierte stimmten für sie, 114 für Beck. 2017 trat Beck nicht mehr für die Grünen an. Sie wusste, dass sie ihren Listenplatz nicht gegen Kappert-Gonther verteidigen können würde.

Bevor sie in den Bundestag einzog, war Kappert-Gonther zwei Jahre stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der Bremischen Bürgerschaft. Maike Schaefer, damals Fraktionschefin, heute Bremer Senatorin für Umwelt und Stadtentwicklung, sagt, die Zusammenarbeit sei kollegial und freundlich gewesen. Kappert-Gonther habe den Mut bewiesen, auch kontroverse Themen anzupacken. Eines davon ist die Cannabis-Legalisierung, für die sie sich einsetzt.

Allerdings gibt es auch Menschen, die ihren rasanten Aufstieg mit Argwohn beobachten. Sie verstehe es, sich selbst sehr gut zu vermarkten und sei sehr interessiert daran, in der ersten Reihe zu stehen, heißt es. Es wird ihr ein besonderes Selbstbewusstsein attestiert - zur Selbstkritik dagegen sei sie weniger bereit.

Ob ihr ein Scheitern schaden würde?

Kappert-Gonther hat sich in ihren zwei Jahren als drogenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion durchaus einen Namen gemacht. Sie tauchte zu ihren Fachthemen regelmäßig in der Presse auf, in der Fraktion gilt sie als fachlich versiert. Auch in Bremen fiel sie vor allem als Gesundheitspolitikerin auf - thematisch breit aufgestellt ist sie aber bislang nicht. Für den Fraktionsvorsitz müsste sie sich das schnell aneignen.

Vor ein paar Wochen war sie bereits mit Özdemir gemeinsam aufgetreten: Bei Facebook luden beide zur Fragestunde, es ging um die Cannabis-Legalisierung. "Das ist keine Geringere als die Bundestagsabgeordnete aus der schönen Hansestadt Bremen", stellte Özdemir sie vor. Sie sei auch Doktor, bringe eine hohe Kompetenz mit. Die beiden schienen sich gut zu verstehen - und waren zumindest bei diesem Thema einer Meinung.

Sollten das Duo verlieren, wird es Kappert-Gonther wohl weniger schaden als Özdemir. Für ihn könnte es der letzte Versuch sein, politisch noch einmal ganz oben mitzumischen. Kappert-Gonther hat mit ihrer Kandidatur Chuzpe bewiesen - das gestehen ihr auch diejenigen zu, die die gemeinsame Offensive mit Özdemir kritisch sehen. Egal, was bei der Wahl am 24. September passiert, mit ihr wird weiter zu rechnen sein.



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insgesamt 24 Beiträge
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josipawa 15.09.2019
1. Die Frau
hat studiert, hat ihr Studium abgeschlossen, und das noch in einer ernstzunehmenden Disziplin. Zudem hat sie Erfahrung im ersten Arbeitsmarkt und Führungserfahrung. Das ist doch mal was Neues bei den Grünen, mMn darf sie gerne zeigen, was sie kann.
Osservatore 15.09.2019
2. Schwabenstreich
Der olivgrüne Cem ist aber auch ein Fuchs: Eine "linke" Selbstdarstellerin als Lockmittel und Feigenblatt für den linken Flügel, um dann selbst seine sinistren Aufträge von rechts zu erfüllen. Der halbwegs linke Hofreiter kann da nur stören...
cave100 15.09.2019
3. passt
Ja, die Beiden passen wirklich zusammen, deshalb hoffe ich und wünsche mir, dass sie gewählt werden. Ein wirklich schönes Paar und voller Ideen !
NanuNanu 15.09.2019
4. Och Cem...
... lass das lieber mal und bleib zu Hause. Die Grünen wollen doch an den Erfolg bei der Europawahl anknüpfen. Das möchtest du doch nicht versaubeuteln, oder?
frider 15.09.2019
5. Er merkt es nicht
Chem Özdemir merkt nicht das seine Zeit vorüber ist. Die Grünen haben so viel Zuspruch weil sie diese Besetzung an der Spitze haben. Eine Skandalfreie Parteiführung ist sehr wichtig und Anton Hofreiter macht einen guten Job.
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