Grünen-Fraktionsspitze Sager zieht Kandidatur zurück

Krista Sager gibt ihren Posten als Fraktionsvorsitzende der Grünen auf. Damit treten heute nur noch vier Bewerber im Kampf um die Doppelspitze an. Die besten Chancen haben Renate Künast und Fritz Kuhn.


Berlin - Die bisherige Fraktionsvorsitzende Sager verzichtet auf eine Wiederwahl. Das erklärte sie am Morgen im Bayerischen Rundfunk. Damit treten am Nachmittag nach derzeitigem Stand Sagers bisherige Co-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, Verbraucherministerin Künast, Umweltminister Jürgen Trittin und Wahlkampfmanager Kuhn zur Wahl an.

Da waren es nur noch vier: Krista Sager (l.) verzichtet, es bleiben Trittin, Göring-Eckardt, Kuhn, Künast
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Da waren es nur noch vier: Krista Sager (l.) verzichtet, es bleiben Trittin, Göring-Eckardt, Kuhn, Künast

Zur Begründung für ihren überraschenden Verzicht erklärte Sager, die Partei habe sich nach der Rückzugserklärung Joschka Fischers "sehr schnell sortieren" müssen. Wörtlich fügte die Hamburger Politikerin hinzu: "Ich gehe davon aus, dass sich die Fraktion im Moment am meisten Sorgen macht, wie wir als kleinste Oppositionskraft noch genügend öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, und das ist möglicherweise mit einer Neuaufstellung an der Spitze erst einmal der Versuch, das abzusichern."

Sager will stellvertretende Fraktionsvorsitzende werden. Sie habe die Hoffnung, so auch künftig eine entscheidende Rolle zu spielen. Indirekt empfahl sie die Wahl Künasts zu ihrer Nachfolgerin. Künast und Außenminister Fischer seien schließlich die bekanntesten und beliebtesten Grünen. Es wäre dumm, wenn man das nicht ausnützen würde, sagte Sager.

Auch Göring-Eckardt betonte im ZDF-"Morgenmagazin" die Notwendigkeit eines Neuanfangs für ihre Partei nach dem Rückzug Joschka Fischers. Man müsse zeigen, dass die Grünen "keine Ein-Generation-Partei" seien, sagte Göring-Eckardt. Dies sei wichtig, um mit "eigenständigen" Konzepten neue Zielgruppen zu erreichen. Zudem komme es darauf an, die wahrscheinliche Große Koalition "vor sich herzutreiben".

Zu möglichen Koalitionen sagte Göring-Eckardt, sie sehe keine große Schnittmenge mit der Union. Solange viele Grundsätze, auf die sich die C-Parteien beriefen, von ihnen selbst missachtet würden, "solange wird es kein Zusammengehen geben". Zugleich ging die Grünen-Politikerin davon aus, dass die Union den nächsten Kanzler stellen wird.

Als Favoriten für den Berliner Fraktionsvorsitz gelten die beiden ehemaligen Parteichefs Kuhn und Künast. In der "K. u. K.-Ära" schaffte es die Parteizentrale im Jahr 2000, nach lange währender Bedeutungslosigkeit wieder eine gestaltende Rolle einzunehmen. Kuhn regierte eisern nach innen und drohte etwa, jeden nicht abgestimmten Steuervorschlag "in 15 Minuten" zu dementieren. Künast war laut und lustig und verbreitete nach außen das, was den grünen Weltverbesserern sonst oft abging: Lebenslust und Wärme.

Auch der Segen des scheidenden Herrschers scheint auf dem Duo zu liegen. Am Abend des Wahlsonntags plädierte Fischer im internen Führungskreis dafür, Personalfragen erst mal zu vertagen - um 36 Stunden später selbst vorzupreschen. "Ich war ärgerlich", bekennt die Fraktionsvorsitzende Sager, die nur Minuten vor der Sitzung erfuhr, dass Fischer gleich verzichten würde.

Ein Kampf der Außenseiter gegen ein gesetztes Traumpaar wird die Abstimmung freilich nicht. 12 der 51 Abgeordneten sind neu und entsprechend schwer auszurechnen. Zudem werben die vermeintlich schwächeren Kandidaten geschickt mit Alleinstellungsmerkmalen: Göring-Eckardt inszeniert sich als junge Konservative aus dem Osten ("Ich kann Strümpfe stricken"), die den alternden 68ern neue Wähler erschließen könne. Umweltminister Trittin legt Wert darauf, der einzige wahre Linke im Bewerberfeld zu sein - die einstige Flügelfreundin Künast, die sich aus den klassischen Lagern zurückgezogen hat, brandmarkt er als "Reala".

Künast will nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" im Falle ihrer Wahl ihr Ministeramt vorzeitig niederlegen, um Kritik aus ihrer Partei an einer Doppelfunktion zuvorzukommen.

Die interne Wahl ist nur eine Vorentscheidung über die künftige Nummer eins. Denn die beiden neuen Fraktionsvorsitzenden müssen sich noch mit den Parteisprechern, Reinhard Bütikofer, 52, und Claudia Roth, 50, auseinander setzen. Wirklich abgerechnet wird erst vor der nächsten Bundestagswahl, wenn ein Spitzenkandidat nominiert werden muss. Nur so viel stehe fest, sagt einer aus dem Kreis der Bewerber: "Wer jetzt verliert, wird es auf keinen Fall".



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