SPD-Chef Gabriel auf Parteitagsbesuch Der grüne Hoffnungsträger

Kämpfen, kämpfen, kämpfen. So lautet das Motto von SPD-Chef Sigmar Gabriel - das lässt er die grünen Delegierten beim Parteitagsbesuch spüren. Sein furioser Auftritt macht den potentiellen Koalitionären Hoffnung. Das überlagert manche grüne Unstimmigkeit.

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Berlin - Der Saal tobt. Die begeisterten Delegierten stehen von ihren Stühlen auf, pfeifen, johlen. Sigmar Gabriel ist nicht zu beneiden, als er in diesem Moment ans Rednerpult im Berliner Velodrom tritt. Gerade hat Grünen-Chefin Claudia Roth eine Rede gehalten, wie man es auf einem Parteitag lange nicht erlebt hat. "Und ich bin jetzt die arme Sau, die nach ihr reden muss?", sagt Gabriel. "Das kannste dem Joschka Fischer ausrichten, von wegen, er sei der letzte Rock'n'Roller der deutschen Politik gewesen."

Aber so viel darf schon verraten sein: Auch der SPD-Chef legt einen richtig guten Auftritt hin. Trotz seiner Vorrednerin - und trotz der Vorbehalte beim Publikum.

Schließlich hat es das noch nie gegeben, dass ein SPD-Vorsitzender vor grünen Delegierten spricht. Erst redete Claudia Roth auf dem Genossen-Parteitag vor 14 Tagen, auch ein Novum, nun ist Gabriel zum Gegenbesuch da. Allerdings kommt der Auftritt zu einem Zeitpunkt, da bei den Grünen der Glaube an eine Koalition mit den Sozialdemokraten immer mehr schwindet, auch wenn man sich im Wahlprogramm zu Rot-Grün bekennt. Weil die SPD und ihr Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in den Umfragen weiterhin schwächeln. Wie soll das noch werden bis zum 22. September, fragen sich viele.

Aber es gibt ja noch Sigmar Gabriel. Der hat sein ganzes politisches Leben in einer Art Kampfmodus verbracht, weshalb ihm die eigenen Leute zwar die Kanzler-Reife absprechen - aber als Wahlkämpfer gibt es keinen besseren in der SPD. Das dürfen in der kommenden knappen halben Stunde nun auch die Grünen erleben.

"Der Sozi kann ja doch noch kämpfen. Respekt."

"Ihr habt mich eingeladen, da müsst ihr jetzt durch", ruft er den rund 800 Delegierten zu. Und dann legt Gabriel los: Lobt zunächst mal ausführlich die Grünen, spricht von einer "besonderen Partei" mit "eigenen Wurzeln und eigenen Prinzipien". Das kommt schon mal gut an, denn die grüne Eigenständigkeit hat die Partei zu einer Art Mantra erhoben. Und dann ist der SPD-Chef schon beim gemeinsamen Gegner: Schwarz-Gelb. "Nichts fehlt diesem Land mehr, als eine Politik, die sich wieder an Prinzipien und Werten orientiert und bei der Reden und Handeln wieder übereinstimmen", sagt Gabriel.

"Deutschland ist erneuerbar" lautet das Motto des Wahlprogramm-Parteitags, in großen weißen Buchstaben ist das auf dem grünen Bühnenhintergrund zu lesen. So ähnlich lautet die Botschaft Gabriels. "Die betreiben eine Politik ohne Morgen", sagt er über die Merkel-Regierung, SPD und Grünen dagegen könnten zusammen "einen zweiten Aufbruch schaffen".

Aber dafür müssten Sozialdemokraten und Grüne, jeder für sich wohlgemerkt, bei den Wählern bis zum 22. September kämpfen. "Die Gegner sind Fatalismus und ein Ohnmachtsgefühl", sagt Gabriel. Das gefällt den grünen Delegierten, der Beifall wird immer lauter. Der kämpferische Gabriel macht den Grünen Hoffnung, vielleicht kann das ja doch noch klappen mit der SPD.

Omid Nouripour, Frankfurter Bundestagsabgeordneter und alles andere als der SPD-Nähe verdächtig, sagt nach Gabriels Rede: "Der Sozi kann ja doch noch kämpfen. Respekt." Und der schwarz-grüne Vordenker und Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer meint: "Da gab es nichts zu meckern." Gabriel habe dem Parteitag die Überzeugung vermittelt, "gemeinsam mit der SPD auf der Seite des Guten zu stehen".

"Wie in einer Zweierbeziehung: Schauen, ob es noch etwas Besseres gibt"

Und das kommt bei den Grünen immer gut an. Der Steuerstreit dagegen, der den Auftakt des Parteitags überlagerte, hat viele Delegierte schlicht genervt. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte die Parteiführung am Freitag zum wiederholten Mal vor zu großen Belastungen für den Mittelstand gewarnt, was auch die Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt als eher unfreundlichen Akt verstehen mussten.

Am Samstagmorgen bei der Debatte über das Haushaltskapitel spielte der Streit dann schon keine Rolle mehr: Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent ab 80.000 Euro Jahreseinkommen und die Einführung einer Vermögensabgabe wurden genauso ohne Gegenanträge beschlossen wie die Forderung nach einer Verdopplung des Erbschaftssteueraufkommen und der Abschmelzung des Ehegattensplittings.

SPD-Chef Gabriel kennt diese Belastungs-Debatten aus dem eigenen Laden. Obwohl er am Ende seiner Rede nochmals darauf hinweist, dass Sozialdemokraten und Grüne "keine Schwesterparteien sind und kein Fleisch vom eigenen Fleisch, das ist alles Quatsch". Und deshalb sieht Gabriel auch die Debatten über mögliche andere Koalitionspartner gelassen. "Das ist wie einer Zweierbeziehung: Bevor man zusammenzieht, schaut man im Viertel nach, ob es noch etwas Besseres gibt."

Aber dass SPD und Grüne im Herbst zusammenkommen, daran gibt es aus Gabriels Sicht keinen Zweifel. Und nach seinem vielbeklatschten Auftritt im Velodrom dürfte auch bei manchem Grünen die Hoffnung wachsen, dass es vielleicht doch noch für ein Bündnis mit den Sozialdemokraten reicht.

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Seite 1
kampftier 27.04.2013
1. Oh mein Gott ....Armes Deutschland ..
Zitat von sysopREUTERSKämpfen, kämpfen, kämpfen. So lautet das Motto von SPD-Chef Sigmar Gabriel - das lässt er die grünen Delegierten beim Parteitagsbesuch spüren. Sein furioser Auftritt macht den potentiellen Koalitionären Hoffnung. Das überlagert manche grüne Unstimmigkeit. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruenen-parteitag-spd-chef-gabriel-begeistert-mit-gastrede-a-896962.html
Alle mir nach,ich bin der letzte (Wille) SPD-Chef Sigmar Gabriel.
Worldwatch 27.04.2013
2. "Der grüne Hoffnungsträger"
'Hoffnungen' sterben bekanntlich zuletzt. Auch wenn diese voellig surreal seien.
pollo 27.04.2013
3. Und Steinbrück
Wem nützt jetzt dieser Auftritt? Mir wäre es lieber gewesen Steinbrück hätte auf dem Parteitag gesprochen.Aber ich bin mir auch so sicher,das wir nach der Wahl eine Überraschung erleben werden.Nach dem Motto,was kratzt mich mein Geschwätz von gestern.
Pandora0611 27.04.2013
4. Gegenbesuch
Zitat von sysopREUTERSKämpfen, kämpfen, kämpfen. So lautet das Motto von SPD-Chef Sigmar Gabriel - das lässt er die grünen Delegierten beim Parteitagsbesuch spüren. Sein furioser Auftritt macht den potentiellen Koalitionären Hoffnung. Das überlagert manche grüne Unstimmigkeit. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruenen-parteitag-spd-chef-gabriel-begeistert-mit-gastrede-a-896962.html
rot-grün = "back to the past" Das gab's schon mal unter Gaz-Gerd. Die Folgen kennen wir. Und wer will schon "Dosen-Willi als Vizekanzler und P€€R Geldbrück als Kanzler? Keiner, der noch seine 5 Sinne beisammen hat, will das. Und wer will einen "Finanzminister" Trittin und eine "Außenministerin" Roth? Sie waren rot (KBW) und malten sich dann grün an, ... und spielen sich jetzt als Robin Hood auf. Und gerade Bonusmeilen-Özdemir, der nach dem Hunzinger-Skandal nach Brüssel geflüchtet ist, stellt sich als "Retter des kleinen Mannes" dar. Und dann mußte auch noch Siggi Pop die verschlafenen Grünlinge "aufwecken". rot-grün macht sich eben gegenseitig Mut. Sie haben ja auch das gleiche Programm: "Steuererhöhungen"!
hesse 27.04.2013
5. Bedeutung der Verben
Zitat von sysopREUTERSKämpfen, kämpfen, kämpfen. So lautet das Motto von SPD-Chef Sigmar Gabriel - das lässt er die grünen Delegierten beim Parteitagsbesuch spüren. Sein furioser Auftritt macht den potentiellen Koalitionären Hoffnung. Das überlagert manche grüne Unstimmigkeit. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruenen-parteitag-spd-chef-gabriel-begeistert-mit-gastrede-a-896962.html
Man kämpft nicht um Stimmen, sondern man bemüht sich um sie. Man kämpft an der militärischen Front, oder um sein Leben. Wir sollten wie die Franzosen mehr um die korrekte nationale Sprache bemüht sein.
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