Bundesparteitag Grüne Gruppentherapie

Vier Wochen nach der Bundestagswahl suchen die Grünen noch immer nach Orientierung. Auf dem Parteitag in Berlin fordert Jürgen Trittin unter großem Jubel ein Weiter-So, Winfried Kretschmann hingegen verlangt eine Richtungsänderung und lobt die Kanzlerin. Die Delegierten schwanken.

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Berlin - Zum Glück gibt es an diesem Abend die Abschiede. Wenn jemand lange genug den Karren gezogen und nicht alles dabei falsch gemacht hat, will am Ende ja kaum einer meckern. Plötzlich sind alle ganz gerührt. "Mensch, die Renate…" oder "Ach, der Jürgen…". So ist das am Freitagabend im Berliner Velodrom, wo sich die Grünen zu ihrem Bundesparteitag versammeln. Die langjährige Fraktionschefin Renate Künast wird genauso aus der ersten Reihe verabschiedet wie der grüne Vordermann Jürgen Trittin.

So einen Abschied verdienen Künast und Trittin, da sind sich die rund 800 Delegierten in der Radrennhalle einig.

Aber das war es dann auch schon mit Einigkeit an diesem Abend. Stundenlang geht es unter der Überschrift "Aussprache" hin und her. Aussprechen will man sich über die Gründe für das miserable Ergebnis bei der Bundestagswahl vor knapp einem Monat, über die jüngst gescheiterten Sondierungsgespräche mit der Union - und die Frage, wo die Grünen in Zukunft hin wollen. Antworten? Gefühlt einige hundert.

War die Partei zu "klugscheißerisch", wie eine Delegierte meint? Hat man sich zu sehr an die SPD gekettet, wie einige Redner beklagen? Oder sind die Grünen möglicherweise schon im Wahlkampf zu wenig geschlossen gewesen?

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Bundesparteitag in Berlin: Grüne ringen um neuen Kurs

Das sind nur einige der Fragen, die an diesem Abend aufgeworfen werden. Im Kern geht es allerdings nur um eine: Haben die Grünen im Wahlkampf auf die falschen Themen gesetzt oder nicht. Denn daraus ergeben sich Antworten auf beinahe alle anderen Fragen. Und damit treffen auf diesem Parteitag noch einmal die großen Antipoden der vergangenen Monate aufeinander: Jürgen Trittin und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

"Man kann nicht verlangen, auf grüne Inhalte zu verzichten"

Trittin, neben Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat im Wahlkampf, greift Kretschmann gleich zu Beginn seiner Rede frontal an. "Ich kann den Eindruck nicht teilen, dass diese Partei aus der Spur geraten sei", sagt er in Anspielung auf die Zitat-Überschrift im jüngsten SPIEGEL-Interview mit Kretschmann. Manche hatten ja mit einem milden Trittin auf dem Parteitag gerechnet - von wegen: Der gewesene Spitzenmann hält eine so kämpferische Rede, wie man sie lange nicht mehr von ihm gehört hat.

"Wir haben Fehler gemacht", sagt er und klopft sich dabei auf die Brust. Vor allem, weil man die Veränderungsbereitschaft der Gesellschaft überschätzt und sich gleichzeitig zu angreifbar gemacht habe. "Das Programm war zu genau und grundsolide", sagt Trittin. Das Programm, das die grünen Delegierten am gleichen Ort im vergangenen April beinahe einstimmig verabschiedet hatten. "Das macht angreifbar, wenn die Gegenseite keine Angriffsfläche bietet." Gemeint ist die Union. Das hätte man wissen und deshalb anders kommunizieren müssen. Aber ein zu linkes Programm? Absoluter Quatsch aus Trittins Sicht.

Genau wie die Behauptung, man hätte die Sondierung mit der Union absichtlich zum Scheitern gebracht. "Man kann von uns nicht verlangen, auf grüne Inhalte zu verzichten", sagt er unter großem Jubel. Gerade bei der Energiewende sei die Union nicht zu einem Systemwechsel bereit gewesen - "das ist mit Grünen nicht zu machen".

Jedenfalls nicht mit diesen arg gerupften Grünen, die zudem mit einer größtenteils neuen Führung in die Zukunft gehen. Ein Wahlgewinner Trittin hätte mit einer schwachbrüstigeren Union möglicherweise alle möglichen Kompromisse aushandeln und anschließend seiner Partei schmackhaft machen können, aber es ist anders gekommen.

"Merkel hat ihre Partei in die Mitte getrieben"

Stattdessen muss sich Trittin nun von Kretschmann darüber belehren lassen, dass die Grünen "den Herausforderungen nicht gerecht geworden sind". Und das, Kretschmann brüllt es in den Saal, "ist schlimm". Kretschmann ist in den ersten Minuten seiner Rede so engagiert, mitunter überschlägt sich seine Stimme, dass sich mancher Sorgen um die Gesundheit des Ministerpräsidenten macht. Man merkt, wie wichtig ihm diese Sache ist.

Diese Sache heißt: zurück zu den Wurzeln. Die Grünen haben aus Kretschmanns Sicht ihren ökologischen Kern im Wahlkampf vernachlässigt - "für alle anderen Fragen gibt es schon andere Parteien", ruft er. Und dann kommt der Konter gegen Trittin: Dass die Partei aus der Spur geraten sei, "fand ich milde formuliert". Zwar lobt er seinen Gegenspieler anschließend für dessen große Kompetenz, "das habe ich gerade erst in der Sondierung erlebt" - aber das ist wohl nur ein rhetorischer Trick.

Kretschmann hat eine andere Vision von den Grünen als Trittin, er will die Partei in der Mitte positionieren. Dass eine Koalition mit Angela Merkel jetzt nicht möglich war, war auch ihm klar, aber sein Blick auf die Kanzlerin ist ein gänzlich anderer als der Trittins. "Die Frau hat ihre Partei wirklich in die Mitte getrieben", sagt er. Kretschmann spricht über Merkel voller Bewunderung.

Baden-Württembergs Regierungschef verlangt einen neuen Sound von seiner Partei: "Nicht immer polarisieren, wo es gar nichts zu polarisieren gibt." Trittin dagegen schwört seine Partei auf neue Kämpfe ein, beispielsweise bei der Umsetzung der Energiewende oder in der Auseinandersetzung mit der Autoindustrie um schadstoffärmere Fahrzeuge.

Wie wird es ausgehen? Fortsetzung folgt: Am Samstagmorgen setzt der Parteitag die Aussprache fort.

insgesamt 119 Beiträge
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Skandalreporter 18.10.2013
1. Tja ohne Atom läuft es nicht mehr.
Die Grünen hatten sich so sehr auf das Atomthema eingeschaukelt, dass der Fuchs Merkel ihnen quasi ihre Existenzgrundlage geraubt hat, wenn sie nicht bald mit überzeugender Politik kommen und nur immer weiter nach Links rücken, dann wird es auch weiter Berg ab gehen.
isthiernocheinNamefrei? 18.10.2013
2. Man kann ja mal...
auf den Wähler hören und sich das nächste Landtagsergebnis in BW angucken. Das dauert zwar noch etwas, aber ich vermute, es wird besser als das Bundesergebnis!
pjcomment 18.10.2013
3. Links und rechts
Die Grünen sollten "links" und "rechts" aus dem Vokabular streichen und sich konsequent an Kernthemen orientieren. Koalitionen sind keine Prinzipienfrage (es sei denn, man schließt sie im Wahlkampf aus - wovon ich abrate), sondern ein Kernelement unserer Demokratie. Grün wähle ich nicht, weil ich Rot-Grün will, sondern weil ich mehr-grün will (in welcher Koalition auch immer!). Dafür braucht es eine Partei, die genug Charakter hat, um davor keine Angst zu haben. Kretschmann ist für solchen abgebrühten Pragmatismus der richtige Mann.
wernd 18.10.2013
4. Bei aller Brilianz und Intelligenz...
von Trittin. Leider konnte er seine alten kommunistischen Reflexe nicht im Zaum hatten. So hat er seine groesste politische Chance vermasselt. Das Programm der Gruenen hat zu sehr auf Klassenkampf und zu wenig auf Öko gesetzt. Tragisch, aber ist so. Kretschmann hat Recht.
saaman 18.10.2013
5. Der Schwank der Grünen
Kretschmann oder Trittin, wer hat recht? Der Erfolgreiche oder der Versager? Der ernst zu nehmende oder der Sprücheklopfer? Der Schwabe oder der Norddeutsche? Für mich haben die Grünen ein riesiges Zukunftsproblem, wenn sie sich weiterhin auf die Seite des dummköpfigen, Sprüche klopfenden Versagers Trittin stellen. Mit dem kann man keine Wahlen gewinnen. Er hat die Partei nach unten gezogen. Mit dem besonnenen und weitsichtigen Kretschmann schon. Er hat die Partei in seinem Bundesland an die Spitze gebracht.
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