Pädophilie-Debatte Trittin kämpft um seinen Ruf

Für die Grünen kommt es richtig dick: Erst die miesen Umfragezahlen, dann das schlechte Ergebnis in Bayern, und nun ist Spitzenkandidat Jürgen Trittin in die Pädophilie-Debatte verstrickt. Das macht ihn im Wahlkampffinale leicht angreifbar.

Von


Berlin - Er ist ein absoluter Profi. Mehr als ein halbes Leben in der Politik, nach seinem Studium hat Jürgen Trittin nie etwas anderes gemacht. War Parteichef, Landes- und Bundesminister. Trittin muss deshalb niemand erklären, was diese Geschichte für seine Kampagne als Spitzenkandidat, was sie für den Wahlkampf der Grünen bedeutet: ein Desaster.

Dafür hält er sich an diesem Montagmittag bei einem Auftritt vor Journalisten sehr ordentlich. Erklärt und erläutert, ruhig und souverän.

Aber es ist am Ende doch nur Schadensbegrenzung, die Trittin leisten kann. Sechs Tage vor der Bundestagswahl steckt er mitten in der Pädophilie-Debatte. Die "taz" veröffentlichte am Montag einen Beitrag des Parteienforschers Franz Walter, der im Auftrag der Grünen die Pädophilen-Verstrickung der Partei Anfang der Achtziger untersucht - und bei dieser Recherche just auf Trittin gestoßen ist. 1981 hatte dieser presserechtlich das Programm einer grünen Liste in Göttingen verantwortet, das unter anderem forderte, Sex zwischen Erwachsenen und Kindern unter bestimmten Bedingungen straffrei zu stellen.

So haben es Professor Walter und seine Forscher am Göttinger Institut für Demokratieforschung recherchiert - und Trittin streitet nichts davon ab. Im Gegenteil, er räumte schon gegenüber der "taz" den Vorfall und sein Fehlverhalten ein. So hält es Trittin auch bei der Pressekonferenz. "Die Position ist falsch, war falsch und wurde von uns zu spät korrigiert", sagt er. "Dafür trage auch ich die Verantwortung, es sind auch meine Fehler."

Für seine Verhältnisse macht Trittin einen geradezu zerknirschten Eindruck, aber was hilft das jetzt noch?

Trittin in der Falle

Der Spitzenkandidat sitzt eine knappe Woche vor der Bundestagswahl in der Falle. CDU-Bundesfamilienministerin Kristina Schröder spricht von "blankem Hohn gegenüber allen Missbrauchsopfern", schon kommen die ersten Rücktrittsforderungen von Unionspolitikern wie JU-Chef Philipp Mißfelder oder CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. In diesen Tagen wird im Wettstreit der Parteien eben nicht mehr differenziert, sondern verbal geschrotet. Das weiß ein ausgebuffter Wahlkämpfer wie Trittin selbst am besten.

CSU-Mann Dobrindt hatte schon im Bayern-Wahlkampf versucht, die Grünen als Pädophilen-Partei zu diskreditieren - möglicherweise mit Erfolg, wenn man sich deren miserables Ergebnis anschaut. Auch im hessischen Landtagswahlkampf stehen die Grünen deshalb unter Beschuss. Aber nun können sich Dobrindt & Co. am Grünen-Spitzenkandidaten höchstpersönlich abarbeiten. Klugerweise hält sich die FDP, der zuletzt genau wie ihrer damaligen Jugendorganisation Freie Jungdemokraten bis Anfang der achtziger Jahre ebenfalls ein problematisches Verhältnis zu pädophilen Aktivisten nachgewiesen wurde, dabei auffallend zurück.

Auszug aus dem von Trittin verantworteten Wahlprogramm von 1981
Grüne Göttingen

Auszug aus dem von Trittin verantworteten Wahlprogramm von 1981

Trittin erfuhr am Sonntagnachmittag von dem Fund der Göttinger Forscher, an die konkreten Inhalte des Programms von 1981 kann er sich nicht erinnern. Aber für ihn war sofort schlüssig, dass pädophile Forderungen enthalten waren, zumal auch das grüne Grundsatzprogramm von 1980 entsprechende Ideen vertrat. Aber warum ist Trittin nicht selbst auf die Idee gekommen, vor Monaten die eigenen Spuren in der Pädo-Debatte von einem Mitarbeiter beleuchten zu lassen? Dann hätte er in aller Souveränität und lange vor der Bundestagswahl sein Fehlverhalten aufgezeigt. So kann man auch den Eindruck gewinnen, Trittin gebe nur zu, was ohnehin nicht mehr zu leugnen ist. Doch das will er nicht einsehen, genau wie seine Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt. Ihr gemeinsames Credo: Man habe den Forscher Walter zur Aufarbeitung bestellt, Punkt.

So wenig ihnen die Veröffentlichung Walters in den Kram passt, sie loben den Politologen demonstrativ für seine damit zur Schau gestellte Unabhängigkeit. "Dafür haben wir ihn beauftragt", sagt Göring-Eckardt. Auch der Parteienforscher betont seine Unabhängigkeit: "Es ist verabredet, dass wir alles, was wir herausfinden, zum frühestmöglichen Zeitpunkt veröffentlichen." Auf den Trittin-Vorgang seien seine Leute Ende vergangener Woche gestoßen, sagt Walter.

Walters Veröffentlichung stürzt die Grünen nun noch tiefer in die Krise. Dabei sind die Umfragewerte bereits im Keller, das miese Ergebnis in Bayern versuchte man am Sonntagabend noch als Weckruf schönzureden. Und Spitzenkandidat Trittin kämpft bis zur Bundestagswahl nicht mehr nur gegen den Absturz seiner Partei und seine Zukunft, sondern auch um seinen persönlichen Ruf.

Trittin und Göring-Eckardt wollen versuchen, die Grünen im Finale aus der Defensive zu holen und wieder inhaltlich zu punkten: "Es geht darum, in welche Richtung sich unser Land entwickelt", sagt die Spitzenkandidatin. Die Energiewende könne nur mit den Grünen gelingen, Gleiches gelte für die Modernisierung der Gesellschaft - gleichzeitig warnt sie vor der Großen Koalition, auf die die Wahl wohl hinausläuft.

"Die Grünen werden eine Woche lang alles geben und um jede Stimme kämpfen", sagt Trittin. Er klingt sehr trotzig.

insgesamt 306 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jan07 16.09.2013
1.
Es wäre viel überzeugender, wenn endlich mal ein Grüner für seine Verfehlungen dieselben Konsequenzen zöge, wie die Grünen in vergleichbaren Situationen von Anderen fordern. Deshalb: Herr Trittin, Herr Beck, Herr Cohn-Bendit - wir warten auf Ihre Rücktritte!
Bondurant 16.09.2013
2. Nun
Zitat von sysopGrüne Göttingen Für die Grünen kommt es richtig dick: Erst die miesen Umfragezahlen, dann das schlechte Ergebnis in Bayern, und nun ist Spitzenkandidat Jürgen Trittin in die Pädophilie-Debatte verstrickt. Das macht ihn im Wahlkampffinale leicht angreifbar. Grünen-Spitzenkandidat Trittin unter Druck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruenen-spitzenkandidat-trittin-unter-druck-a-922510.html)
mit dem "Diskreditieren" ist das so eine Sache. Immerhin war man damals durchaus der Ansicht, das mit den Kindern sei eigentlich nicht so schlimm, wenn man es denn richtig machte. Siehe Cohn-Bendits berüchtigte Beschreibung in "Der große Bazar". Auch wenn das Fiktion war, wie kommt man denn auf sowas? Und auch wenn man inzwischen bessere Einsichten gewonnen haben sollte - so richtig ran will man an das Thema nicht. Zwar genügen einem bei der katholischen Kirche durchaus einige verbrecherische Priester, um den ganzen Laden zu verteufeln. Bei den Grünen aber geht's genau andersrum: die "Einzelfälle" haben doch mit der Parteilinie nix zu tun. Tja.
sichersurfen 16.09.2013
3. Rücktritt
Zitat von sysopGrüne Göttingen Für die Grünen kommt es richtig dick: Erst die miesen Umfragezahlen, dann das schlechte Ergebnis in Bayern, und nun ist Spitzenkandidat Jürgen Trittin in die Pädophilie-Debatte verstrickt. Das macht ihn im Wahlkampffinale leicht angreifbar. Grünen-Spitzenkandidat Trittin unter Druck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruenen-spitzenkandidat-trittin-unter-druck-a-922510.html)
Es bleibt wohl nur sein sofortiger Rücktritt. So unterschiedlich kann der heutige Auftritt von Trittin beurteilt werden: DIE ZEIT ONLINE Der Politikprofi wirkt ungewöhnlich nervös und unsicher, als er ans Rednerpult tritt. Trittin liest seine Erklärung Wort für Wort vom Blatt ab. Die Stimme ist brüchig, das Papier vibriert in seinen Händen. SPON Dafür hält er sich an diesem Montagmittag bei einem Auftritt vor Journalisten sehr ordentlich. Erklärt und erläutert, ruhig und souverän.
noalk 16.09.2013
4. Den Kampf dürfte er schon verloren haben
Politiker, die bei Fehltritten anderer lautstark Konsequenzen fordern, müssen damit rechnen, dass diese Keule auch mal sie selber trifft. Göring-Eckart ebenso. Die Ausrede, man habe Walter selber bestellt, zieht nicht. Offenbar haben beide gehofft, dass der ihnen nicht auf die Spur kommt. Oder anders gesagt: Warum brauchen sie einen "Ermittler", wenn sie selber schon Bescheid gewusst haben?
Lok Leipzig 16.09.2013
5. Heuchler
Wenn Trittin und all die anderen grünen Tugenbolde die eigenen moralischen und politischen Maßstäbe an sich selbst anlegen, dann bleibt nur Trittins Rückzug aus der Politik. Cohn-Bendit hätts schon längst sein Mandat als Abgeordneter im Europa-Parlament niederlegen müssen, wenn er nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe hätte. Es ist halt leichter, politische Gegner zu diffamieren, die Moralkeule gegen andere zu schwingen, als die Konesquenzen für eigene Fehler zu tragen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.