Grünen-Vorsitz Realo-Bewerber laufen links ins Leere

Zwei Grüne, eine Position, keine Klarheit: Für die Nachfolge von Parteichef Bütikofer treten mit dem Europapolitiker Özdemir und Berlins Fraktionschef Ratzmann zwei Vertreter des Realo-Lagers an - und beide hoffen auf die Stimmen der Linken. Begeistert ist man dort von keinem der Kandidaten.

Berlin/Hamburg - Claudia Roth ist noch immer begeistert. Sie jubelt, ballt kurz die Faust: "War das ein Spiel." Altintop, Hakan und Emre sind im Viertelfinale - das verzückt die Grünen-Chefin, die von der Türkei als ihrer "zweiten Heimat" spricht. "Glückwunsch!", ruft sie mit erkältungsheiserer Stimme dem türkischen Journalisten zu.

Da würde es doch gut passen, wenn Roth demnächst einen Mann türkischer Abstammung an ihrer Seite hätte. Cem Özdemir, selbsternannter "anatolischer Schwabe", tritt im Finale auf dem Bundesparteitag im November in Erfurt für den Co-Vorsitz der Grünen an. Endspielgegner um die Nachfolge des scheidenden Reinhard Bütikofer ist der Chef der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Volker Ratzmann.

Doch so weit geht Roths Liebe zur Türkei dann doch nicht.

Also reiht sie sich am Montag in die Riege derer ein, die die anstehende Kampfkandidatur zwischen den beiden Realos Özdemir und Ratzmann höflich begrüßen: Von einem "guten Vorgang für die Grünen" spricht sie nach der Sitzung des Parteirates, von einem "Ausdruck lebendiger Parteikultur". Dass am Ende einer der Kandidaten oder seine Fürsprecher beschädigt aus dem Zweikampf hervorgehen könnten, glaubt Roth nicht: "Es wird eher eine mobilisierende, politisierende als schädigende Phase."

"Wir bringen eine geile Band auf die Bühne"

Mancher hat jedenfalls schon einige Schrammen davongetragen. Die sächsische Fraktionsvorsitzende Antje Hermenau, eine Unterstützerin Özdemirs, hatte sich in der "taz" zu Wort gemeldet - mit einer Attacke auf den linken Flügel der Partei, den Roth repräsentiert. Die anstehenden Debatten um den künftigen Realo-Part in der Führung zeigten, dass die Musik im Lager der Pragmatiker spiele, sagte Hermenau. Die Linke werde zum "reaktionären Teil" der Partei.

Im Parteirat wurde Hermenau dafür gerüffelt, so ist zu hören, "dümmlich" nennt man die Zitate im Linken-Lager. Grünen-Chefin Roth versuchte immerhin, ihre Kritik diplomatisch zu verpacken: Sie komme ja selbst aus dem Musik-Business, sagte die vormalige Managerin der Band "Ton, Steine, Scherben" - und habe Hermenau nun zu einem Konzert eingeladen, bei dem sie sehen werde, dass in der Parteilinken gute Musik gemacht werde: "Wir bringen da schon eine ziemlich geile Band auf die Bühne."

Aus Sicht der Parteilinken läuft das Vorsitzenden-Rennen wohl auf folgende Frage hinaus: Wer ist der weniger schlechte der beiden Kandidaten? Denn besonders glücklich, das verlautet aus dem linken Lager, ist man auch mit dem Bewerber Ratzmann nicht - obwohl er von Bundestagsfraktions-Chefin Renate Künast unterstützt wird. Sie zählt zu den sogenannten Regierungslinken.

"Das belebt die innerparteiliche Demokratie"

Zu sehr hat Ratzmann zuletzt auf eine Jamaika-Koalition gesetzt, zu heftig die Lafontaine-Truppen attackiert. Wenn auch nur in Berlin und da wohl auch mehr als Mittel einer eher plumpen Form der Oppositionspolitik - beliebt macht man sich so nicht beim traditionellen Grünen-Flügel.

"Ich hoffe, dass er damit aufhört", sagt Julia Seeliger, seit ihrem Auftritt vor zwei Jahren auf dem Parteitag in Köln eine der wahrnehmbaren Stimmen der Parteilinken. Sie tue sich deshalb schwer, sagte das Parteiratsmitglied SPIEGEL ONLINE, klar Position für Ratzmann zu ergreifen - auch wenn sie zu dem Kandidaten aus Berlin tendiere. Dass Ratzmann am Montag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP eine schwarz-grüne Koalition selbst auf Bundesebene nicht ausschließen wollte, wird ihm bei Seeliger kaum weiteren Kredit bringen.

Noch zurückhaltender geben sich andere Vertreter der Parteilinken. Astrid Rothe-Beinlich beispielsweise, Mitglied des Grünen-Bundesvorstands, will sich bisher für keinen der Kandidaten festlegen. "Ich bin gespannt, wie sich die beiden in den kommenden Monaten präsentieren werden", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Rothe-Beinlich, Grünen-Chefin in Thüringen und frauenpolitische Sprecherin ihrer Partei, will auf zwei Themengebiete besonders achten: "Ich möchte wissen, wie sich Özdemir und Ratzmann zum Thema Ostdeutschland und der Frauenpolitik positionieren."

Auch Bärbel Höhn, Fraktionsvize im Bundestag, will noch keinem Kandidaten ihre Unterstützung aussprechen. "Ich finde es spannend, dass zwei Bewerber antreten, das belebt die innerparteiliche Debatte und Demokratie", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Es handele sich um zwei gute Kandidaten, "aber festgelegt habe ich mich noch nicht".

Das gelte, glaubt die ehemalige Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen, für die meisten auf dem linken Flügel. Ohnehin würden die Linken sich nicht geschlossen für den einen oder anderen aussprechen. "Das wird nicht passieren", sagt Höhn. "Die Frage wird für jeden einzelnen Delegierten sein: Wer hat die überzeugenderen Argumente?"

Der Wahlkampf hat begonnen - auch über Bande

So schwer die Flügel-Festlegung bei den Grünen geworden ist - Basislinke und Regierungslinke hier, Realos und Reformer dort - so wenig einig scheinen die einzelnen Gruppierungen in der Vorsitzenden-Frage zu sein. Wenn die Realos Ende der Woche in Berlin zu einem zweitägigen Treffen zusammenkommen, sollte eigentlich die Unterstützung der Truppe für Özdemir als Ergebnis stehen. Nur: Ratzmann soll bei der Klausur ebenfalls für sich werben dürfen. Und reden, das räumen selbst ihm weniger Wohlgesinnte ein, das kann der Rechtsanwalt wirklich.

Offensichtlich hatten manche Realos noch bis zum Wochenende versucht, Ratzmann von seiner Kandidatur abzuhalten. Aber dafür war es wohl schon zu spät. Dafür hört man jetzt, das Festhalten von Künast an ihrem Kandidaten und das klare Bekenntnis für Ratzmann schade diesem. "Die Partei will keinen Adlatus von Renate", sagt ein Insider.

Wettbewerb um die radikalste Schlagzeile?

Der Kampf um die Nachfolge Bütikofers ist jedenfalls endgültig eröffnet. Und dabei wird - nach alter Grünen-Tradition - auch gerne über Bande gespielt. Kaum hatte Ratzmann der "Stuttgarter Zeitung" ein großes Interview zum Thema Umweltpolitik gegeben, wurde ein Konter organisiert: Der verkehrspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, Werner Wölfle, griff den Kandidaten scharf an - in einer Stellungnahme, die SPIEGEL ONLINE zugespielt wurde.

"Er hat über seine Forderung, ein Verkaufsverbot für Autos mit großem CO2-Ausstoß auszusprechen, nicht lange genug nachgedacht. Wir können doch bedeutenden Autoherstellern wie Porsche oder Daimler nicht einfach große Teile der Produktion verbieten", sagt Wölfle. "Wir sind seit Jahren in einem konstruktiven Dialog mit unserer Autoindustrie und schonen sie nicht." Deshalb würde er sich "wünschen, dass die Kandidaten für den Parteivorsitz ihre Vorschläge mit den Fachleuten in der Partei abstimmen und nicht in einen Wettbewerb um die radikalste Schlagzeile eintreten".

Manche Linke rätselt dafür, ob über den Kandidaten Özdemir nicht noch weitere unschöne Dinge bekannt werden könnten. Özdemir war 2002 in die Kritik geraten, weil er von dem PR-Mann Moritz Hunzinger einen Kredit angenommen und beruflich erworbene Vielfliegermeilen privat genutzt hatte. Danach war der Abgeordnete nicht erneut für den Bundestag angetreten und legte eine Politik-Pause ein. 2004 kehrte er dann mit dem Einzug ins Europaparlament in die Politik zurück.

"Aufgedrängt hat sich wirklich keiner der beiden Kandidaten", sagt Parteiratsmitglied Seeliger. Schöner kann man fehlende Begeisterung nicht ausdrücken.

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